Interview

SBB-Präsidentin Monika Ribar erklärt, wie die Coronakrise das Mobilitätsverhalten verändern wird

Das Interview mit Monika Ribar fand über Skype statt. Sie beantwortete die Fragen der «Schweiz am Wochenende» aus dem Homeoffice.

Das Interview mit Monika Ribar fand über Skype statt. Sie beantwortete die Fragen der «Schweiz am Wochenende» aus dem Homeoffice.

Monika Ribar, die oberste Chefin der Bundesbahnen, erklärt im Interview mit der «Schweiz am Wochenende», warum die SBB jetzt dichtmachen müssten, wenn sie ein privates Unternehmen wären, wieso sie Kurzarbeit für weite Teile des Unternehmens beantragt - und wie die Coronakrise das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung langfristig verändern könnte.

Wir stehen vor dem Osterwochenende. Was unternehmen die SBB, dass die Züge ins Tessin nicht voll sind?

Monika Ribar: Der Bundesrat empfiehlt, unnötige Fahrten im öffentlichen Verkehr zu vermeiden. Auch wir appellieren an den gesunden Menschenverstand und bitten die Leute, auch an Ostern auf Ausflugsfahrten mit dem öV zu verzichten.

Warum haben Sie die Verbindungen ins Tessin nicht einfach komplett gestrichen?

Weil wir vom Bund den Auftrag haben, auch in dieser ausserordentlichen Lage ein Grundangebot an öffentlichem Verkehr aufrechtzuerhalten. Dies ist wichtig für die Gesellschaft und die Wirtschaft, für all jene, die den öV benutzen müssen – etwa, weil sie im Gesundheitswesen arbeiten. Der gesamte öV der Schweiz wird an Ostern – wie sonst in anderen Jahren üblich – keine Verstärkungen wie längere Züge anbieten.

Die SBB verzeichnen rund 90 Prozent weniger Passagiere als üblich. Lässt sich schon abschätzen, wie gross das Loch ist, das die Coronakrise in Ihre Rechnung frisst?

Auch bei uns lautet die grosse Frage: Wie lange hält diese Situation noch an, und wie geht es danach weiter? Solange man sie nicht beantworten kann, lassen sich die finanziellen Folgen schwer abschätzen. Klar ist, dass wir dieses Jahr ein schlechtes Ergebnis haben werden – wahrscheinlich ein negatives.

Sie rutschen in die roten Zahlen?

Damit muss man rechnen. Allerdings sind unsere Divisionen mengenmässig unterschiedlich stark betroffen. Im Güter-Binnenverkehr bewegt sich das Minus derzeit im tiefen zweistelligen Prozent-Bereich. Der Gütertransport auf der Schiene ist zurzeit für die Landesversorgung enorm wichtig.

Dennoch prüfen Sie Kurzarbeit im Güterverkehr. Warum?

Es gibt trotz allem weniger Arbeit, und der Schienengüterverkehr in der Schweiz ist liberalisiert. Dass wir im Güterbereich dieses Jahr rote Zahlen schreiben, ist klar.

Als Unternehmen, das zu 100 Prozent im Besitz des Bundes ist, scheint es seltsam, wenn die SBB nun nach Staatshilfe rufen.

Im Güterverkehr haben wir kein Monopol mehr. Hier herrscht Wettbewerb, anders als im Personenverkehr. Dort wiederum verzeichnen wir Rückgänge von 80 bis 90 Prozent. Es gibt sogar einige Züge, die praktisch leer unterwegs sind. Wären wir ein rein privatwirtschaftliches Unternehmen, müssten wir jetzt zumachen. So wie die Airlines oder andere private Transportunternehmen. Die SBB haben jedoch einen Transportauftrag, darum fahren wir reduziert weiter, solange wir dies können. Auch wenn sich das nicht rechnet. Denn der öffentliche Verkehr ist wichtig für die Gesellschaft und eine funktionierende Wirtschaft.

Werden Sie auch im Personenverkehr Kurzarbeit beantragen?

Ja, wir haben dies für Produktionsbereiche im Personenverkehr sowie für den Vertrieb beantragt, also unter anderem für Kundenbegleitung, Frequenzerhebung, Zugabfertigung und Gepäcktransport.

Also Kurzarbeit überall dort, wo die SBB eigenwirtschaftlich arbeiten?

Wir beantragen sie dort, wo es zu Beschäftigungseinbrüchen von mehr als 10 Prozent gekommen ist.

SBB-Präsidentin Monika Ribar, 60,  studierte Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen sowie an der Stanford-Universität in Kalifornien. 23 Jahre lang war sie für den Logistik-Konzern Panalpina tätig, zuletzt als Konzernchefin. Im Juni 2016 wurde sie Verwaltungsratspräsidentin der SBB.

SBB-Präsidentin Monika Ribar, 60, studierte Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen sowie an der Stanford-Universität in Kalifornien. 23 Jahre lang war sie für den Logistik-Konzern Panalpina tätig, zuletzt als Konzernchefin. Im Juni 2016 wurde sie Verwaltungsratspräsidentin der SBB.

Viele Züge sind momentan auch mit dem reduzierten Fahrplan praktisch leer. Werden Sie ihn noch weiter ausdünnen?

Nein, das ist nicht geplant. Wir haben jedoch ein Konzept für den Fall, wenn sehr viele Mitarbeitende gleichzeitig erkranken würden und auch der heutige Betrieb nicht mehr möglich wäre.

Welche Folgen hat die Coronakrise langfristig für Ihre Preisstrategie? Sind Tariferhöhungen für längere Zeit vom Tisch?

Ja, ganz klar. Wir verfolgten aber schon in den letzten Jahren die Strategie, die Preise stabil zu halten oder mit Sparbilletten zu senken. Das ist jetzt erst recht der richtige Weg. In den nächsten Jahren wird es keine Preiserhöhungen geben können. Wir sind ein Unternehmen des Service Public und müssen andere Mittel ergreifen, um finanziell gesund zu bleiben, als höhere Preise.

Der Verband wollte aber noch vor kurzem das Generalabo verteuern.

Wie erwähnt, als SBB wollen wir für die nächste Zeit keine Preiserhöhungen. Klar ist zugleich, dass wir künftig die Abo-Formen individueller werden gestalten können, dank der Digitalisierung. So werden wir auf das jeweilige Kundenverhalten zugeschnittene Angebote haben. Die Datenschutzbestimmungen werden wir dabei jederzeit strikte einhalten.

Viele Schweizerinnen und Schweizer arbeiten zurzeit im Homeoffice. Andere pendeln, aber mit dem Auto statt wie vorher mit Bus und Bahn. Daran kann man sich gewöhnen. Glauben Sie, dass Sie über die Coronazeit hinaus Kunden verlieren werden?

Wir gehen davon aus, dass der öffentliche Verkehr langfristig an Bedeutung gewinnen wird. Auch weiterhin. Hier spielt nach wie vor die Klimadebatte eine Rolle. Ebenso werden die internationalen Entwicklungen – etwa die Wiedereinführung von Nachtzügen – bestehen bleiben.

Was macht Sie so sicher?

Ich erwarte, dass wir im Luftverkehr in Europa die grössten Veränderungen sehen werden. Da dürfte das Verhalten der Passagiere nicht mehr dasselbe sein wie vor Corona. Für die Airlines ist das eine Katastrophe. Doch das Bedürfnis, über die Grenzen hinaus zu reisen, wird nicht verschwinden. Das wird in Europa vermehrt mit der Bahn geschehen.

Und im Inland? Glauben Sie nicht, dass viel mehr Leute als bisher von zu Hause aus arbeiten werden?

Das ist möglich und in einer gesamtheitlichen Betrachtung ja auch nicht falsch. Die Hauptverkehrszeiten zu entlasten ist für uns ein Vorteil. Mit verschiedenen Massnahmen wie Hochschul-Partnerschaften und angepasste Vorlesungszeiten oder Sparbilletten arbeiten wir schon länger darauf hin. Darum bieten wir auch dem eigenen Personal die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten oder nicht zu den Stosszeiten zu pendeln. So waren wir übrigens auch relativ gut auf diese Krise vorbereitet: Homeoffice ist für die SBB nichts Neues.

Auch Sie selber machen Homeoffice.

Ja. Ich bin zurzeit nur selten in Bern in unseren Büros. Wenn ich dort bin, treffe ich auf grosse Leere… Doch spricht man mit den wenigen Leuten, die vor Ort arbeiten, so sagen sie, der persönliche Kontakt fehle ihnen. Das gilt wohl insgesamt für die Wirtschaft. Ich kenne auch Leute, die können und wollen nicht allein zu Hause arbeiten. Ich glaube darum, es wird künftig eine Mischform geben: Etwas mehr Homeoffice, aber nicht ausschliesslich. Aber Prognosen sind schwierig. Kurzfristig könnte auch das Gegenteil passieren.

Wie meinen Sie das?

Nach dem Ende des Lockdowns besteht vielleicht ein Nachholbedürfnis, vor allem im Freizeitverkehr: Dass also alle rauswollen und sogar mehr Leute unterwegs sind als vor der Krise.

Hygiene und Sauberkeit haben eine ganz neue Bedeutung bekommen, ja sie sind lebenswichtig geworden. Was heisst das für die SBB?

Zurzeit reinigen und desinfizieren wir die Züge intensiver als sonst. Wir haben aber tatsächlich schon darüber diskutiert, ob das in Zukunft so bleiben wird. Es geht auch um das Vertrauen der Kunden.

Mitten in dieser grossen Krise fand bei den SBB ein Führungswechsel statt: Am 1. April hat Vincent Ducrot von Andreas Meyer den CEO-Posten übernommen. Kommt das nicht zur Unzeit und hatten Sie überlegt, Andreas Meyer noch länger einzusetzen?

Das ist in der Tat eine sehr spezielle Situation. Aber gerade jetzt, wo täglich weitreichende Entscheide getroffen werden müssen, kann und darf es nur einen Chef geben. Es stand also nicht zur Diskussion, dass Andreas Meyer wegen der Krise länger bleibt. Zumal wir mit Vincent Ducrot eine erfahrene Führungskraft als CEO haben, der den öffentlichen Verkehr sehr gut kennt.

Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar mit dem abgetretenen CEO Andreas Meyer (links) und dem neuen SBB-Chef, Vincent Ducrot, anlässlich der Stabübergabe am 31. März.

Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar mit dem abgetretenen CEO Andreas Meyer (links) und dem neuen SBB-Chef, Vincent Ducrot, anlässlich der Stabübergabe am 31. März.

Aber Ducro kommt von einem kleinen, regionalen Verkehrsbetrieb und muss nun den riesigen Laden SBB in einer ausserordentlichen Lage führen.

Herr Ducrot ist sehr gut vorbereitet. Er war bereits seit Januar zwei Tage pro Woche an unserem Hauptsitz, um sich einzuarbeiten und sich mit den Leuten zu treffen. Eigentlich war geplant, dass er ab April viel herumreisen würde, zu den Mitarbeitenden an den verschiedenen Standorten; das geht jetzt nicht, dieses Kennenlernen verläuft jetzt mehrheitlich virtuell.

Ducrots Hauptaufgabe wird sein, das Hochfahren des SBB-Betriebs zu organisieren. Man sagt, das sei noch anspruchsvoller als das Runterfahren.

Von aussen ist man sich der Komplexität dieses Hochfahrens vielleicht nicht bewusst. Es beinhaltet viele Aspekte, etwa: Kann man Lokomotiven, die jetzt herumstehen, einfach so wieder in Betrieb nehmen? Fahren die einfach wieder, nachdem sie lange nicht bewegt worden sind? Der Planungsaufwand ist massiv höher. Wir sind mit Hochdruck daran, alle relevanten Fragen zu klären. Der Plan sieht vor, den Betrieb stufenweise wieder auf das Niveau des normalen Fahrplans 2020 hochzufahren.

Wo stehen Sie in der Debatte: Soll die Wirtschaft so schnell wie möglich wieder geöffnet werden? Oder sind Lockerungen aus gesundheitlichen Gründen verantwortungslos?

Wir stecken in der Tat in einem schwierigen Dilemma. Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, was der Lockdown in der Wirtschaft anrichtet – oftmals mit mehr als kurzfristigen Folgen. Ich kenne auch Unternehmen, deren Umsätze laufen momentan noch gut, aber sie sehen, dass sie die Nachfrage ihrer Kunden schon bald nicht mehr befriedigen können, weil ihre Lieferketten unterbrochen sind. Das ist die eine Seite, und die andere, die ich als Laie weniger gut verstehe, ist die virologische und epidemiologische Seite. Hier ist Vorsicht geboten.

Und wie lösen Sie das Dilemma?

Das schlimmste Szenario ist für mich, dass wir die Einschränkungen des öffentlichen Lebens vorschnell lockern – und es anschliessend zu einer zweiten Infektionswelle kommt. Worauf man die Massnahmen wieder verschärfen muss. Im Zweifelsfall würde ich die Einschränkungen eher etwas länger beibehalten. Ich habe hier volles Vertrauen in den Bundesrat.

Das SBB-Personal ist enorm gefordert. Jetzt zeigt sich, ob sich die Mitarbeiter mit dem Unternehmen identifizieren oder nicht. Wird es nun ein Problem, dass die Mitarbeiterzufriedenheit in den letzten Jahren gesunken ist?

Ich habe nicht diesen Eindruck. Ich erlebe eine riesige Solidarität. Mitarbeitende, die wenig Arbeit haben, bieten sich an, um anderswo auszuhelfen. Ein Grossteil des Personals kann kein Homeoffice machen, sondern muss raus, allen voran die Lokführer und die Kundenbegleiter, was natürlich Risiken mit sich bringt. Die Krise schweisst unser Personal zusammen. Für den riesigen Effort in dieser schwierigen Zeit danke ich allen Mitarbeitenden von Herzen.

Warum trägt das Personal, das an der Kundenfront arbeitet, keine Maske?

Wir halten uns an das Bundesamt für Gesundheit, welches das Maskentragen für diese Situationen nicht empfiehlt. Aber selbstverständlich erlauben wir es Mitarbeitenden, die das möchten.

Wie solidarisch zeigt sich die SBB-Führung, wenn es um die Boni geht? Werden Topmanagement und Verwaltungsrat darauf verzichten?

Das haben wir noch gar nicht diskutiert. Im Moment sind die Gesundheit der Mitarbeitenden und der Kunden sowie der Betrieb und die Sicherheit die wichtigsten Themen. So wie ich das Management einschätze, werden alle mit dabei sein, wenn finanzielle Abstriche nötig sind. Zudem hängen Boni ohnehin vom Betriebsergebnis ab – sie sinken also, wenn wir ein schlechtes Ergebnis ausweisen für 2020, was unvermeidlich ist.

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