Vor genau zwei Jahren hatte Abu Bakr al-Bagdadi in Mossul die Gründung eines «Kalifats» verkündet und sich selbst ganz unbescheiden zum «Befehlshaber aller Gläubigen» ernannt. Der Proklamation des islamistischen Pseudo-Staates vorausgegangen war die Eroberung eines zusammenhängenden Gebietes im Nordwesten des Irak und im Osten Syriens, welches in den darauf folgenden Monaten noch wachsen konnte.

Der gestern begangene «zweite Jahrestag der Kalifats-Gründung» ist für den sogenannten «Islamischen Staat» (IS) noch immer ein Grund zum Feiern: In einem am Dienstag ins Netz gestellten 18-minütigen Propagandafilm ist die Terrormiliz darum bemüht, ein Bild des Friedens und der Harmonie zu zeichnen. Es werden Bilder von Märkten gezeigt, die von Gütern überquellen, auf denen zufriedene Bürger das Leben im «Kalifat» lobpreisen.

Islamisten aus neun islamischen Staaten schwören dem Kalifen ihre Treue und rufen zum Heiligen Krieg gegen ihre Regierungen auf. Das Leben in einem «unabhängigen und autarken islamischen Wohlfahrtsstaat, in dem die Armut langsam verschwinde», sei erstrebenswert, lautet die Botschaft. Notwendig sei lediglich etwas Durchhaltewillen gegen die «Bomben der Kreuzfahrer-Staaten».

Dem IS geht das Geld aus

Die Wirklichkeit in dem seit fast einem Jahr stetig schrumpfenden «Islamischen Staat» sieht ganz anders aus: Nach der weitgehenden Zerstörung der primitiven Ölindustrie wird das Geld immer knapper. Der Sold der Kämpfer musste halbiert werden, was Auswirkungen auf die Kampfmoral hat. Auf Unlust und Fahnenflucht reagiert der IS mit unvorstellbar grausamen Schock-Videos, in denen vermeintliche Spione bei lebendigem Leibe verbrannt werden und Söhne ihre Väter erschiessen müssen.

Dramatische Auswirkungen wird für den IS die militärische Lage in Syrien haben. Dort ist die Terrormiliz in ihrer Hochburg Manbidsch inzwischen vollständig umzingelt. Die 80 000-Einwohner-Stadt liegt nur 40 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der IS vollständig vom überlebenswichtigen Nachschub aus der Türkei abgeschnitten sein wird.

Erdogan reagierte zu spät

Als das «Kalifat» vor zwei Jahren proklamiert wurde, genoss die IS-Führung noch die stillschweigende Unterstützung der türkischen Regierung. Ankara hoffte, mithilfe der Dschihadisten die syrischen Kurden von der türkischen Süd-Grenze zu vertreiben – und erreichte bekanntlich das Gegenteil: Mit US-Unterstützung konnte die kurdisch dominierte «Demokratische Front» (SDF) die islamistische Terrormiliz fast aus dem gesamten Nordwesten von Syrien vertreiben. Der IS konnte danach von Ankara nicht mehr als nützliche Schachfigur im syrischen Bürgerkrieg eingesetzt werden und wurde – viel zu spät – fallengelassen.

Auch Präsident Erdogan, mit dem die Dschihadisten eine Art Burgfrieden geschlossen hatten, wurde daraufhin zum «Feind des Islam» erklärt. Vorläufiger Höhepunkt der Terrorkampagne waren in der Nacht zum Mittwoch die Selbstmordanschläge des IS auf dem Atatürk-Flughafen von Istanbul. Mit dem Terror am Bosporus wollten die Dschihadisten aus ihrer Sicht Stärke demonstrieren, um damit die eklatante militärische Schwäche in ihrem schrumpfenden «Kalifat» zu vertuschen.