Coronavirus

In diesem Spital in Israel müssen Coronapatienten nicht alleine sterben

Auf der Corona-Station des Ichilov-Spitals in Tel Aviv nehmen Angehörige persönlich Abschied.

Auf der Corona-Station des Ichilov-Spitals in Tel Aviv nehmen Angehörige persönlich Abschied.

Der einsame Tod gehört zum Schicksal vieler Coronapatienten. Nicht so im Ichilov-Krankenhaus in Tel Aviv: Es war eines der ersten weltweit, das Familienmitgliedern erlaubte, bei ihren sterbenden Angehörigen zu sein.

«Du bist nicht allein», sagt sie immer wieder zu ihrer Mutter und streichelt ihr übers Haar. «Mutter. Mein Leben. Meine Schönheit. Du musst kämpfen.» Diese Aufnahme von Mutter und Tochter ging im April durch die israelischen Medien. Tochter und Mutter befinden sich auf der isolierten Corona-Station des Ichilov Krankenhauses. Die Mutter ist lebensbedrohlich erkrankt. Ihre Tochter richtet letzte warme Worte an sie.

Es sind berührende Bilder, welche eine unserer grössten Ängste im Zusammenhang mit Corona zeigt: Das Grauen des einsamen Todes. Eine Realität, die sich in den vergangenen Monaten und noch immer auf der ganzen Welt zeigt. Corona-Patienten sind stark ansteckend, liegen deshalb auf isolierten Stationen ohne Besuchsrecht. Und dort bleiben sie, auch wenn es zum Äussersten kommt.

Das Ichilov-Krankenhaus ist das erste Spital in Israel, das sich gegen diesen Standard entschieden hat. Angehörige können ihre schwerkranken Familienmitglieder unter strengen gesundheitlichen Sicherheitsvorkehrungen besuchen und Abschied nehmen. Mittlerweile haben sich vier weitere Krankenhäuser im Land zu diesem Schritt entschieden.

«Nicht unsere moralischen Vorstellungen»

«Wir können den Menschen ihre Würde nicht nehmen. Patienten alleine sterben zu lassen entspricht schlicht und einfach nicht unseren moralischen Vorstellungen», sagt Ronni Gamzu, CEO des Krankenhauses. «Wir haben uns nach dem ersten Corona-Todesfall in unserem Krankenhaus dazu entschieden, Besuch zu ermöglichen. Der Anblick eines einsamen Sterbenden war für uns kaum auszuhalten.»

Zirka 300 Corona-Patienten hat das Krankenhaus bereits behandelt. 15 von ihnen seien daran gestorben. Aktuell liegen 50 auf der Isolier-Station. Bis anhin habe sich noch kein Angehöriger bei seinem Besuch angesteckt. Die Regeln für den Besuch sind klar definiert: Abgesehen von Schutzkleidung dürfen sie nur je 10 Minuten lang bei den Erkrankten sein. Das habe mit der Ansteckungszeit von 15 Minuten bei nahem Kontakt zu tun. Und nur zwei Besucher pro Patient sind erlaubt.

Arbeiten im Ausnahmezustand

«Es sind zwar nur zehn Minuten, aber für Angehörige bedeutet das eine ganze Welt», sagt Elinor Bar-Menashe. Die Sozialarbeiterin ist seit Wochen nur noch mit der Corona-Station beschäftigt. Elinor bildet die Brücke zwischen den Erkrankten und der Aussenwelt: Wer sich in einer lebensbedrohlichen Situation befindet, dessen Angehörige werden zuerst vom Arzt über den Zustand des Patienten informiert. Nach diesem Anruf folgt Elinor. «Ich erkläre den Angehörigen, dass sie den Patienten besuchen dürfen und erläutere den Ablauf eines Besuches.

Als Sozialarbeiterin muss ich auf die Bedürfnisse aller Seiten eingehen können und am Telefon heraushören, ob die Angehörigen das auch wollen.»

Solche Gespräche fänden normalerweise von Angesicht zu Angesicht statt. Doch seit Corona arbeitet Elinor am Telefon. Da sei es schwieriger, die Menschen zu lesen und das Umfeld des Patienten zu verstehen. «Nicht jeder möchte herkommen und auch nicht jeder kann. Einige fürchten sich vor der Krankheit und wollen deshalb nicht rein, andere wiederum gehören zur Risikogruppe oder befinden sich in Quarantäne. In solchen Fällen weichen wir auf eine Videoschaltung aus.»

Kritik am Besuchsrecht

Seit über zwanzig Jahren arbeitet Elinor als Sozialarbeiterin im Spital. Langweilige Arbeitstage kenne sie nicht. Doch diese Corona-Zeit sei besonders anspruchsvoll: «Die Tage sind viel intensiver. Das Umfeld ist anders. Die Arbeitsumstände sind sehr unnatürlich und die Komplexität der familiären Situationen teilweise intensiver.»

Die Bilder aus der Irchilov-Corona-Isolation berühren. Aber es gibt auch Kritik an Ronny Gamzus Entscheidung. Er vergeude Schutzkleidung, heisst es zum Beispiel.

Ein Argument, welches das Ausmass des falschen Umgangs mit der Krankheit wiederspiegle: «Wie kann man von Vergeudung sprechen, während Menschen vor unseren Augen einsam sterben? Das ist doch verrückt. Die Welt ist komplett am durchdrehen, auch der Gesundheitssektor. Wir wiegen überhaupt nicht mehr ab, was uns wichtig ist, sondern verfolgen roboterartig eine Mission und das alles im Namen der Medizin. Alles wird dem Virus untergeordnet.»

«Nicht jede Entscheidung muss eine absolute sein»

Das Menschsein bleibe auf der Strecke, kritisiert Gamzu. Genau wie der gesunde Menschenverstand. Dabei spielt Gamzu das Virus nicht herunter: «Doch wir müssen einen Weg finden, Menschlichkeit in diese Umstände zu bringen. Und wenn das bedeutet, dass ein Schutzmantel daran glauben muss, dann finden wir einen Weg, dies zu tun.» Zudem solle man seiner Meinung nach flexibel mit den Bestimmungen bleiben: Besucher zu erlauben, bedeute nicht, sie an Tagen, an denen es die Umstände erschweren, nicht verbieten zu können. «Nicht jede Entscheidung im Zusammenhang mit Corona muss eine absolute sein.»

Trotz Kritik und Bedenken stehe er mit vielen Krankenhäusern auch in Europa in Kontakt, die diese Massnahmen vielleicht adaptieren möchten. Aus der Schweiz sei jedoch keines dabei. «In maximal zwei Monaten werden auch in Europa und in den USA Corona-Sterbende ihren letzten Weg nicht mehr allein gehen müssen. Es ist eine Frage der Zeit, bis sich unser Umgang mit der Krankheit etwas normalisiert.»

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