Pandemie

Übersterblichkeit von 200 Prozent: In Schweden trifft Corona Einwanderer viel härter als Einheimische

Freibad in der schwedischen Stadt Malmö: Besonders unter Einwanderern grassiert das Coronavirus.

Freibad in der schwedischen Stadt Malmö: Besonders unter Einwanderern grassiert das Coronavirus.

Gewisse schwedische Einwanderergruppen sind besonders stark von Corona betroffen – Schweden und Europäer dagegen viel weniger. Eine Studie zeigt ein neues Problem am schwedischen Sonderweg auf: Nicht-westliche Ausländer wurden «vergessen», sagen Kritiker.

Die Coronakrise hat nicht-westliche Einwanderer viel stärker getroffen als in Schweden geborene Personen oder Europäer. Dies hat eine Studie der Universität Göteborg ergeben, die sich mit der hohen Anzahl Todesopfer befasst; Schweden zählt bisher über 5300 Corona-Tote, fünf Mal mehr als alle Nachbarländer zusammen.

Der Vergleich der Übersterblichkeit von Bevölkerungsgruppen von März bis Mai ergab, dass es unter Einwanderern aus Syrien, Irak und Somalia überproportional viele Todesopfer gab. So starben rund dreimal mehr Personen dieser Gruppe als durchschnittlich in den Jahren 2016 bis 2019 – eine Übersterblichkeit von mehr als 200 Prozent. Unter den in Schweden geborenen Personen sowie westlichen Einwanderern gab es für die 40- bis 64-Jährigen dagegen gar keine Übersterblichkeit, für die über 65-Jährigen betrug sie 20 Prozent.

Die Forscher wählten Syrien, Irak und Somalia, weil es die Herkunftsländer vieler Flüchtlinge der letzten Jahren sind, es sich also vornehmlich um Personen handeln dürfte, die sich in Schweden «schwach etabliert haben», wie es in der Studie heisst. «Es geht nicht um die Nationalitäten», erklärte Kristina Jakobsson, Professorin für Volksgesundheit, «sondern darum, dass man laut unserer Untersuchung aufgrund von sozialen Strukturen einem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt ist».

Dieses Problem wurde auch in anderen Länder festgestellt: Sozial belastete Quartiere, in denen viele Einwanderer in engen Wohnblöcken leben, haben besonders mit Corona zu kämpfen. Die Autoren der Uni Göteborg weisen zudem daraufhin, dass die prekäre Jobsituation in Grossstadtvororten ein Problem ist. Viele haben dort aufgrund mangelnder Bildung einfache Jobs, oft teilzeit und womöglich an wechselnden Orten. Sie sind auf öffentlichen Verkehr angewiesen, Home-Office ist selten möglich.

Deutlich weniger Ansteckungen in wohlhabenden Quartieren

Die Befunde der Studie werden durch eine Daten-Recherche der Zeitung «Expressen» gestützt. Sie hat die Ansteckungen in Stockholmer Quartieren verglichen und festgestellt, dass diese in wohlhabenderen Gegenden deutlich tiefer sind. «In den ärmsten und engsten Vororten hat sich Covid-19 am stärksten ausgebreitet; dort gibt es die meisten Hospitalisierungen», schreibt die Zeitung.

Im stark belasteten Quartier Rinkeby gab es im März den ersten Todesfall Schwedens, danach ein muslimisches Begräbnis mit vielen Teilnehmern – noch bevor Schweden Versammlungen von 500 auf 50 Personen beschränkt hatte. Es ist gut möglich, dass dies zu einer frühen Verbreitung der Ansteckungen unter den vielen Ausländern Rinkebys beitrug, und die Warnsignale missachtet wurden. Ein anderer Faktor kann sein, dass unter Einwanderern gesundheitliche Probleme wie hoher Blutdruck und Übergewicht verbreiteter sind als unter Schweden.

Chef-Epidemiologe Tegnell ändert seine Meinung

Auf die Recherche angesprochen, bestätigt der Staatsepidemiologe Anders Tegnell gegenüber «Expressen», dass Covid-19 einen starken Zusammenhang mit sozioökonomischen Faktoren habe. Das sind allerdings neue Töne. Am Anfang der Epidemie war Tegnell der Ansicht, dass sich das Coronavirus wie die Grippe gleichmässig ausbreite. «Doch es scheint, dass es sich in gewissen Gebieten oder Gruppen ausbreitet, und dann zu einer anderen Gruppe springt.» Die Gründe dafür seien noch unklar, doch spiele wohl eine wichtige Rolle, dass nicht alle Personen Corona gleich verbreiteten.

Der weniger restriktive schwedische Sonderweg im Umgang mit Corona wird nun an einer neuen Front kritisiert: Die Lebensumstände in den Vororten sind das eine, die Kommunikation das andere. Gesundheitspersonal in den Vororten hatte mehrfach davor gewarnt, dass Ausländer am Anfang zu wenig über Corona informiert gewesen seien – mit tödlichen Folgen.

Kritiker sagen, die Einwanderer seien von den Behörden «vergessen» worden, deren Situation sei falsch eingeschätzt worden. «Man ist davon ausgegangen, dass Corona für alle gleich sei. Das stimmt nicht», sagt auch Kristina Jakobsson von der Uni Göteborg. In ihrer Studie heisst es, das Ziel, die Senioren besonders gut zu schützen, scheine aufgrund der hohen Todeszahlen missglückt zu sein – «doch es gibt auch andere Gruppen in der Gesellschaft, die überproportional hart getroffen wurden».

Die neuen Zahlen zur Übersterblichkeit treffen in Schweden einen besonders wunden Punkt: Das Land, das Gleichstellung gross schreibt und seine Einwanderungspolitik mit einer humanitären Verpflichtung verbunden hat, scheint in der Coronakrise ausgerechnet Einwanderer vernachlässigt zu haben.

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