Seit Montag debattiert das griechische Parlament über das umstrittene Mazedonien-Abkommen. Eine grosse Mehrheit der Griechen will den Namen der nordgriechischen Provinz Mazedonien nicht mit dem Nachbarland teilen. Premierminister Tsipras könnte dennoch von der Kontroverse profitieren.

Für Mikis Theodorakis ist es «ein Verbrechen an Griechenland», was da seit Montagnachmittag im aussen- und verteidigungspolitischen Ausschuss des Athener Parlaments beraten wird: Das Abkommen über den künftigen Staatsnamen Mazedoniens, das sich in Zukunft «Republik Nord-Mazedonien» nennen soll.

Griechenlands berühmtester Komponist appelliert in einem offenen Brief an die 300 Abgeordneten, mit Nein zu stimmen, wenn der Vertrag am Donnerstag zur Ratifizierung ins Plenum kommt. Der 93-jährige Theodorakis fürchtet «irreparablen Schaden» für sein Land. So denken viele Griechen.

In einer jetzt veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Marc lehnen zwei von drei Befragten die Vereinbarung ab. Am Sonntag versammelten sich mehr als 100'000 Menschen auf dem Athener Syntagmaplatz, um gegen das Abkommen zu protestieren.

Emotionales Thema

Kaum ein Thema hat die Griechen in den vergangenen Jahren immer wieder so aufgewühlt wie die Mazedonienfrage. Beim Zerfall Jugoslawiens 1991 erklärte die Teilrepublik Mazedonien ihre Unabhängigkeit – unter dem Namen «Republik Mazedonien». Viele Griechen sahen darin Ansprüche auf die nordgriechische Provinz Mazedonien und ihr kulturelles Erbe. Sie lehnen es deshalb ab, dass die Nachbarn das Wort «Mazedonien» in ihrem Staatsnamen führen.

Ultra-Nationalisten in Skopje schürten diese Ängste. Sie brachten Landkarten in Umlauf, auf denen sie Teile Griechenlands bis hinunter nach Thessalien einem künftigen «Gross-Mazedonien» einverleibten. Sogar den griechischen Philosophen Aristoteles reklamierten die «Skopjaner», wie sie in Griechenland genannt werden, als ihren Ahnen. Kein Wunder, dass die Namensfrage für viele Griechen ein hoch emotionales Thema ist.

Der im Ausland oft belächelte Streit hat eine geopolitische Dimension. Es geht um die politische Stabilität des Westbalkans. Bisher blockierte Griechenland wegen des Namensstreits die Aufnahme Mazedoniens in die Nato. Mit dem jetzt möglichen Beitritt zur Allianz würde der wachsende Einfluss Russlands in der Balkanregion zurückgedrängt.

Der griechische Premier Alexis Tsipras setzt bei der Abstimmung am Freitag auf Unterstützung einiger Oppositionsabgeordneter. Die Ratifizierung des Abkommens gilt deshalb als gesichert. Tsipras weiss allerdings, dass die Vereinbarung in der Bevölkerung überwiegend auf Ablehnung stösst. Trotzdem könnte der Premier von der Kontroverse profitieren. Splitterparteien der linken Mitte drohen am Mazedonien-Konflikt zu zerbrechen, weil sie keine Linie finden. Tsipras setzt darauf, diese Parteien mit seinem Linksbündnis Syriza zu absorbieren.

So geben die spätestens im Herbst fälligen Parlamentswahlen der Mazedonien-Debatte eine besondere Schärfe. Parlamentarier, die für das Abkommen stimmen wollen, berichten von Morddrohungen gegen ihre Familien. Unbekannte klebten Plakate mit Fotos örtlicher Abgeordneter, darunter die Frage: «Wirst auch Du Mazedonien verraten?»