Es war in Japan der Aufreger des Jahres 2018: Die ehrwürdige Juntendo-Universität in Tokio sowie diverse andere Medizinfakultäten des Landes mussten zugeben, dass sie jahrelang die Ergebnisse ihrer Aufnahmetests manipuliert hatten. Die Betrügereien sollten männlichen Kandidaten für einen Studienplatz einen Vorteil vor weiblichen Bewerberinnen verschaffen. Teils jahrzehntelang waren Frauen so daran gehindert worden, Ärztinnen zu werden. Ein Sprecher einer der betroffenen Universität rechtfertige das Vorgehen letzten Sommer damit, dass «Frauen ja eh heiraten und Kinder kriegen» und sich die Ausbildung von Frauen deshalb nicht lohne. Andere Offizielle sagten, Hintergrund der Machenschaften sei, dass Frauen früher reif seien als Männer und dieser «natürliche Nachteil» der Männer ausgeglichen werden müsse.

Ein Jahr nachdem der Skandal hochkochte, haben es Japans Frauen ihren Landsmännern nun gezeigt: Beim ersten fair abgehaltenen Aufnahmetest der Juntendo-Universität haben die Bewerberinnen deutlich besser abgeschnitten als die männlichen Kandidaten, teilte die Fakultät am Donnerstag mit. Von den 1679 Frauen, die Anfang des Jahres die Prüfung abgelegt hätten, hätten 8,3 Prozent bestanden. Die Erfolgsquote unter 2202 männlichen Aspiranten habe dagegen nur bei 7,7 Prozent gelegen. In den Jahren zuvor hatten jeweils fast doppelt so viele Männer wie Frauen den manipulierten Test bestanden.

Ebenfalls am Donnerstag reichten 13 Japanerinnen Schadensersatzklage gegen die Juntendo-Universität ein. Die Klägerinnen, die sich zwischen 2011 und 2018 dort um einen Studienplatz bemüht hatten, fordern ihren Anwälten zufolge insgesamt etwa vier Millionen Franken. Die Frauen geben an, durch ihr Scheitern an der geschlechterspezifisch höheren Hürde emotionalen Schaden erlitten zu haben. Ausserdem seien sie um ihre Karrieren als Ärztinnen gebracht worden. Nur jeder fünfte Mediziner in Japan ist weiblich, das ist eine der niedrigsten Quoten in den OECD-Staaten.

Die Affäre um die frauenfeindliche Praxis an den Universitäten wirft ein Schlaglicht auf den schweren Stand, den Frauen in Japan haben. Die weibliche Hälfte der etwa 126 Millionen Japaner kämpft mit einem erzkonservativen Geschlechterbild. Erst Anfang Juni illustrierte Japans Gesundheitsminister, wie rückständig das fernöstliche Land in Sachen Gleichberechtigung teilweise ist: Eine Gruppe von Frauen hatte mit einer witzig gemachten Kampagne Zigtausende Unterschriften gesammelt, damit die Regierung es Firmen verbietet, ihre weiblichen Angestellten zum Tragen von Absatzschuhen zu zwingen. Danach gefragt, was er von diesem orthopädisch begrüssenswerten Vorstoss halte, antwortete Takumi Nemoto, Minister für Gesundheit und Arbeit, dass er es im Gegenteil für «gesellschaftlich akzeptiert» und auch «beruflich für notwendig» halte, dass Frauen hohe Hacken trügen.

Im April schlug ein Fall Wellen, bei dem eine Erzieherin in einem Kindergarten von ihrem Chef kritisiert und abgemahnt wurde, weil sie ausser der Reihe schwanger geworden war.

Der Chef der Einrichtung hatte einen Plan erstellt, wann welche seiner Angestellten ein Kind bekommen und in Mutterschutz gehen darf. Im Zuge der Aufmerksamkeit, die der Fall generierte, stellte sich heraus, dass solche Eingriffe in die Privatsphäre weit verbreitet sind.

Job und Familienleben kaum vereinbar

Traditionell steigen viele japanische Frauen mit Ankunft der Kinder komplett aus dem Arbeitsleben aus: Die Hingabe an den Job, der oft bis zu 60, 70 Wochenstunden verschlingt, lässt sich kaum mit dem Familienleben vereinbaren. Das soll sich nun ändern. Premierminister Shinzo Abe hat angekündigt, eine Gesellschaft zu schaffen, «in der Frauen glänzen können».

Hintergrund für Abes Engagement ist dabei weniger eine emanzipatorische Grundhaltung als wirtschaftliche Überlegungen: In Japan sinkt die Geburtenrate, die Gesellschaft altert rapide. Diese Woche veröffentlichte die UNO eine Statistik, wonach Japan das weltweit niedrigste Verhältnis von Menschen im erwerbsfähigen Alter zu Leuten über 65 Jahren hat.

Während das Verhältnis – ein Index für die Belastung der erwerbstätigen Bevölkerung durch nicht arbeitende ältere Menschen – weltweit sinkt, steigt es in Japan. In Japan kommen nur 1,8 Personen im Alter von 25 bis 64 Jahren für jede Person im Alter von über 65 Jahren. In Europa sind es im Vergleich etwa drei junge Leute auf je einen Senior.

Um die vielen Alten zu versorgen, braucht Japan Wirtschaftswachstum und um das zu produzieren, sollen nun die Frauen Japans mit anpacken. Experten schätzen, dass Japan bis zu 10 Prozent mehr Wirtschaftsleistung erbringen könnte, wenn Frauen im gleichen Mass wie Männer berufstätig wären.

Um dahin zu gelangen, betreibt Abe seit fünf Jahren die so- genannte «Womenomics»-Politik. Kinderbetreuungsangebote, flexiblere Arbeitszeiten und Teilzeit sollen Anreize schaffen, um Mütter nach der Kinderpause zurück in den Beruf zu locken. Das Programm wirkt: Heute arbeiten in Japan 67 Prozent der Frauen, mehr als zum Beispiel in den USA.

Doch für die Japanerinnen haben solche Erfolgsmeldungen einen bitteren Beigeschmack. Denn was verschwiegen wird, ist, dass die neu eingestellten Frauen meist nur schlecht bezahlte Jobs ohne Karrierechancen bekommen. Ausserdem behalten es sich die Männer in Japan vor, zu Hause kaum einen Finger zu rühren.

Und so legt «Womenomics» japanischen Frauen eine schwere Bürde auf: Viele junge Mütter gehen zwar wieder arbeiten, bewältigen aber nebenbei den kompletten Haushalt.

Laut der Keio-Universität in Tokio erledigen Frauen, die 9 Wochenstunden arbeiten, zusätzlich auch noch 25 Stunden unbezahlte Arbeit daheim. Ihre Ehemänner verrichten dagegen im Schnitt weniger als fünf Stunden Hausarbeit.