Deutschland

Ein Dorf bricht sein Gelübde: Vor 387 Jahren haben die Oberammergauer Gott ein Versprechen abgegeben – jetzt brechen sie es

1633 schloss das bayrische Dorf mit dem Allmächtigen einen Deal ab, weil er die Bewohner von der Seuche erlöste. Corona macht den Deal jetzt zunichte – und die Oberammergauer kriegen Angst.

Nirgendwo in Deutschland tobt das Coronavirus so sehr wie in Bayern. Fast 30'000 Menschen haben sich im südlichen Bundesland schon infiziert, mehr als 630 Bayern sind daran gestorben.

Im oberbayerischen Landkreis Garmisch-Partenkirchen aber gibt es ein Dorf, das glimpflich davongekommen ist, wenigstens bislang: Oberammergau, 5400 Einwohner. Infizierte gibt es zwar, aber gestorben ist noch keiner. Vielleicht, denken sie sich in der katholischen Gemeinde, legt Gott seine schützende Hand ganz besonders über ihr Dorf. Schliesslich hatten die Oberammergauer einst ein Gelübde abgelegt, ihm zu Ehren. Eine Art Versprechen an Gott, an das sich der Ort mit eiserner Disziplin gehalten hat. Seit nunmehr 387 Jahren.

Der schwarze Tod sorgte hier im 17. Jahrhundert für grosses Leid. In Oberammergau starben 80 Männer an der Pest.Die verstorbenen Frauen wurden im Sterbebuch gar nicht erst aufgelistet. Chronisten schätzen, dass jeder Vierte im Dorf an der Pest zugrunde ging.

Nach dem Gottversprechen sank die Sterberate auf Null

In ihrer Verzweiflung wandten sich die Ammergauer an den Herrgott. Sie gelobten, ihm zu Ehren regelmässig ein Passionsspiel aufzuführen, wenn sie von der Pest befreit würden. Vom Tage dieses Versprechens sank die Sterberate im Ort. Bald schon zählte Oberammergau keinen Pest-Toten mehr, nicht einen einzigen.

Und die Dorfbewohner hielten sich an ihr Gelübde. Seit 1634 führen sie in Oberammergau die Passionsspiele auf, seit 1680 im Zehnjahres-Rhythmus. Die Aufführungen zählen zu den weltweit bekanntesten Passionsspielen. Mehr als eine halbe Million Menschen strömen jeweils in den schmucken Ort in Oberbayern, um sich das mehr als fünf Stunden dauernde Spiel anzusehen. Der halbe Ort macht mit bei den Spielen: Kinder, Väter, Grossmütter, der Pfarrer. 2500 Mitwirkende. Eine Riesenfreude im Ort, schon Jahre vor der Aufführung.

Ob der Allmächtige die Verschiebung akzeptiert?

Vom 16. Mai 2020 bis zum 4. Oktober wäre es endlich wieder soweit gewesen. Dann hätten die Dorfbewohner nach zehn Jahren Pause wieder die letzten Tage im Leben Jesu nachgespielt, pompös und eindrücklich und unvergesslich. 103 Aufführen zu je fünfeinhalb Stunden. Ein Ort wie in Trance, von Frühjahr bis zum Herbst. Doch nun tobt die Corona-Pandemie, das Leben steht still, auch in Oberammergau. Die Passionsspiele zu Ehren des Herrgotts, der das Dorf einst von der Seuche befreit haben soll, mussten abgesagt werden – ausgerechnet wegen einer neuen Seuche.

«Es ist ein Drama», sagt der Oberammergauer Dekan Thomas Gröner. «Die Proben waren weit fortgeschritten, die Karten zu 95 Prozent verkauft, Hotels und Restaurants haben ihre Waren gekauft oder bestellt», erzählt der 60-jährige Pfarrer und fügt seufzend hinzu: «Es ist eine Katastrophe für den Ort.»

Die Spiele wurden ins Jahr 2022 verschieben. Es gibt, erzählt der Ammergauer Pfarrer, besonders Gläubige im Ort, die nun befürchten, die Verschiebung käme einem Bruch mit dem Gelübde gleich. Das Virus, sagen sie, werde die Stadt jetzt heimsuchen. Doch Pfarrer Gröner gibt jenen Besorgten zur Antwort, dass «Gott nicht ein Buchhalter ist, der in Zeiträumen rechnet. Gott wird die Passionsspiele auch in zwei Jahren akzeptieren.»

Bayrisches Leid als Zeichen Gottes

Gröner weiss freilich selbst, dass sich die Legende vom göttlichen Segen nicht wissenschaftlich belegen lässt. Aber es sei nun mal so, sagt er, dass es nach dem Versprechen der Ammergauer keine Pesttoten mehr gegeben habe und dass der Ort auch sonst gut über die Jahrhunderte gekommen sei, auch durch die Coronakrise, jedenfalls bis jetzt.

Also hilft der Deal mit Gott? Gröner gefällt das Wort nicht. «Könnte ich mit Gott einen Deal aushandeln, wäre er ein Manager, ein Hampelmann. Der Glaube geht einem Gelübde immer voraus. Ohne einen tiefen Glauben wirkt ein Gelübde nicht», sagt der Pfarrer. «Ich glaube daran, dass Gott wirkt. Er könnte damals, als die Pest getobt hatte, gewirkt haben», sagt der Pfarrer. «Aber ob es wirklich so war? Das ist für meinen Glauben nicht relevant.»

Und Gröner wäre nicht der optimistische Mann, der seine Gemeinde zusammenhält, sähe er im vermeintlichen Drama um die Verschiebung der Passionsspiele nicht vor allem das Positive, gar ein Zeichen Gottes. «Es ist genau die Geschichte von Verzweiflung, von Leere und Angst, welche auch Jesus durchgemacht hat und welche Oberammergau nun erleben muss.» 2022 werde es in Oberammergau fantastische Passionsspiele zu bestaunen geben, ist der Pfarrer überzeugt. «Das ist nichts anderes als die Auferstehungsgeschichte», meint Gröner und fügt zufrieden an: «Gott wird auch jetzt eingreifen. Er wird alles zum Guten führen.»

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