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Die Medien hassen Trump – und verdienen gut an ihm

Donald Trump bevorzugte Fox News: Der US-Präsident gab dem konservativen TV-Sender gerne Interviews. (Archivbild)

Donald Trump bevorzugte Fox News: Der US-Präsident gab dem konservativen TV-Sender gerne Interviews. (Archivbild)

Der Sender Fox unterstützte den Präsidenten fast als einziger – trotzdem kam es zur Entfremdung. Startet Trump nun ein eigenes Medium?

Wahltag, 3. November. Donald Trump schaltet sich am Telefon bei «Fox & Friends» ein. Der amerikanische Präsident ist Stammgast im Frühstücksfernsehen von Fox News. Die Moderatoren sind ihm ergeben und stellen softball questions, huldvolle Fragen. Trump spricht mit heiserer Stimme. Fünf Wahlkampf-Veranstaltungen hat er am Vortag absolviert. «Unglaubliche Menschenmengen, so viel Liebe», schwärmt er. Plötzlich verfinstert sich seine Laune. Die Moderatorin und ihre beiden Kollegen schauen betroffen.

Jemand habe ihn gefragt, was nun anders sei als im Jahr 2016, als er gegen Hillary Clinton gewann. Fox, meint Trump. «Fox hat sich sehr verändert.» Der Sender sei nicht mehr derselbe, was die Politik anbelange. Fox habe oft über Barack Obamas Auftritte berichtet, das sei shocking. Der vormalige Präsident empfahl Joe Biden zur Wahl.

Medienmogul Rupert Murdoch stand Trump nahe. Das ist vorbei

Trumps Wut auf Fox sollte im Laufe der Woche noch wachsen. Der Sender schlug als erster den Gliedstaat Arizona dem Herausforderer Biden zu. Trump habe getobt, berichten die Medien in den USA. Der Präsident selber oder sein Schwiegersohn Jared Kushner habe den Medienunternehmer Rupert Murdoch angerufen, zu dessen Imperium Fox gehört. Arizona blieb trotzdem bei Biden.

Trump entfremdet sich vom Sender, der zentral war für den Aufstieg als Politiker. Bekannte Moderatoren wie Sean Hannity, Tucker Carlson und Laura Ingraham gerierten sich in ihren Programmen als publizistische Hofschranzen; sie übernahmen die Ansichten Trumps in allen Punkten und attackierten seine Gegner ohne Unterlass. Der Austausch zwischen Hannity und Trump war so intensiv, dass der Fernsehstar zum Berater des Präsidenten wurde.

Fox hat aber nicht nur eine Meinungssparte, die ganz auf der Linie des Weissen Hauses liegt. Es gibt auch eine Nachrichtenabteilung, die sich um ein gewisses Mass an Unabhängigkeit bemüht. Ruperts Sohn James Murdoch warnte, dass die Medien keine Desinformation betreiben dürften. Im vergangenen August verliess James die Geschäftsleitung von Fox. Der politische Kurs des Senders war ihm offenbar zu extrem.

Rupert Murdoch ist dem Rechtspopulismus zugeneigt und war darum 2016 angetan von Trumps Kandidatur. Inzwischen sei Murdoch aber ernüchtert ob der erratischen Persönlichkeit Trumps, heisst es. Dessen stümperhaftes Corona-Krisenmanagement habe den Medienmogul zusätzlich befremdet. Und Murdoch ist geschmeidig – er stellt sich auf neue politische Mehrheiten ein, weil er verhindern will, dass neue Gesetze die Entwicklung seines Konzerns hemmen. Murdochs «New York Post», ein konservatives Boulevardblatt, feiert Biden nun als neuen Präsidenten und fordert Trump dazu auf, seine Niederlage zu akzeptieren.

Weil es Trump nicht mehr so gut kann mit Fox, mutmassen Beobachter, dass er bald eine eigene Fernsehstation lancieren könnte. Andere meinen, er werde ein Onlineportal aufziehen. «Breitbart» hat an Einfluss verloren, seit Steve Bannon nicht mehr dort wirkt. Der vormalige Berater des Präsidenten fiel beim rechtsnationalen Portal in Ungnade, weil er als Hauptquelle von «Fire and Fury» erkennbar war. Das Buch thematisierte das Chaos im Weissen Haus.

Andere sehen den Präsidenten vor dem Einstieg beim One American News Network. Trump hat sich mehrmals anerkennend über den jungen Fernsehsender geäussert, der ungehemmt Verschwörungstheorien verbreitet. Fox nimmt sich im Vergleich wie ein Kanal von Sonntagsschülern aus. Den Spekulationen ist gemein, dass sie von einem Verbleib Trumps in der Politik ausgehen: Der Einfluss über ein Medium geschehe mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2024 – zu der entweder Trump selber antrete, ein Familienmitglied oder jemand, der ihm gewogen sei.

Die Medien als Sprachrohr einer abgehobenen Elite

Von Fox ist Trump enttäuscht, aber er bezeichnete den Sender nie als «Volksfeind» wie die anderen etablierten amerikanischen Medien. Rechtspopulisten konstruieren einen Gegensatz zwischen dem Volk und einer abgehobenen Elite. Die Medien verfolgen gemäss dieser Ideologie die Interessen der Elite, nicht des Volkes. Also sollte man den Zeitungen, Onlineportalen und Fernsehstationen nicht trauen. Sie verbreiten fake news, verfälschte Nachrichten, wie Trump stets behauptet.

Die meisten amerikanischen Medien liessen sich davon nicht beeindrucken und kritisierten Trump unablässig. Zugleich profitierten sie enorm von ihm. «Trump ist schlecht für Amerika, aber gut für CBS», meinte Leslie Moonves, der Chef des TV-Konzerns.

Trump verhalf den Fernsehstationen zu höheren Einschaltquoten. Und die zwei wichtigsten Zeitungen des Landes, die «New York Times» und die «Washington Post», verkauften Hunderttausende Online-Abonnemente mehr nach seiner Wahl zum Präsidenten. Man spricht vom Trump bump, von schnell steigenden Absatzzahlen. Donald Trump fasziniert Anhänger wie Gegner gleichermassen.

Die Titel stockten ihre Redaktionen auf, vor allem in der Hauptstadt. Sie profilierten sich mit umfangreichen Recherchen, zum Beispiel zur finanziellen Lage des Präsidenten und seines Unternehmens. Der Hass Trumps auf Jeff Bezos, den reichsten Mann der Welt, hat nichts damit zu tun, dass dieser den Versandhändler Amazon gründete. Bezos kaufte 2013 die «Washington Post». Das Blatt fand nicht viel Gutes an der Präsidentschaft Trumps.

Die Redaktionen stellten Mitarbeiter an, die sich ausschliesslich damit beschäftigten, die Aussagen des Präsidenten auf den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Der Begriff «Faktencheck» war plötzlich in aller Munde. Die «Washington Post» überführte den Präsidenten der Verbreitung abertausender Lügen. Was freilich sowohl ihn als auch seine Unterstützer gleichgültig liess.

Medienexperten in den USA warfen den grossen Titeln vor, dass sie Trumps Spiel mitspielten. Sie forderten die Zeitungen auf, nicht mehr auf jede Provokation zu reagieren. Es war eine ähnliche Diskussion, wie man sie in der Schweiz im Zusammenhang mit Ausfälligkeiten der SVP verfolgte. In Amerika justierten die Zeitungen ihren Kurs nicht. Sie verwiesen darauf, dass das Amt des Präsidenten zu wichtig sei, als dass man das Gebaren des Amtsinhabers ignorieren könnte. Und sie zählten Klicks. Trägt ein Text den Namen «Trump» im Titel, findet er Beachtung.

Fox schiesst sich auf die Regierung Biden ein, bevor sie sich konstituiert und etwas entschieden hätte. Für die anderen Medien brechen nun schwierigere Zeiten an. Sie werden am Anfang Joe Biden wohlwollend verfolgen – aber die Journalisten wollen ein Publikum nicht langweilen, das während vier Jahren fast ununterbrochen mit Spektakel versorgt worden ist. Aus ökonomischer Sicht müssen die Medien hoffen, dass Trump 2024 noch einmal antritt. Und im Frühstücksfernsehen wieder in aller Ausführlichkeit darlegt, wie grossartig seine politischen Pläne sind.

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