«Es herrscht Krieg», rief ein Bewohner aus dem Sozialviertel Le Breil bei Nantes in die Fernsehkameras. Die Pariser Medien berichten zwar sehr zurückhaltend über die Vorfälle, um nicht zusätzlich Öl ins Feuer zu giessen. Aber ganz wegzappen können sie auch nicht, was in mittlerweile fünf Banlieue-Zonen der hübschen Küstenstadt abgeht: Nach einer ersten Krawallnacht richteten Gruppen von Jugendlichen auch in der Nacht auf Donnerstag schwere Schäden an.

Ganze Gebäude wie etwa eine Quartiersbibliothek brannten aus, dazu Dutzende von Autos. Schaufenster und Bushäuschen gingen in die Brüche. Die meist vermummten Krawallmacher warfen Molotowcocktails und Steine auf die in mehreren Kompanien angerückten Bereitschaftspolizisten, gingen den Tränengaspetarden aber meist aus dem Weg; in äusserst mobilen Gruppen spielten sie mit den rund 200 Ordnungshütern Katz und Maus, währendem sie ihr Zerstörungswerk fortsetzten. 19 Jugendliche wurden in der Nacht verhaftet; deren 11 blieben am Donnerstag vorerst in Haft.

Premier verteidigt Polizei

Der geradezu eruptive Gewaltausbruch erfolgte in Reaktion auf eine Personenkontrolle. Ein Autofahrer konnte sich am Dienstagabend in Le Breil nicht ausweisen und wurde angehalten, auf die Wache mitzukommen, da seine Papiere nicht in Ordnung waren und der Wagen in einer Kartei wegen Drogenhandel registriert war.

Der 22-jährige Mann, der wegen bandenmässigen Diebstahls in Paris per Haftbefehl gesucht war, setzte darauf zurück, wobei er einen Polizisten leicht am Knie verletzte. Der andere zog darauf seine Dienstwaffe und schoss durch das Wagenfenster. Die Kugel durchschlug die Halsschlagader von Aboubakar F. Er wurde ins Spital eingeliefert, starb dort aber kurz darauf.

Frankreichs «Robocops»

Gegen Mitternacht brannten die ersten Autos. Die Vertreter der betroffenen Wohnsiedlungen glauben nicht, dass es sich um Notwehr gehandelt habe, wie die Polizei verlauten liess. Sie sprechen von einer «bavure» – ein sehr französischer Begriff für ein Polizeiversagen. Und sie stellen Videos ins Netz, die dafür als Beleg herhalten sollen. Der Tathergang geht allerdings nicht klar aus den Filmaufnahmen hervor. Premierminister Edouard Philippe stellte sich am Donnerstag bei einem – bereits früher geplanten – Besuch in Nantes hinter die Polizei, kündigte aber «volle Transparenz» bei der Aufklärung durch eine amtliche Untersuchung an. Auch forderte er allgemein zur «Wahrung der Ruhe» auf. Später wurde der Todesschütze in Gewahrsam genommen. Gegen ihn wird wegen «vorsätzlicher Gewalt durch eine Autoritätsperson ohne Tötungsabsicht» ermittelt.

Ob diese Worte viel bewirken werden, wird allerdings bezweifelt. «Was auch immer er getan hat, man kann doch nicht einfach einen Menschen erschiessen», entrüstete sich eine afrikanische Anwohnerin aus Le Breil. Ein Nachbar verglich die Polizisten mit «Robocops».

Erinnerungen an 2005

Ganz Frankreich erinnert sich: 2005 waren die bisher grössten Banlieue-Unruhen ausgebrochen, als zwei Kinder auf der Flucht vor der Polizei in einem Elektrizitätswerk durch einen Stromschlag umgekommen waren. Danach hatte sich die Lage in den Vorstädten zumindest äusserlich etwas entspannt. Auch die Terroranschläge gegen Charlie Hebdo und das Bataclan-Lokal im Jahr 2015 verlagerte die sozialpolitische «Banlieue-Debatte» eher weg zu Fragen des Dschihadismus.

Jetzt mehren sich die Spannungen an der Banlieue-Front wieder. Anfang 2017 war bei Paris ein junger Afrikaner namens Théo in einer Polizeikontrolle mit einem Schlagstock in seinem Hintern malträtiert worden. Die Schilderung des Tathergangs durch den 22-jährigen Mann erwies sich in der Folge als teilweise falsch.

«Die Polizei tötet»

Die Einsätze der amerikanischen Polizei gegen schwarze Bürger fanden derweil ein grosses Echo in den französischen Vorstädten. So wie früher die Intifadas die Banlieue-Spannungen angeheizt hatten, wirkt sich nun Donald Trumps Wahl in den USA sehr destabilisierend auf die Pariser Trabantenstädte aus. «Die Polizei tötet», lauten brandneue Graffiti in Nantes. Ein kahlgeschorener Krawallmacher meinte: «Wir wissen, dass es nichts nützt, aber wir werden uns rächen.»

Die französischen Polizisten gelten an sich nicht als rassistisch, auch wenn sie laut Umfragen zu mehr als 50 Prozent für die Rechtsextremistin Marine Le Pen stimmen. In der Banlieue geraten die «Flics» heute systematisch in die Defensive. 2017 hatte die damals sozialistische Regierung den Begriff der Notwehr bereits ausweiten müssen. Das änderte nicht viel. In Nantes wurden die Insassen zweier Polizeiautos jüngst gefilmt, als sie das Viertel Le Breil fluchtartig verlassen mussten, um nicht mit Steinen beworfen zu werden. Das war noch vor der umstrittenen Polizeikontrolle. Der Autoritätsverlust in diesen Banlieue-Zonen führte aber wohl auch dazu, dass der Polizist gegenüber Aboubakar F. so nervös handelte.