Italien

Der «Verschrotter» drängt mit grossem Willen an die Macht

Matteo Renzi. keystone

Matteo Renzi. keystone

Der designierte neue Regierungschef Matteo Renzi ist für viele der letzte Hoffnungsträger in einem politisch verkrusteten Land. Sein unbedingter Wille zur Macht hat ihn sehr schnell sehr weit gebracht.

Das erste Mal, als Matteo Renzi über seinen Geburts- und Wohnort Rignano bei Florenz hinaus einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, war im Jahr 1994: Als 19-Jähriger gewann er bei der beliebten TV-Spielshow «Glücksrad» 48 Millionen Lire (etwa 40 000 Franken). Renzi war schon damals, was er bis heute geblieben ist: ein Siegertyp – sehr charmant, sehr eloquent und sehr smart. Der Priester, in dessen Kirchhof Renzi in seiner Schulzeit Fussball spielte, erinnert sich gut an ihn: «Matteo wollte schon als 7-Jähriger immer gewinnen. Wenn er verlor, nahm er aus Wut den Ball und rannte davon.»

Renzi sollte nur noch einmal verlieren: Im Dezember 2012 unterlag er in den Vorwahlen des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) um die Spitzenkandidatur für die Parlamentswahlen dem damaligen Parteichef Pierluigi Bersani. Die Niederlage stachelte den Ehrgeiz Renzis nur noch mehr an. Kaum 15 Monate später steht der 39-Jährige vor dem Ziel seiner politischen Träume: dem Palazzo Chigi in Rom, dem Sitz des italienischen Ministerpräsidenten.

Der Einzug in den Regierungspalast ist die vorläufige Krönung einer kometenhaften Karriere. Renzi, der aus einem christdemokratischen Elternhaus stammt, Pfadfinder war und später ein Jura-Studium absolvierte, wurde bereits als 29-Jähriger zum Präsidenten der Provinz Florenz gewählt. Fünf Jahre später wird er Bürgermeister der Stadt Macchiavellis und der Medici. Im Dezember 2013 wählt ihn die Parteibasis in einer Urabstimmung mit knapp zwei Millionen Stimmen zum Chef des PD, der grössten Regierungspartei.

Auf seinem Marsch durch die Institutionen profilierte sich Renzi als «Verschrotter», der die alte Politikergeneration zu entsorgen versprach. Ausdrücklich mitgemeint waren die «Dinosaurier» der eigenen Partei: Die D’Alemas, Veltronis, Bersanis und all die anderen Parteibonzen, welche die Politik der italienischen Linken während Jahrzehnten geprägt hatten und in dieser Zeit nicht verhindern konnten, dass Silvio Berlusconi dreimal gewählt wurde.

Offen, direkt, unideologisch

Das Erfolgsgeheimnis Renzis ist seine offene, direkte und unideologische Art, Politik zu machen. Er sagt, was er denkt – auf das Risiko hin, von den Orthodoxen der Partei mitunter als «verkappter Rechter» bezeichnet zu werden. Damit unterscheidet er sich fundamental von Enrico Letta, den er am Donnerstag als letzten seiner Widersacher abservierte.

Letta wirkte trotz seiner erst 47 Jahre im Vergleich zu Renzi uralt, verhaftet in den überkommenen Ritualen des Römer Politikbetriebs, immobil und unfähig, das Land aus seiner Depression zu reissen. «Renzi ist die letzte Chance für Italien», erklärte der PD-Abgeordnete Matteo Richetti – und drückte aus, was viele Wähler denken.

«Zum Erfolg verdammt»

Allerdings: Die rücksichtslose Art, mit der Renzi seinen Parteifreund Letta in Pension schickte, hat selbst bei seinen Anhängern ein mulmiges Gefühl hinterlassen. Fest steht, dass Renzi seinem Versprechen eines «radikalen Wandels» nun sehr schnell wird Taten folgen lassen müssen. Sonst fällt der «Fluch der bösen Tat» in kürzester Frist auf ihn zurück.

In einer Online-Umfrage des «Corriere della Sera», an der sich Zehntausende Leser beteiligten, billigten weniger als 25 Prozent die ruppige «staffetta» (Stabübergabe). «Renzi ist zum Erfolg verdammt», betonte auch die links-liberale «Repubblica». Renzis grösstes Handicap ist seine dürftige demokratische Legitimation: Er hat noch nie an einer nationalen Wahl teilgenommen und verfügt deshalb auch über keinen Parlamentssitz.

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