Deutschland

Plötzlich Problemland: Die Deutschen waren Corona-Musterschüler, doch dann kamen die Skandale

Vereinzelt wurde gegen die Coronamassnahmen protestiert – die meisten Deutschen hielten sich aber daran.

Vereinzelt wurde gegen die Coronamassnahmen protestiert – die meisten Deutschen hielten sich aber daran.

Deutschland hat die Pandemie vorbildlich bewältigt. Nach dem Virus-Ausbruch bei Tönnies, der Stuttgarter Krawallnacht und dem mutmasslichen Betrugsfall Wirecard ist das Land verunsichert.

Eigentlich lief alles ziemlich rund. Durch die Coronakrise kam Deutschland bislang ähnlich gut wie die Schweiz und damit besser zurecht als die allermeisten anderen Länder. Die Bürger zogen grösstenteils mit und hielten sich an Abstandsregeln und Maskenpflicht – und das nicht nur aus Hörigkeit gegenüber der Obrigkeit, die den Deutschen gerne unterstellt wird. Viele hielten die Vorgaben schlicht und einfach für vernünftig.

Freilich war man auch in Deutschland froh, als die Läden, Bars und Biergärten wieder öffneten. Die Zustimmungswerte für die Auflagen waren aber durchgängig hoch. Deutschland, lässt sich festhalten, machte während der Krise eine gute Figur. Doch dann kam Tönnies. Und mit ihm eine Reihe weiterer Skandale, die das Land plötzlich gar nicht mehr so souverän dastehen lassen, wie vor einigen Tagen noch gedacht. An gleich vier Stellen brennt es.

1. Der Schlachthof und die Infektionen

In einer Fleischfabrik des grössten deutschen Schweineschlachters Tönnies haben sich über 1500 Mitarbeiter mit dem Coronavirus angesteckt. Einmal mehr wirft der Fall ein Schlaglicht auf die Bedingungen, die in grossen deutschen Billigfleisch-Fabriken herrschen. Von «sklavenähnlichen Zuständen» ist bisweilen die Rede und das bereits seit Jahren. Doch weder Konsumenten noch die Politik scheinen sich daran zu stören.

Aktivistin mit Schweinsmaske vor der Tönnies-Fabrik in Gütersloh: Die Rede ist von «sklavenähnlichen Zuständen» für die Mitarbeiter.

Aktivistin mit Schweinsmaske vor der Tönnies-Fabrik in Gütersloh: Die Rede ist von «sklavenähnlichen Zuständen» für die Mitarbeiter.

Armin Laschet, der Ministerpräsident des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, verhängte nun einen regionalen Lockdown. Ausgerechnet Laschet, hatte doch gerade der CDU-Politiker und Anwärter auf die Nachfolge Angela Merkels auf eine frühzeitige Öffnung der Wirtschaft gedrängt. Nun holt das Virus Laschet ein.

Daneben steigen auch andernorts die Infektionszahlen, etwa in Berlin. In Göttingen musste ein gesamtes Hochhaus abgeriegelt werden. Noch ist die Lage insgesamt zwar unter Kontrolle. Aber häufen sich die Fälle, kann auch eine zweite Welle nicht mehr ausgeschlossen werden. Ob die Bürger des Landes einen zweiten Lockdown ähnlich gutmütig mitmachen würden wie den ersten, ist fraglich.

2. Wirecard und der wirtschaftliche Schaden

Verdrängt wurde der Ausbruch in der Fleischfabrik vom spektakulären Fall Wirecard. Der Absturz des Finanzdienstleisters ist beispiellos. Rund zwei Milliarden Franken fehlten in der Bilanz, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es sie nie gab. Geschäfte in Asien wurden angegeben, die mutmasslich nie stattgefunden haben. Jetzt hat das Unternehmen – immerhin im Dax notiert, dem Äquivalent zum SMI – Insolvenz angemeldet, der frühere Chef ist gegen Kaution auf freiem Fuss.

In dramatischer Schieflage: Der Finanzdienstleister Wirecard hat Insolvenz angemeldet.

In dramatischer Schieflage: Der Finanzdienstleister Wirecard hat Insolvenz angemeldet.

Betrugsfälle lassen sich in der Wirtschaftswelt freilich nicht hundertprozentig verhindern. Im Fall Wirecard gab es allerdings seit Jahren Warnungen und Anzeichen dafür, dass im Asiengeschäft etwas nicht stimmt. Statt die Manipulationsvorwürfe von Whistleblowern und Journalisten ernst zu nehmen, gingen Bankenaufsicht und Ermittlungsbehörden lieber gegen ebendiese vor.

So machten die Wirecard-Manager unbehelligt weiter, bis die Machenschaften in dieser Woche aufflogen. Was bleibt, ist ein Wirtschaftsskandal sondergleichen. Die «FAZ» meint zu dem Fall: «Der Name Wirecard steht künftig als Synonym für Lug und Betrug, für undurchsichtiges Geschäftsgebaren und ein Versagen sämtlicher Prüf- und Aufsichtsinstanzen.» Ein Versagen auf ganzer Linie.

Für den Finanzplatz Deutschland, der sich in der digitalen Bankenwelt behaupten will, ist Wirecard ein schwerer Rückschlag. Gegen die Konkurrenz aus den USA ist der deutsche Technologiesektor ohnehin längst im Hintertreffen. Einzig der Softwarefirma SAP gelang es bislang, sich in dem Bereich als Konzern von Weltformat zu etablieren. Die Hoffnung, mit Wirecard ein zweites Unternehmen daneben stellen zu können, hat sich für die deutsche Digitalwirtschaft seit dieser Woche erledigt.

3. Der Absturz eines Hoffnungsträgers

So tief wie Wirecard fiel Philipp Amthor nicht. Aber auch sein Fall ist zumindest bemerkenswert. Amthor ist so etwas wie der konservative Gegenentwurf zur grünen Klimajugend: dunkler Anzug, gegelte Haare, markante Brille, streng beim Thema Einwanderung. Der Jungpolitiker machte sich mit einigen sehenswerten Auftritten zum Gesprächsthema in Deutschland und zum heimlichen Hoffnungsträger der CDU.

Sein steiler Aufstieg ist ins Stocken geraten - mindestens vorübergehend liegt er gar auf Eis: CDU-Hoffnungsträger Philipp Amthor.

Sein steiler Aufstieg ist ins Stocken geraten - mindestens vorübergehend liegt er gar auf Eis: CDU-Hoffnungsträger Philipp Amthor.

Bürgernah und bodenständig gab sich der 27-Jährige. Der «Spiegel» entlarvte den Auftritt als Fassade und legte seine mindestens streitbaren Verbindungen zu einem New Yorker Start-up offen. Den Chefs vermittelte er Gesprächstermine in Berlin. Dafür soll er mit einem Direktorenposten und Aktienoptionen entlohnt worden sein. Auch hier ist der Imageschaden bereits sichtbar – für Amthor selbst, aber auch für die classe politique insgesamt, die sich einmal mehr dem Vorwurf der Käuflichkeit ausgesetzt sieht.

4. Stuttgart und die rohe Gewalt

Baden-Württembergs Landeshauptstadt Stuttgart ist ein beliebtes Shopping-Ziel auch für Schweizer. Für Gewaltexzesse ist die Schwabenmetropole eigentlich nicht bekannt. Doch am vergangenen Wochenende wütete ein Mob aus Hunderten jungen Männern, attackierte Polizisten, demolierte Geschäfte. Festgenommen wurden 24 Randalierer, die Hälfte davon ohne deutschen Pass.

Ausgerechnet im bürgerlichen Stuttgart tobte vor einer Woche ein randalierender Mob. Die Vorfälle lösten eine Debatte über innere Sicherheit aus.

Ausgerechnet im bürgerlichen Stuttgart tobte vor einer Woche ein randalierender Mob. Die Vorfälle lösten eine Debatte über innere Sicherheit aus.

Seither rätselt Deutschland, wie das passieren konnte. Hört man indes Polizisten zu, dann wirkt die Krawallnacht von Stuttgart alles andere als vom Himmel gefallen. Die Gewalt gegenüber der Polizei nimmt seit Jahren zu. Das Gewaltmonopol des Staates wird von immer mehr jungen Männern - gerade unter Migranten - nicht mehr akzeptiert. Angeheizt wird die Stimmung gegen die Ordnungshüter von links. Etwa von SPD-Chefin Saskia Esken, die der Polizei «latenten Rassismus» vorwarf. Oder von der Zeitung «taz», die in einer Kolumne Polizisten mit Müll verglich.

Um es klar zu sagen: Deutschland hat kein Problem mit struktureller Polizeigewalt, wenngleich Einzelfälle stattfinden. Das grössere Problem ist die Gewalt gegen die Polizei. Dass dieses anhaltende Brodeln nun ausgerechnet im bürgerlichen Stuttgart zur Eruption kam, verunsichert viele.

Tönnies, Wirecard, Amthor, Stuttgart: In Deutschland ging in wenigen Tagen gleich dreierlei verloren: Vertrauen in die Wirtschaft, Vertrauen in die Politik und Vertrauen in die öffentliche Sicherheit.

Zwar geraten weder Wirtschaft, noch Politik oder grössere Teile der Bevölkerung ob der jüngsten Rückschläge in Panik. Auch die Coronakrise scheint immer noch in beherrschbaren Bahnen zu verlaufen. Dennoch steht die Frage im Raum, ob im Musterland Deutschland genug getan wurde, um die vier jüngsten Skandale zu verhindern - immerhin köchelten alle vier Fälle lange vor sich hin. Oder ob angesichts der Leistung bei der Eindämmung der Pandemie nicht mehr so genau hingesehen wurde. Und ein nicht allzu selbstkritischer Blick auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Land zu deren Entstehung zumindest beigetragen hat.

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Autor

Fabian Hock

Fabian Hock

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