Brexit

Hugh Grant auf Wahlkampf-Mission: Wenn der Hollywoodstar an der Haustür klingelt

Hugh Grant beim Haustürwahlkampf mit der Liberaldemokratin Luciana Berger.

Hugh Grant beim Haustürwahlkampf mit der Liberaldemokratin Luciana Berger.

Hollywood-Schauspieler Hugh Grant setzt sich im britischen Wahlkampf für Anti-Brexit-Kandidaten ein.

Eine Laufbahn als Politiker? Kurz nachgedacht hat Hugh Grant über diesen Berufswechsel, sich dann aber dagegen ­entschieden. Einer Parteilinie zu folgen, dazu sei er «zu alt und zu selbstgefällig», sagt der Schauspielstar augenzwinkernd.

Dem lahmen Wahlkampf in Grossbritannien verleiht der 59-Jährige ein wenig Glamour und wirbt im ganzen Land für Stimmen. Es geht, daran lässt Grant keinen Zweifel, nicht um eine bestimmte Partei, sondern um die Anti-Brexit-Allianz: Wo immer eine Kandidatin oder ein Kandidat Chancen hat, den Vertreter von Boris Johnsons Torys zu schlagen, ist der Schauspieler zur Stelle, nimmt an Kundgebungen teil, klopft an Haustüren.

Und so wirbt Grant in der westlichen Grafschaft Devon für die unabhängige Lokalpolitikerin Claire Wright, macht sich ­ im Nord-Londoner Stadtteil ­Finchley für die frühere Labour-Frau und jetzige Libdem-Kandidatin Luciana Berger stark, schwört die Menschen in Beaconsfield auf den liberalen Ex-Tory Dominic Grieve ein und kämpft um Stimmen für Labour-Frau Faiza Shaheen, die im Londoner Nordosten den Brexit-Haudegen Iain Duncan Smith verdrängen will.

Schwieriges Verhältnis zu den Medien

Besonders Grants Nahkampf mit dem Wahlvolk fasziniert die britischen Medien. Ob das schwierig für ihn sei, die Leute daheim zu behelligen, wird Grant gefragt. Die Antwort fällt, je nach Standpunkt, fröhlich oder ein wenig selbstgefällig aus: «Ich habe früher mal Feuerlöscher an der Haustür verkauft. Da war ich sehr gut.»

Die britischen Medien und Grant – das ist eine nicht immer konfliktfreie Konstellation. Als der Skandal um das illegale Abhören von Promi-Telefonaten und die damit verbundene Polizeikorruption aufflog, profilierte sich Grant als Sprecher der Betroffeneninitiative Hacked Off. Unter dem Druck der Aktivisten musste Medienzar Rupert Murdoch sein Boulevardblatt «News of the World» schliessen, der Schutz der Privatsphäre wurde verbessert.

Auch von Politikern hat der Schauspieler keine hohe Meinung, wie er im vergangenen Jahr anlässlich der Ausstrahlung des BBC-Dreiteilers «A very English scandal» mitteilte. Darin spielte Grant den liberalen Politiker Jeremy Thorpe.

Wehe also jenen, die ihn für ihre Partei vereinnahmen wollen. Die Liberaldemokraten zogen sich zu Wochenbeginn Grants Zorn zu, weil sie Bilder von seinem Auftritt mit Berger auf den sozialen Netzwerken verschickten mit der Parole: «Nur mit uns ist der Brexit zu verhindern.» Unsinn, antwortete der Helfer postwendend: Die Partei habe die Anti-Brexit-­Bewegung nicht gepachtet.

Tatsächlich zerfällt das Land durch das Mehrheitswahlrecht in 650 Einzelschlachten: Jeder Wahlkreis wählt nur einen Abgeordneten, alle anderen Stimmen fallen unter den Tisch. Während auf Seiten der Austrittsbefürworter die Brexit-Party in mehr als 300 Wahlkreisen für die Konservativen das Feld räumte, bleiben Labour und Liberaldemokraten in vielen Bezirken bittere Rivalen – eine der Ursachen, warum die Umfragen einen Sieg der Regierungspartei vorhersagen. Immerhin haben die kleineren Parteien Absprachen getroffen, zogen Grüne, Libdems und die walisische Nationalpartei Plaid Cymru Kandidaten zurück.

Hauptsache gegen Boris Johnson

Prominente Brexit-Gegner wie Grant, die Geschäftsfrau Gina Miller oder Labours Ex-Spindoktor Alistair Campbell rufen unermüdlich zu taktischem Vorgehen auf und weisen auf die zahlreichen Websites hin. Dort lässt sich für jeden Bezirk nachlesen, wer die besten Erfolgschancen hat. Tatsächlich wollen Befragungen zufolge ein Drittel der Briten ihre Stimme nach taktischen Gesichtspunkten vergeben, also nicht unbedingt die Partei ihrer Wahl ankreuzen.

Hauptsache gegen Johnson – mit diesem Motto trifft Grant den Nerv jenes Teils der Bevölkerung, der noch immer die Hoffnung nicht aufgegeben hat, den Brexit doch noch verhindern zu können. Wahrscheinlich wäre der erfolgreiche Charakterdarsteller auch der populärere Premierminister – wie 2003, als er in der schmalzigen Romcom «Love, Actually» den Bewohner der Downing Street spielt, der den Besuch eines ­arroganten und sexistischen US-Präsidenten erdulden muss. Johnson und seine Vorgängerin Theresa May haben die delikate Situation bereits erlebt. Eine Woche vor dem Urnengang spricht trotz Grants Bemühungen fast alles dafür, dass Johnson noch häufiger in die Ver­legenheit kommt.

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