Corona-Virus

Grossbritannien vollzieht Kehrtwende – und setzt in der Virus-Bekämpfung nun doch auf Verbote

Beugt sich dem Druck von aussen: Der britische Premierminister Boris Johnson will nun doch härtere Massnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus einführen.

Beugt sich dem Druck von aussen: Der britische Premierminister Boris Johnson will nun doch härtere Massnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus einführen.

Unter dem Druck der Öffentlichkeit kündigt Grossbritannien härtere Massnahmen gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie an

Unter dem Druck rasch wachsender Krankheitszahlen und der energischen Massnahmen von Nachbarländern verändert die britische Regierung von Premierminister Boris Johnson ihre bisher zurückhaltende Vorgehensweise gegen die Corona-Epidemie. Am Wochenende kündigte Gesundheitsminister Matthew Hancock eine Vielzahl neuer Massnahmen an; dazu gehört der Ankauf neuer Beatmungsmaschinen sowie die Schliessung von Theatern, Kinos und Konzerthallen. Einzelheiten sollen am Dienstag bekanntgegeben werden. Man müsse den richtigen Zeitpunkt abwarten, teilte Hancock mit.

Grossbritannien verzeichnete bis Samstagabend 1140 Fälle von Corona-Infizierten. Die Dunkelziffer liegt schon deshalb viel höher, weil kaum jemand getestet wird, nicht einmal jene mit Symptomen wie Fieber und trockenem Husten. 35 Menschen sind bis Sonntagnachmittag an den Folgen des Virus gestorben.

Dennoch herrscht auf der Insel weitgehend business as usual: Schulen und Universitäten machen ebenso weiter wie Museen und Galerien. Die öffentlichen Verkehrsmittel verkehren wie gewohnt, von inländischen Reisebeschränkungen ist nicht die Rede.

Was hinter der "Herdenimmunität" steckt

Der eher für Frohsinn als für ernsthafte Regierungsarbeit bekannte Premierminister hat sich in den vergangenen Wochen stets an der Seite des Wissenschaftsberaters der Regierung, Patrick Vallance, und des obersten Gesundheitsbeamten Chris Whitty gezeigt. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz am Donnerstag erläuterte das Trio das bisherige Vorgehen der Regierung. Es zielt auf eine Verlangsamung der Epidemie ab, um das ohnehin notorisch überlastete Gesundheitssystem NHS zu entlasten.

Ein Verbot von Grossveranstaltungen wie Fussballspielen oder Popkonzerten sei dafür einstweilen nicht notwendig, lautete das Verdikt der Regierungsberater. Vielmehr müsse das Land möglichst rasch eine Herdenimmunität entwickeln. Allerdings sprach Johnson auch offen davon, es würden noch viele Familien "nahe Verwandte vor der Zeit verlieren".

Von Herdenimmunität sprechen Virologen normalerweise im Zusammenhang mit Impfkampagnen. Im jetzigen Fall geht die Regierung, gestützt auf die Erfahrungen aus China und Italien, davon aus, grössere Teile der Bevölkerung könnten sich mit dem Coronavirus infizieren, ohne jedoch an der Lungenkrankheit Covid-19 zu erkranken. Dies würde die Verbreitung des Virus verlangsamen. Allerdings gibt es bisher keine Gewissheit darüber, dass einmal Infizierte auch tatsächlich Immunität entwickeln. Auch bleibt unklar, wie die Regierung die Risikogruppen, also besonders ältere Menschen über 70 Jahre, vor der Ansteckung bewahren will.

Das Gerede von der Herdenimmunität zog rasch im In- wie Ausland Kritik auf sich. Man könne natürlich gern über Theorien sprechen, teilte eine Sprecherin der Weltgesundheitsorganisation WHO mit. "Aber in der derzeitigen Lage ist Aktion gefragt." Von einem "bunten Durcheinander ohne jede Logik" sprach der frühere Spitzenbeamte im Gesundheitswesen John Ashton. „In dieser Krise müssen unsere Regierungen zusammenarbeiten“ mahnte Alt-Premier Gordon Brown, in dessen Amtszeit (2007-10) die koordinierte Antwort auf die globale Finanzkrise nötig wurde.

Zunächst hielt die Regierung an ihrem Kurs fest. Der Premierminister habe der deutschen Kanzlerin Angela Merkel telefonisch die "wissenschaftsbasierte Vorgehensweise" seines Landes erläutert, verlautete noch am Freitagnachmittag aus der Downing Street – ganz so, als vertraue der Rest Europas auf Voodoo. Dabei hatte der Backlash in der eigenen Bevölkerung und bei betroffenen Branchen längst begonnen, nicht zuletzt als Reaktion auf die deutlich energischeren Massnahmen der Nachbarländer.

So verfügte Irlands Premier Leo Varadkar eine Reihe von Massnahmen, wie sie mittlerweile auch auf dem Kontinent üblich sind: die Schliessung von Schulen und Universitäten, das Verbot von Zusammenkünften von mehr als 100 Menschen. In der Hauptstadt Dublin sind sämtliche Kinderspielpätze gesperrt. Der englische Fussballverband setzte die Saison der Premier League sowie der niedrigeren Ligen aus, vorläufig bis 4. April; ernsthaft rechnet aber niemand damit, dass der Spielbetrieb vor Ostern wieder aufgenommen werden kann.

Kehrtwende in London

Prompt vollzog die Regierung eine Kehrtwende. Am Wochenende waren die Zeitungen voll von Schlagzeilen über nun doch unmittelbar bevorstehende Massnahmen, die der Situation in vielen Ländern des Kontinents sowie auf der Nachbarinsel Irland gleichen. So sollen spätestens gegen Ende der Woche sämtliche Versammlungen, Theateraufführungen, Konzerte und ähnliche Events verboten werden.

Ältere Menschen über 70 Jahren sowie Vorerkrankte sollten demnächst eine monatelange Eigenisolation antreten, sagt nun Minister Hancock. Der genaue Zeitpunkt blieb jedoch am Sonntag unklar, was die Labour-Opposition auf den Plan rief. Hancock tue ja erkennbar sein Bestes, höhnte Lisa Nandy, eine der drei Bewerber um den Parteivorsitz: "Aber selbst er wird einräumen, dass die letzten 48 Stunden chaotisch verlaufen sind."

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