Vielleicht hätte es sich Bill de Blasio zweimal überlegen sollen, ob es geschickt ist, während der ersten Fernsehdebatte der demokratischen Präsidentschaftskandidaten den Elefanten im Porzellanladen zu geben. Als einziger Anwärter auf das Weisse Haus trat der grossgewachsene Stadtpräsident von New York am Mittwoch aggressiv auf und fiel seinen Parteifreunden auf der Bühne des Auditoriums in Miami (Florida) mehrmals ins Wort. So sprach sich de Blasio für die Abschaffung sämtlicher privater Krankenkassen in Amerika aus und attackierte den ehemaligen Abgeordneten Beto O’Rourke aus Texas, der mit diesem Positionsbezug nicht einverstanden war. «Wie können Sie bloss ein System verteidigen, das nicht funktioniert?» Eine bessere Strategie für einen Aussenseiter-Kandidaten wählte da Tulsi Gabbard. Die junge Kongressabgeordnete aus Hawaii, die aufgrund früherer sozialpolitischer Positionsbezüge und positiven Worten für den syrischen Diktator Baschar al-Assad von Parteifreunden scheel angeschaut wird, lieferte sich ein substanzielles Wortgefecht über die künftige Aussenpolitik Amerikas. Als ihr Fraktionskollege Tim Ryan aus Ohio von der Notwendigkeit sprach, dass sich Amerika verteidigen müsse, wenn es attackiert werde, blaffte Gabbard zurück. Sie habe Militärdienst geleistet, aber sie wisse auch, dass die Taliban in Afghanistan nicht für die Terroranschläge vom 11. September 2001 verantwortlich gemacht werden könnten. Deshalb sei nun der Zeitpunkt für einen vollständigen Truppenabzug gekommen. «Deshalb ist es so wichtig, dass wir einen Oberkommandierenden haben, der sich den Kosten bewusst ist, die ein Krieg verursacht.»

Dieser hitzige Schlagabtausch war aber während der zwei Stunden dauernden Debatte, in der sich zehn der zwanzig demokratischen Möchtegern-Präsidenten über derart unterschiedliche Themen wie eine Krankenversicherungsreform, die Verschärfung der Waffengesetze oder den Klimawandel sprachen, die Ausnahme. Stattdessen versuchten es die fünf (!) Moderatoren der Senderfamilie NBC, die für die Organisation der TV-Diskussion verantwortlich waren, mit einem Frage-und-Antwort-Spiel, das zu Beginn äusserst zähflüssig war. Und die sieben Kandidaten und drei Kandidatinnen gaben sich alle Mühe, möglichst ausweichende Antworten zu geben – und Teile ihrer einstudierten Wahlkampfreden zu wiederholen. So sprach Senator Cory Booker aus New Jersey über seine Nachbarschaft in Newark, in der es immer wieder zu Schiessereien komme, Senatorin Elizabeth Warren erwähnte ihre Jugendzeit im ländlichen Oklahoma, und der ehemalige Kongress-Abgeordnete Beto O'Rourke aus der Grenzstadt El Paso in Texas gab einige seiner Antworten teilweise in Spanisch.

Interessant an diesem Hin und Her war, wie sich diejenigen Demokraten schlugen, die von Politbeobachtern gemeinhin dem Lager der Spitzenkandidaten zugerechnet werden. In den ersten Minuten, in denen über Gesundheitspolitik gesprochen wurde, dominierte die linke Senatorin Warren aus Massachusetts, die im Wahlkampf mit detaillierten Positionspapieren um Stimmen wirbt. Sie kam gleich fünfmal zu Wort und es gelang ihr, ihre scharfe Kritik an «Big Pharma», den grossen Pharmakonzernen, in markige Aussprüche zu verpacken. So sagte sie: In ihrer ersten Karriere als Universitätsprofessorin habe sie viel Zeit dafür aufgewendet, herauszufinden, warum derart viele Amerikaner bankrottgingen. Und in den meisten Fällen seien dafür gesundheitliche Probleme verantwortlich. Deshalb kämpfe sie nun dafür, dass sämtliche Bürgerinnen und Bürger über die staatliche Krankenkasse Medicare versichert würden, sagte Warren. «Gesundheitsvorsorge ist ein Menschenrecht.»

Als die Moderatoren aber über das Thema der Stunde, die Krise an der Grenze zu Mexiko, zu sprechen kamen, da verschwand Warren etwas von der Bildfläche. Stattdessen machte sich der Texaner Julián Castro, der unter Präsident Barack Obama als Wohnbauminister gedient hatte, bemerkbar. Castro sprach über das Bild, das den toten Óscar Alberto Martínez Ramírez und seine 23 Monate alte Tochter Valeria zeigt, die am Montag im Grenzfluss Rio Grande ertrunken waren. «Diese Fotografie ist herzzerreissend und sollte uns wütend machen», sagte er – wobei er den Kraftausdruck «piss us off» verwendete, der normalerweise in einer TV-Diskussion nicht zu hören ist. In dieser Diskussion, und im Hin und Her über die Verschärfung der Waffengesetze, glänzte auch Senator Booker. So sprach er sich dafür aus, dass sich sämtliche Waffenbesitzer künftig lizenzieren lassen müssten – schliesslich benötige man ja auch einen Ausweis, um ein Auto zu fahren.

Einen guten Eindruck hinterliess zudem Amy Klobuchar, die Senatorin aus Minnesota mit Schweizer Wurzeln. Sie präsentierte sich als Mitte-Politikerin und korrigierte zum Beispiel die Moderatoren, als diese darüber sprachen, dass ein Demokrat im Weissen Haus private Waffen konfiszieren wolle. Ihre Antworten waren zudem häufig mit Humor gespickt, zum Beispiel dann, als Klobuchar sich über die Aussenpolitik von Präsident Donald Trump beschwerte und darüber, dass er seine Positionsbezüge häufig in den frühen Morgenstunden auf dem Kurznachrichtendienst Twitter absondere.

Auffallend an der Diskussion war, dass der eigentliche Spitzenkandidat der Demokraten – Joe Biden, der heute Donnerstag mit neun weiteren Anwärtern auf das Weisse Haus in der zweiten Fernsehdebatte auftreten wird – von den Kandidaten nie erwähnte wurde. Eine untergeordnete Rolle spielte auch der Amtsinhaber, den alle Demokraten aus dem Weissen Haus verdrängen wollen. Zwar wurde Trump ab und zu namentlich erwähnt und kritisiert; aber eigentlich diskutierten die Möchtegern-Präsidenten lieber über ihre politischen Ideen als über das Chaos, das der Republikaner tagtäglich anrichtet. Der Präsident verzichtete deshalb, die TV-Debatte – die er auf seinem Flug an den G-20-Gipfel in Japan mitverfolgte – auf dem Kurznachrichtendienst Twitter zu kommentieren. Stattdessen zeigte er sich etwa 30 Minuten nach Beginn der Diskussion gelangweilt und schrieb: «BORING!»