Uruguay

Uruguay feiert eine Woche lang die frühere Schweizer Kolonie

Schweizstämmige Bewohner von Nueva Helvecia

Schweizstämmige Bewohner von Nueva Helvecia

Die Stadt Nueva Helvecia in Uruguay feiert kommende Woche ihr 150-jähriges Bestehen. Am 25. April 1862 gründeten Siedler aus der Schweiz das «Neue Helvetien». Die schweizsstämmigen Bewohner leben die helvetischen Traditionen bis heute.

Im 19. Jahrhundert waren viele Schweizer Bauern und Handwerker verzweifelt. Überbevölkerung, Armut und Arbeitslosigkeit trafen Familien auf dem Lande hart. Wer in der Heimat keine Zukunft sah, flüchtete nach Amerika – auf der Suche nach einem besseren Leben in der Neuen Welt. Die Titanic war noch Zukunftsmusik, eine Überquerung des Atlantiks dauerte vor der Erfindung der Dampfschifffahrt 90 Tage.

Die von den Behörden organisierten Auswanderungen führten damals vor allem in die USA. Schweizer Auswanderer zog es aber auch nach Südamerika – darunter an den Rio de la Plata in Uruguay. Die Kolonie Nueva Helvecia wurde vor genau 150 Jahren von Deutschschweizern gegründet. 1864 waren 479 von 600 Siedlern Schweizer. Die allerersten Schweizer waren bereits 1861 an der Bucht am Rio de la Plata im Süden Uruguays eingetroffen, 120 Kilometer westlich der Hauptstadt Montevideo und vis-à-vis von Buenos Aires (Argentinien). Am 25. April 1862 trafen ein paar hundert Schweizer Familien ein – dieses Datum gilt als offizielles Gründungsdatum des «Neuen Helvetien».

Harte Gründerjahre

Die Anfänge der Schweizer Kolonie in Uruguay waren hart. Die Eingeborenen – Spanier, Kreolen und Indianer – begegneten den Siedlern mit Feindseligkeit. Das raue Klima, Trockenheit, Überschwemmungen, Heuschreckenplagen und die harte Arbeit des bäuerlichen Lebens forderten Todesopfer.

Doch schon bald machte die Kolonie im Land und auf dem ganzen Kontinent von sich reden. Die Schweizer brachten neue Techniken und neue wissenschaftliche Kenntnisse über den Ozean mit – dies ermöglicht ihnen eine effizientere Arbeitsweise. Nueva Helvecia wird bald einmal zum neuen Zentrum der industriellen Produktion, der Landwirtschaft und vor allem der Milchwirtschaft. Es werden Käse, Milch, Fett und andere Molkereiprodukte hergestellt und verkauft. Heute werden drei Viertel des uruguayischen Käses von Nachfahren der Schweizer Immigranten produziert.

Auch die gewieften Schweizer Handwerker – Mechaniker, Maler, Reparateure – bieten ihre Dienste rasch einmal in der ganzen Region an und haben schnell schon einen hervorragenden Ruf, gerade auch, was die Qualität ihrer Arbeit betrifft. In der Schweizer Kolonie entstand die erste Bierbrauerei Uruguays.

Wirtschaftlicher Aufschwung

Vom guten Image der Schweizer Mustersiedlung wurden auch kreolische, spanische, italienische, libanesische und jüdische Migranten angezogen. Der wirtschaftliche Aufschwung war in der Folge derart gross, dass im Ort das erste grosse Hotel ausserhalb der Hauptstadt gebaut wurde.

Anfang des 20. Jahrhunderts machte die Ausfuhr von Rindfleisch und Schafwolle Uruguay zum reichsten Land Südamerikas. Montevideo wurde als erste Stadt auf dem Kontinent elektrifiziert und erhielt eine Strassenbahn. Das Land zog viele Immigranten an, zwischen 1880 und 1910 verdoppelt sich die Einwohnerzahl auf eine Million.

Demokratische Schule Uruguays

Die Schweizer Siedler bewahren sich ihre Bindung zur Heimat und kultivieren ihre Traditionen aufwendig. Die 1.-August-Feiern dauern im «Neuen Helvetien» heute noch einen ganzen Monat lang. 1874 gründeten die Schweizer Kolonialisten zudem den ersten Sportverein des Landes, einen Schützenverein. Auch in Chören und Gesangsvereinen pflegten die Schweizer fernab ihrer alten Heimat ihr Brauchtum. Und in den lokalen Restaurants ist Fondue bis heute äusserst populär.

Die offizielle Schweiz gab sich von Anfang an grosse Mühe, die Beziehungen zu Nueva Helvecia und Uruguay zu pflegen. Bereits 1859 wurde ein Schweizer Konsulat eingerichtet – also noch vor der offiziellen Gründung. Eine Schweizer Botschaft gibt es seit 1947. In der Kolonie gab es einen Gemeinderat und regelmässige Gemeindeversammlungen auf Deutsch und Französisch. Der Historiker Juan Carlos Wirth schrieb deshalb später: «Nueva Helvecia war die demokratische Schule Uruguays.»

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