«El Helicoide» in Caracas, wegen seiner Form «das Schneckenhaus» genannt, ist das Gefängnis des gefürchteten venezolanischen Geheimdienstes. Mehr als 300 Häftlinge sitzen dort ein, darunter viele politische Gefangene und auch der US-Amerikaner und Missionar Jo- shua Holt. An diesem Mittwoch, nur wenige Tage vor den höchst umstrittenen Wahlen in Venezuela, ist es in dem Gefängnis zu einem Aufstand gekommen. Die «Guarda Nacional Bolivariana», ein Teil der Streitkräfte Venezuelas, versuchte diesen am Donnerstag offenbar niederzuschlagen. Augenzeugen berichteten von Lastwagen mit «Anti-Aufstandskräften», die zum Gefängnis gekommen seien.

Staaten der Europäischen Union, Lateinamerikas und die USA hatten die Wahlen an diesen Sonntag vor einigen Tagen als illegitim bezeichnet und gefordert, den Termin, den der autoritär regierende Nicolás Maduro vorgezogen hatte, zu verschieben.

Offizielle Informationen über den Aufstand sind zunächst nicht bekannt gewesen. Das venezolanische Informationsministerium liess eine Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters unbeantwortet. Ein Informationsgesuch der US-amerikanischen Botschaft in Caracas beim venezolanischen Aussenministerium blieb unbeantwortet. Unter Berufung auf Aktivistinnen und Aktivisten hiess es in internationalen Medien, die Insassen hätten die Kontrolle über Venezuelas berüchtigtstes Gefängnis gewonnen.

Lieber «in Würde sterben»

In sozialen Medien kursierten Videos, die sich nicht gleich verifizierten liessen. Darin waren Gefangene zu sehen, die aus ihren Zellen flohen. Männer, die sich selbst als Häftlinge identifizierten, behaupteten, sie hätten den Sitz des Geheimdienstes übernommen. Dabei flehten sie auch um Hilfe von ausserhalb und klagten Menschenrechtsverletzungen an: «Wir sind hier, weil wir es müde sind, gefoltert zu werden.»

Der Aufstand soll von der Misshandlung eines Studenten und Aktivisten, offenbar als Gregory Sanabria aus dem Bundesstaat Tachira identifiziert, ausgelöst worden sein. Aufnahmen Sanabrias mit zerschundenem, mit Blutergüssen und Schwellungen übersäten Gesicht kursieren im Internet. Er sagt: «Wir ziehen es vor, in Würde zu sterben! Wir ziehen es vor, mit Stolz zu gewinnen!» Menschenrechtsgruppen und Maduro-Gegner beklagen, dass Hunderte politische Gefangene zu Unrecht in Haft sind. Nicolás Maduro beschuldigt die Aktivistinnen und Aktivisten der Gewalt und Subversion.

Hunderttausende demonstrierten im vergangenen Jahr wieder gegen den zunehmend autoritär und gewaltsam regierenden Sozialisten, Hunderte sind ums Leben gekommen. Die Wirtschaft eines der ölreichsten Länder der Welt ist am Boden, Lebensmittel und Medikamente sind knapp. Wer kann, rettet sich ins Ausland. Die Dimension der Flucht aus Venezuela hat inzwischen die der Flucht aus Syrien erreicht.

Manch Exil-Venezolaner und Anti-Chavist sieht einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen in «El Helicoide» und deren Zeitpunkt vor den Wahlen. Fast jedes Mal davor steigt die Repression in Venezuela, als wolle man die Leute erinnern: «Hey, geht wählen!»

Ein Foto als Auslöser

«Ich glaube auch, dass das mit einem respektlosen Foto zu tun hat, das eine Widerstandgruppe vor einigen Tagen veröffentlicht hat», sagt eine Venezolanerin in Rio de Janeiro, deren Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden soll. «Sofort habe ich gedacht, dass die Regierung mit Repressalien antworten und gegen die politischen Gefangenen vorgehen würde.» Die US-amerikanische Botschaft in Caracas zeigte sich «sehr besorgt» über die Situation – und um Joshua Holt.

Dass das Regime keine Gnade kennt, hatten Einsatzkräfte bei der tödlichen Aktion gegen den abtrünnigen Polizisten Oscar Pérez im Januar gezeigt, der Regierungsgebäude von einem Hubschrauber aus attackiert und sich bei seiner Festnahme bereits ergeben hatte. «El Helicoide», ursprünglich ein Shoppingcenter aus den 1950er-Jahren, das Venezuelas Symbol für den Fortschritt war, steht heute für den Sturz des Landes in wirtschaftliches Chaos und Autoritarismus.