Papst

Lateinamerikaner setzten grosse Hoffnungen in ihren neuen Papst - «Er kennt die Realität der Dritten Welt»

Stehende Ovationen für den ersten lateinamerikanischen Papst in einer Kirche von Buenos Aires. Ivan Fernandez/keystone

Stehende Ovationen für den ersten lateinamerikanischen Papst in einer Kirche von Buenos Aires. Ivan Fernandez/keystone

Die Menschen in Lateinamerika und ihre Kirchenexperten sehen im neuen Papst einen grossen Hoffnungsträger. Doch einige Antworten bleibt die Kirche unter Papst Franziskus noch schuldig.

Überbordende Freude und enorme Erwartungen hat der neue Papst in Lateinamerika ausgelöst. Mit dem argentinischen Kardinal Jorge Mario Bergoglio, so die meisten Kirchenexperten, wird die Kirche wieder näher zu den Gläubigen finden und das Pendel von einer extrem konservativen Ideologie zurückschwingen in Richtung Mitte.

Einer der Ersten, die dem neuen Oberhaupt der Katholiken Respekt zollten, war der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff – als marxistischer Abweichler vom Vatikan einst mit einem Lehrverbot belegt.

«Franziskus ist mehr als nur ein Name, es ist Programm. Der heilige Franziskus ist eine der mächtigsten Leitfiguren der Christenheit. Er steht für Liebe zu den Armen, zur Natur, zum einfachen Leben», twitterte Boff. Er stehe auch für den Wiederaufbau der Kirche.

Fürsprecher der Laien

«Bergoglio ist eine grosse Hoffnung, denn er kennt die Realität der Dritten Welt», sagte der mexikanische Priester und Beauftragte der Basisgemeinden, José Sánchez, der «Nordwestschweiz». «In seinen ersten Gesten hat er sich als sehr einfacher, bescheidener Oberhirte präsentiert, der zuerst das Volk um Segen für sich bittet.

Damit stellt er das Volk in die Mitte, nicht die Kirchenhierarchie», so Sánchez, der den neuen Papst ausserdem als Fürsprecher der Laien und Basisgemeinden in Erinnerung hat. «Er ist konservativ, wird sich aber vom extrem rechten Flügel loslösen. Bis wohin, werden wir sehen.»

Als idealen Mittler sieht ihn auch der Kirchenexperte und Ex-Jesuit Rubén Aguilar. «Selbst der konservativste Jesuit ist weit entfernt von einem Opus-Dei-Bischof», sagte er der «Nordwestschweiz».

Laut Aguilar dürfte bei der Wahl Bergoglios Integrität eine grosse Rolle gespielt haben, da ihm zugetraut werde, den internen Problemen der Kirche mit der nötigen Mischung aus Dialogfähigkeit und Strenge zu begegnen.

In diesem Sinne führe er die Linie seines Vorgängers Benedikt XVI. fort. «Er wird kein Vorkämpfer der Veränderungen sein, sondern eher ein Brückenbauer», glaubt der argentinische Exgouverneur José Octavio Bordón, ein guter Bekannter Bergoglios. «Er ist ein einfacher Hirte, fast schon zu bescheiden für einen Argentinier», fügte er augenzwinkernd hinzu.

Als Jesuit gehört Bergoglio einem Orden an, der als besonders intellektuell, undogmatisch, weltoffen und politisch einflussreich gilt – gerade weil viele Jesuiten ihren eigenen Weg zu Christus finden und nie ordiniert werden, aber auch in hohen gesellschaftlichen Positionen dem Orden und christlichen Prinzipien verbunden bleiben.

Kein Orden hat so viele Märtyrer

Die Jesuitenuniversitäten in Lateinamerika gehören zu den ältesten und angesehensten des Kontinents. Viele Jesuiten unterstützten in den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren aktiv die linken Befreiungsbewegungen gegen die Militärdiktaturen, zahlreiche kamen dabei ums Leben. Kaum ein Orden hat so viele Märtyrer wie die Jesuiten.

«Ich war überrascht von der Wahl, denn das Streben nach hierarchischen Posten gehört nicht zum Charisma der Jesuiten», so der Gründer des Menschenrechtszentrums der Jesuiten in Mexiko, Edgar Cortéz.

Er erwarte von seinem Ordensbruder aber klarere Antworten auf die drängenden sozialen Fragen der Neuzeit wie den Klimawandel, die Orientierungslosigkeit der Jugend und die Globalisierung mit ihren dramatischen sozialen Folgen. «Hier ist die Kirche noch Antworten schuldig.»

In der Kathedrale von Buenos Aires und vielen Vorstadtgemeinden wurde nach der Wahl gefeiert. «Er war wenn nötig standfest und immer ein sehr einfacher Mensch. Er ist ein Hirte», sagte eine Gläubige nach der Messe in die Kathedrale, in der es stehende Ovationen für den neuen Papst gab.

«Er ist eine grosse Persönlichkeit, jemand, der die Kirche auf die Strasse getragen hat und dem die Armen immer am Herzen lagen», so der argentinische Bischof Enrique Guía.

Auch die lateinamerikanischen Politiker feierten den «ersten lateinamerikanischen Papst» überschwänglich. Venezuelas Interimspräsident Nicolás Maduro scherzte sogar, der verstorbene Hugo Chávez habe möglicherweise im Himmel Fürsprache für einen Südamerikaner eingelegt.

Doch ausgerechnet in seiner Heimat Argentinien gab es neben fröhlichen Hupkonzerten und grossem Jubel auch Kritik. Als Präsidentin Cristina Kirchner dem neuen Papst «Glück» wünschte, erschallten Pfiffe. Die Staatschefin hatte sich mit dem Kardinal manchen Schlagabtausch geliefert. Er vertrete eine Theologie des Mittelalters und der Inquisition, entgegnete ihm Kirchner, als Bergoglio kritisch und wortstark gegen die Homoehe Stellung bezogen hatte.

Meistgesehen

Artboard 1