Kommentar

Joe Biden ist ein schwacher Kandidat: Umso wichtiger ist es, dass alle anderen Bewerber das Rennen verlassen – und zwar sofort

Joe Biden, 77, Stotterer, Ex-Vizepräsident und neuer Frontrunner der Demokraten. (Bild: Keystone)

Joe Biden, 77, Stotterer, Ex-Vizepräsident und neuer Frontrunner der Demokraten. (Bild: Keystone)

Der 77-jährige einstige US-Vizepräsident hat am «Super Tuesday» alle überrascht und in mindestens 8 der 14 Vorwahlstaaten gewonnen. Doch die Euphorie unter den Biden-Anhängern ist trügerisch.

Totgeglaubte leben nicht nur länger, sie gewinnen im Fall von Joe Biden auch sehr viel deutlicher, als das die Mehrheit der Beobachter erwartet hätte: Der 77-jährige ehemalige US-Vizepräsident hat die Rennen der demokratischen Vorwahlen in 8 von 14 „Super Tuesday“-Staaten für sich entschieden und schneidet auch im noch nicht fertig ausgezählten Kalifornien besser ab als gedacht.

«Joe is back» – und die Euphorie unter den Anhängern des moderaten Frontrunners gross. Dennoch: Joe Biden ist alles andere als ein Traumkandidat für die Demokraten. Sein Alter gibt zu reden, seine Auftritte im Fernsehen und bei Wahlkampfveranstaltungen wirken hölzern. Das Stottern, das Biden als jungen Mann geplagt hatte, scheint sich wieder in seine Sprache einzuschleichen.

Und die Momente, in denen er ganz offensichtlich verwirrt ist, häufen sich. Das jüngste Beispiel: Bei einem Wahlkampfauftritt am Dienstag hatte Biden seine Frau mit seiner Schwester verwechselt.

Die einzige Chance, die die Demokraten mit dem schwachen Kandidaten Biden hätten, wäre es, eine umso stärkere Koalition hinter ihn zu stellen. Doch nach wie vor kämpfen neben Biden und seinem linken Widersacher Bernie Sanders drei weitere Demokraten um die Gunst der Wähler: Neben der absolut chancenlosen Abgeordneten Tulsi Gabbard aus Hawaii haben auch die Senatorin Elizabeth Warren aus Massachusetts und der schwerreiche Ex-Bürgermeister von New York, Michael Bloomberg, das Rennen noch nicht aufgegeben.

Wenn die Demokraten in der nun entscheidenden Phase ein starkes Bild nach aussen abgeben und sich als wirkliche Alternative zu Trump präsentieren wollen, dann müssen die drei Nicht-Sanders-Kandidaten ihre Segel sofort streichen und sich hinter Biden stellen. Genau, wie dies Senatorin Amy Klobuchar und Ex-Stadtpräsident Pete Buttigieg in den vergangenen Tagen schon gemacht haben – und Bidens «Super Tuesday»-Siege damit erst ermöglichten.

Nur so kann der schwache Kandidat Biden mit starkem Rückenwind noch das absolute Mehr der Delegierten erreichen und am Parteitag der Demokraten im Juli ohne Wenn und Aber zum offiziellen Präsidentschaftskandidaten erklärt werden.

Ob es ein Kandidat Biden aber schaffen würde, Donald Trump aus dem Weissen Haus zu scheuchen, scheint derzeit zweifelhaft. Daten der amerikanischen Statistik-Journalisten von fivethirtyeight.com zeigen: Bei den Unter-45-Jährigen schneidet der Politveteran Biden schlecht ab. Der Kandidat der jungen, neuen Wähler bleibt der sozialistische Bernie Sanders. Dass Biden es schafft ,Sanders‘ junge, euphorische Anhängerschaft für sich zu gewinnen, ist alles andere als klar.

Sollte wieder einer der alten Garde – und Biden ist als Ex-Vizepräsident und langjähriger Washington-Politiker der Inbegriff der alten Garde – zu Ehren kommen, kann es gut sein, dass die euphorischen Jungwähler am Wahltag (dem 3. November) enttäuscht zuhause bleiben und Donald Trump sich über «four more years» («vier weitere Jahre») freuen kann.

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