Krise im Nahen Osten

Iran will sich nach US-Angriff «rächen» – kommt es nun zum Krieg? Die 7 wichtigsten Fragen und Antworten

Der US-Raketenangriff im Irak löst eine schwere Krise aus.

Der US-Raketenangriff im Irak löst eine schwere Krise aus.

Der US-Luftangriff auf einen iranischen General hat das Risiko für eine Eskalation im Nahen Osten weiter erhöht.

Das US-Militär hat in der Nacht von Donnerstag auf Freitag auf Befehl von Präsident Donald Trump den iranischen General Qassem Soleimani getötet. Der 62-Jährige galt als zweitmächtigster Mann im Iran und wurde kurz nach seiner Landung in der irakischen Hauptstadt Bagdad mit einer Rakete umgebracht.

Experten sprechen von einem «Sarajewo-Moment» und setzen die Tötung des iranischen Generals mit der Erschiessung des österreichischen Prinzen Franz Ferdinand in Sarajewo 1914 gleich, der als einer der Auslöser des Ersten Weltkrieges gilt.

1. Kommt es jetzt zu einem neuen Krieg im Nahen Osten?

Nicht sofort. Die Racheschwüre des iranischen Regimes, die auf die Ermordung von General Qassem Soleimani folgten, sind aber sicherlich ernst gemeint. Allerdings machen Vergeltungsaktionen aus der Sicht Teherans nur dann Sinn, wenn sie gut vorbereitet und «erfolgreich» sind. Das braucht Zeit. Es dauerte in der Vergangenheit oft Monate, bis der Iran auf die Ermordung von Politikern, Militärs oder Wissenschaftern reagierte. Die terroristische Vergeltung erfolgte an Orten, die kaum jemand erwartet hatte, zum Beispiel in Bulgarien, wo 2012 sechs israelische Touristen ermordet worden. Zuvor waren in Teheran mehrere Atomphysiker erschossen worden, vermutlich von israelischen Agenten.

2. Welche anderen Konsequenzen hat die Tötung des mächtigen Generals?

Die Gefahr für neue Angriffe auf Öltanker oder auf Förderanlagen in Saudi-Arabien steigt. Das hat den Ölpreis am Freitag in die Höhe getrieben. Gestiegen ist auch die Gefahr von Angriffen auf amerikanische Staatsbürger im Irak. Die US-Botschaft in Bagdad rief daher alle Amerikaner dazu auf, das Land schnellstmöglich zu verlassen. Vergeltungsschläge könnte der Iran oder dessen verbündete Milizen insbesondere auch in Israel verüben.

3. Wieso kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen dem Iran und den USA?

Die Spannungen bestehen seit der Islamischen Revolution von 1979, bei der die USA ihren wichtigsten Bündnispartner im Nahen Osten, den Schah von Persien, verloren. Ein gutes Jahr später hatten iranische Studenten die US-Botschaft in Teheran besetzt. Die 444 Tage andauernde Geiselnahme von 52 Diplomaten haben die USA dem Iran bis heute nicht vergeben. US-Präsident Donald Trump wollte sich nach der versuchten Erstürmung der US-Botschaft durch mit dem Iran verbundene Gruppen in Bagdad am 31. Dezember 2019 nicht von den Iranern vorführen lassen, wie dies vor 40 Jahren dem demokratischen Präsidenten Jimmy Carter passiert war. Trump wollte «Stärke» zeigen und glaubt, dies mit der Tötung Soleimanis erreicht zu haben.

4. Der iranische General Soleimani wurde nicht im Iran, sondern im Irak getötet. Was will der Iran, und was wollen die USA im Irak erreichen?

Teheran im Irak vor allem in militärischen, politischen und wirtschaftlichen Belangen umfassende Kontrolle ausüben. Dabei hat sich der Iran den Zorn grosser Bevölkerungsteile zugezogen, die bei Massenprotesten im November das Ende der iranischen Einmischung verlangten. Der Tod von Soleimani und die vorausgegangenen Luftangriffe auf Stellungen irakischer Milizen hat der Protestbewegung nun die Dynamik genommen und die USA als Interventionsmacht wieder in den Mittelpunkt gerückt. Eine klare Linie der amerikanischen Irak-Politik ist weiterhin nicht erkennbar. Zur Stabilisierung der Region trägt das planlose Vorgehen der USA sicher nicht bei.

5. Was kann eine weitere Gewalteskalation jetzt verhindern?

Appelle zur politischen Vernunft im Dauerkonflikt zwischen dem Iran und den USA haben bisher nicht gefruchtet. Dennoch ist es jetzt sehr wichtig, dass der Westen und insbesondere Europa den Dialog mit dem Regime in Teheran weiterführt und vor allem versucht, den Atomkonflikt zu entschärfen. Gelingt dies nicht, werden es die Stimmen der Vernunft, die es im Iran weiterhin gibt, zunehmend schwer haben, sich Gehör zu verschaffen.

6. General Soleimani baute ein Netzwerk auf, mit dem der Iran Einfluss auf den Irak, Syrien, Jemen und den Libanon ausübte. Schwächt sein Tod die Stellung des Irans?

Anzeichen dafür, dass der iranische Einfluss in der Region kleiner werden könnte, gab es schon vor Soleimanis Tod. Grund dafür sind vor allem die durch der Verhängung amerikanischer Sanktionen stark eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten Teherans. Trotzdem bleibt die vom Iran aufgebaute, sogenannte «Widerstandsachse» über Bagdad, Damaskus und Beirut noch relativ stabil.

7. Kann Soleimani aus iranischer Sicht «gleichwertig» ersetzt werden oder droht bei den einflussreichen Revolutionsgardisten ein Machtvakuum?

In der Vergangenheit war die iranische Führung jeweils in der Lage, prominente Persönlichkeiten nach Attentaten relativ schnell zu ersetzen. General Soleimani galt allerdings als «Ausnahmetalent», als ein Mann mit «ganz besonderen strategischen Fähigkeiten». Wie sehr sein Tod den Iranern wehtut, zeigt die aussergewöhnlich harsche Reaktion von Revolutionsführer Ali Khamenei, der gestern «schwerste Rache» ankündigte.

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