Das Ereignis versetzt eine sonst eher nüchterne Nation in Euphorie. Viele Japaner empfinden den Kaiserwechsel zum Monatsende als eines jener nationalen Grossereignisse, die einmalig in einer Generation sind. Seit Tenno Akihito die regierungsamtliche Erlaubnis für seinen erwünschten Rückzug zu Lebzeiten erhielt, fiebert das Land dem Thronwechsel entgegen. Um die Stimmung anzuheizen, hat die Regierung zehn aufeinanderfolgende Feiertage ausgerufen. Seit gestern bis zum 6. Mai ist im gesamten Inselreich Urlaub angesagt. Die grosse Abdankungszeremonie für Akihito findet am 30. April statt. Dazu sind 300 prominente Japaner geladen. Premierminister Shinzo Abe wird dem Kaiser an dessen letztem Amtstag seine Dankbarkeit bekunden.

Danach wird sich der 85-jährige Monarch ein letztes Mal von seinem Thron an seine Untertanen wenden. Es ist das erste Mal in gut 200 Jahren, dass nicht der Tod das Ende der Kaiserzeit bestimmt, sondern der freie Wille des Regenten. Am Tag danach wird Akihito die Kaiserwürde an seinen ältesten Sohn, Kronprinz Naruhito, weiterreichen. Der 126. Tenno von Japan besteigt dabei den imposanten und aufwendig restaurierten Takamikura-Thron. Der 6,5 Meter hohe und acht Tonnen schwere Herrschersitz diente bereits drei japanischen Tenno als Symbol der Machterlangung, auch Akihito trat seine 30-jährige Regentschaft auf diesem traditionsträchtigen Thron an.

Politische Äusserungen sind unerwünscht

Das neue Kaiserpaar wird zu diesem einzigartigem Anlass kostbare zeremonielle Gewänder tragen. Die Kleider des neuen Kaisers und seiner Gemahlin Masako sind im alten Stil gehalten: farbenprächtige Kimono-Roben aus Seide. Dazu trägt der Monarch die traditionelle schwarze Kopfbedeckung. Derart üppige Outfits werden nur zu imperialen Ritualen getragen.
Geheimnisvoll erfolgt die Übergabe der «Drei Heiligen Schätze», von denen gesagt wird, dass sie die 2600 Jahre alte Dynastie begründet haben.

Der Besitz des mystischen Spiegels, des legendären Schwertes und eines unergründlichen Juwels sind die praktische Legitimation des neuen Kaisers. Es gibt jedoch weder Zeichnungen noch Fotos dieser Kostbarkeiten. Nicht einmal der Tenno selbst wird sie zu Gesicht bekommen. Stoffe verhüllen die Insignien. Seltsam an dieser Zeremonie ist auch, dass weibliche Mitglieder der kaiserlichen Familie nicht teilnehmen dürfen.

Klarer ist, was danach geschieht. Für alle Japaner, ob sie der Monarchie gewogen sind oder nicht, beginnt am 1. Mai eine neue Ära, deren Namen aus praktischen Gründen bereits vor einem Monat ausgerufen wurde. Der neue Kaiser wird unter dem Motto «Reiwa» agieren, übersetzt in etwa «schöne Harmonie». Nach der Thronbesteigung wird der 59-jährige Kaiser Naruhito einen Eid auf die Verfassung leisten und geloben, dass er seine Pflichten als Symbol des Staates und der Einheit des Volkes erfüllen wird. Genau so ist das Amt in der Verfassung beschrieben, regieren darf er nicht. Er soll sich auch aus aktuellen politischen Debatten heraushalten. «Wenn ich über die kommende Zeit nachdenke, werde ich sehr ernst», erklärte Naruhito auf der Pressekonferenz im Februar.

Sorgen plagen ihn auch wegen seiner Frau, die seit Jahren mit Krankheiten zu kämpfen hat. Kronprinz Naruhito und Masako sind seit 1993 verheiratet. Für ihn war es die grosse Liebe, die damalige Diplomatin hatte lange gezögert, ob sie es nicht besser bleiben lassen sollte. Beide haben eine 17-jährige Tochter, die nach den japanischen Regeln als Frau in der Thronfolge keine Rolle spielt.

Enge Verbundenheit zum japanischen Volk

Die älteste Erbmonarchie der Welt ist eben auch eine verstaubte Veranstaltung, obwohl Akihito in seiner 30-jährigen Regentschaft einiges modernisiert hat. Er und Kaiserin Michiko reisten viel durch Japan und sprachen dabei besonders den Opfern der schweren Naturkatastrophen Trost zu. Das Kaiserpaar hatte mehrere Länder besucht, auch solche, die unter japanischen Kriegsgräuel gelitten haben. Der kommende Tenno verspricht, nicht nur in diese Fussstapfen seines Vaters zu treten. Er wolle nach einem Weg suchen, «um das Kaisertum an die wandelnden Zeiten anzupassen».

Den Traditionalisten jedoch ging bereits sein Vater zu weit. Sie bestehen darauf, dass es die Aufgabe des Kaisers sei, in einer Welt voll von geheimnisvollen Shinto-Ritualen für den Frieden und das Glück der Nation zu beten.