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Credit Suisse: Der tiefe Fall von Starbanker Tidjane Thiam – Chronik einer Affäre

Seit der Beschattungsaffäre um den abtrünnigen Star-Banker Iqbal Khan wackelte der Thron von Credit-Suisse-CEO Tidjane Thiam. Nun musste er auf Druck des Verwaltungsrats gehen. Ein Drama in 16 Akten.

Tidjane Thiam konnte sich monatelang an der Spitze der Credit Suisse halten. Fast schien es, als könne er die Beschattungs-Affäre aussitzen. Doch der Druck blieb hoch. So hoch, dass der Verwaltungsrat um Urs Rohner an seiner Sitzung vom Donnerstag die Reissleine zog. Thiam durfte seinen Rücktritt anbieten, den Rohner annahm. Ein Drama in 16 Akten:

2015: Tidjane Thiam tritt als grosse Zukunftshoffnung bei der Credit Suisse an. Iqbal Khan, der bei der Bank als aufsteigender Stern gilt, erhebt er zum Chef der internationalen Vermögensverwaltung.

2016-2018: Während sich die Hoffnung auf rapides Wachstum in Asien in Luft auflösen, liefert Khan. Ende 2018 hat sein Bereich die Ziele in Thiams ehrgeizigem dreijährigem CS-Umbau erreicht.

Juli 2018: Das Business- und Finanzmagazin Euromoney zeichnet Thiam als «Banker of the year 2018» aus. Mit seinem Dreijahresplan habe er die Credit Suisse neu erfunden.

August 2018: Europachef Claudio De Sanctis wird abgesetzt, was der Auslöser des späteren Streits zwischen Thiam und Khan sein soll. Thiam, dem De Santis zu stark geworden sei, soll von Khan verlangt haben, «schmutziges Material» über ihn zu sammeln. Thiam bestreitet dies.

Januar 2019: Beim Neujahrs-Apéro in Thiams Villa in Herrliberg ZH kommt es zu einem Eklat zwischen den beiden Nachbarn Khan und Thiam. Ob wirklich die Bäume vor Khans Seesicht der Grund waren, ist nicht eindeutig. So war auch zu hören, Khan fühle sich durch Thiam zurückgebunden.

Juli 2019: Knapp ein halbes Jahr nach dem Streit in Herrliberg platzt die Bombe: Khan verlässt die Credit Suisse und geht ab Oktober zur UBS.

September 2019: Die Beschattung Khans durch von der CS eingesetzten Privatdetektiven fliegt auf, ebenso die Verfolgungsjagd durch die Zürcher Innenstadt. Der CS-Verwaltungsrat startet eine Untersuchung und betraut damit die Anwaltskanzlei Homburger. Die Zürcher Staatsanwaltschaft eröffnet auf Strafanzeige von Khan ein Strafverfahren.

Oktober 2019: Einer der involvierten Sicherheitsberater nimmt sich das Leben, nachdem die CS seinen Namen einem Journalisten verraten hatte. Die Untersuchung der CS ergibt, dass Thiam von nichts gewusst haben soll. Die Verantwortung übernimmt COO Pierre-Olivier Bouée, er tritt zurück.

Mitte Oktober 2019: Obwohl Thiams Glaubwürdigkeit leidet, kann er auf die Unterstützung der wichtigsten Aktionäre zählen. Der Chef von Harris Associates, David Herro, stärkt den Rücken.

Mitte Dezember 2019: Es zeigt sich, dass Khans Beschattung entgegen den Behauptungen von Thiam und Rohner kein Einzelfall war. Auch Personalchef Peter Goerke war observiert worden.

20. Dezember 2019: Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) schaltet sich ein. Ein Prüfungsbeauftragter nimmt die CS-Führung unter die Lupe und sucht nach Kontrollmängeln.

8. Januar 2020: Khan muss sich zusammen mit seiner Frau gegen eine Anzeige der Detektive wehren, die ihn ursprünglich beschattet haben. Khan wird unter anderem vorgeworfen, falsche Anschuldigungen erhoben zu haben.

24. Januar 2020: Pierre-Olivier Bouée, der zuvor fristlos entlassen wurde, prüft Schritte gegen die CS. Er steht vor dem Karriereabgrund und hat deshalb einen Anwalt eingeschaltet.

31. Januar 2020: Wenige Tage bevor sich der CS-Verwaltungsrat zur ordentlichen Sitzung trifft, wird bekannt, dass Rohner eine Liste möglicher Thiam-Nachfolger hat. Obwohl dies die CS dementiert, verstärkt sich der Druck auf die Spitze der Bank.

4. Februar 2020: Während in Zürich Thiams Rücktritt gefordert wird, fordern Grossaktionäre wie Harris Associates mit Verweis auf Thiams gute Resultate dessen Verbleib. Sie drohen Rohner mit Widerstand gegen seine eigene Wiederwahl, sollte er sich nicht hinter den CEO stellen.

7. Februar 2020: Die Unterstützung der Grossaktionäre nützt Thiam nichts: Nach monatelangen Spekulationen wird an der Verwaltungsratssitzung vom 6. Februar Schweiz-Chef Thomas Gottstein zum neuen CEO ernannt. Der abgesetzte Thiam beteuert nach wie vor, nichts von der Beschattung gewusst zu haben. Der Verwaltungsrat spricht Präsident Urs Rohner das Vertrauen aus.

Autor

Gabriela Jordan

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