US-Wahlen 2020

Debattieren in Zeiten von Corona: Joe Biden und Bernie Sanders streiten sich weiter

Die beiden demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden und Bernie Sanders streiten sich weiter – allerdings ohne Publikum.

Die beiden demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden und Bernie Sanders streiten sich weiter – allerdings ohne Publikum.

Zum vielleicht letzten Mal haben sich am Sonntag die beiden verbliebenen demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden und Bernie Sanders duelliert — und aufgrund der Gefahr, die vom Corona-Virus ausgeht, fand die Diskussion vor laufenden Kameras für einmal ohne Publikum statt.

Es ist anzunehmen, dass Bernie Sanders ein gewiefter Rechner ist. Sonst hätte der 78 Jahre alte Senator aus Vermont wohl nicht derart lange als Berufspolitiker überlebt.

Am Sonntag allerdings machte Sanders keine Anstalten, die Realität zu akzeptieren und zuzugeben, dass er rechnerisch fast keine Chance mehr hat, in den Vorwahlen der Demokratischen Partei den Spitzenreiter Joe Biden noch einzuholen.

Vielmehr entschied er sich dazu, die (deutlichen) Unterschiede in den Positionsbezügen zu unterstreichen und zu betonen, dass er, im Gegensatz zu Biden, ein Politiker sei, der sich nicht verbiegen oder gar von reichen Geldgebern kaufen lasse.

«In schwierigen Zeiten müssen wir den Mut haben, uns mit starken Interessenvertretungen anzulegen», unpopuläre Ideen zu verfolgen und sich für die arbeitende Bevölkerung Amerikas einzusetzen, sagte Sanders.

Dossier US-Wahlen 2020

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In der Debatte über Corona — oder, besser gesagt, über die überforderten Behörden, die weder in Washington noch in den 50 Bundesstaaten schnell genug auf das sich rasch ausbreitende Virus reagierten — zeigte Sanders, was dies in der Praxis bedeutet.

Der Senator fand einige mitfühlende Worte, ging dann aber dazu über, zu betonen, dass seine Pläne für die Quasi-Verstaatlichung des amerikanischen Gesundheitssystems («Medicare for All») die richtige Antwort auf die Krise sei. Und er verteufelte einmal mehr die wirtschaftliche Ungleichheit in der grössten Volkswirtschaft der Welt.

So wies er darauf hin, dass von Corona ausgerechnet die schwächsten Menschen betroffen seien, Menschen ohne Dach über den Kopf, oder Menschen, die sich abrackern und pro Stunde nur einige Dollars verdienen. «Die Zeit ist gekommen, Amerika neu zu erfinden», sagte er.

Biden hatte darauf eine recht gute Antwort parat. In Zeiten der Krise, sagte der ehemalige Vizepräsident, «wollen die Menschen Resultate und keine Revolution.» Und: Die Menschen «wollen Resultate unverzüglich», auch weil der Amtsinhaber im Weissen Haus das Problem verschärfe.

Der 77-Jährige präsentierte sich deshalb als pragmatischer Staatsmann, der die besten Köpfe um sich versammeln würde, um die Pandemie zu bekämpfen. Amerika müsse eine Führungsrolle übernehmen, so wie sie die Regierung von Präsident Barack Obama während der Ebola-Epidemie im Jahr 2014 gespielt habe.

Auch wies Biden seinen Kontrahenten darauf hin, dass Italien eine europäische Version von «Medicare for All» habe und dies angesichts der Probleme, mit denen das Land derzeit kämpfe, ganz offensichtlich kein Allheilmittel sei. «Es funktioniert dort nicht.»

Ein Gezeter zweier alter Männer

Leider dauerte die Debatte aber fast zwei Stunden, und nach diesen einführenden Worten begannen sich Biden und Sanders über fast sämtliche Positionsbezüge in den vergangenen dreissig, vierzig Jahren zu streiten. Sanders warf Biden vor, in den Siebzigerjahren zu wenig energisch für die Abtreibungsrechte von Frauen gekämpft zu haben, Biden attackierte Sanders, weil er sich vor mehr als 25 Jahren nicht für eine Verschärfung der Waffengesetze stark gemacht hatte.

Die beiden betonten zwar, mehrere Male, dass sie miteinander befreundet seien und sich gegenseitig unterstützen würden. Das Gezeter der beiden alten Männer auf der leeren Bühne in einem Fernsehstudio des Nachrichtensenders CNN in Washington — die Diskussion fand ohne Publikum statt — war aber nicht gerade förderlich, die beiden Flügel der Demokratischen Partei auf den anstehenden Wahlkampf gegen Donald Trump vorzubereiten.

Auch war Biden nicht gut beraten, Sanders für sein Engagement gegen den Klimawandel zu kritisieren. Diese Positionsbezüge sind gerade bei jungen Demokraten höchst populär und auf diese Wählerinnen wird Biden im November angewiesen sein.

Biden verspricht, mit einer Frau ins Rennen zu ziehen

Biden und Sanders leisteten sich einige Versprecher. So verwechselte Biden das Corona-Virus mit der Schweinegrippe, die 2009 (zu Beginn der Amtszeit von Präsident Obama und Vizepräsident Biden wütete). Und Sanders stolperte, als er das aktuelle Virus mit der Ebola-Epidemie verwechselte und sich schwer damit tat, Distanz zu autoritären Regimen in Mittelamerika oder China zu schaffen.

Biden war auch für eine der grössten Schlagzeilen des Abends verantwortlich. Er versprach, er werde eine Frau zur Vizepräsidentschaftskandidatin ernennen. (Hält er dieses Versprechen, wäre dies nach Geraldine Ferraro im Jahr 1984 die zweite demokratische Kandidatin für das Vizepräsidium.)

Die nächste Runde der demokratischen Vorwahlen findet am Dienstag statt, in Florida, Ohio, Arizona und Illinois. Biden gilt in allen vier Staaten als Favorit. Eine Wahlparty ist dennoch nicht geplant, angesichts der Empfehlungen, von solchen Grossereignissen abzusehen. Ein seltsamer Wahlkampf wird wohl bald noch seltsamer werden.

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