Griechenland

Bittere Rückkehr für Flüchtlinge

Müssen vermutlich zurück in die Türkei: Pakistanische Flüchtlingen auf Lesbos.

Müssen vermutlich zurück in die Türkei: Pakistanische Flüchtlingen auf Lesbos.

Wen wird es als Erstes treffen? Wer wird heute von den griechischen Ägäis-Inseln in die Türkei zurückgebracht? Diese Frage bewegt die Flüchtlinge und Migranten in den Notunterkünften auf Lesbos und Chios. Hier sollen die Abschiebungen beginnen. Aber wie sie in der Praxis ablaufen werden, weiss niemand. Sicherheitsexperten fürchten Gewalt bei Abschiebungen von Flüchtlingen in die Türkei

Fachleute sind besorgt: «Wir fürchten, dass es zu Gewaltausbrüchen kommen wird», sagt ein griechischer Sicherheitsexperte, der nicht namentlich genannt werden will. Die Menschen seien verzweifelt und deshalb in ihren Reaktionen nicht berechenbar, so der Beamte. Ohnehin ist die Situation in den griechischen Flüchtlingslagern äusserst angespannt, nicht nur wegen der bevorstehenden Abschiebungen. In den vergangenen Tagen kam es auch zu Massenschlägereien zwischen jungen Männern verschiedener Nationalitäten, vor allem Afghanen und Syrern.

Wer abgeschoben wird, entscheiden die griechischen Behörden vor Ort. Als Erstes dürften Migranten aus Ländern wie Pakistan, Marokko, Algerien und Tunesien an die Reihe kommen, die als sichere Drittstaaten gelten. Asylanträge werden im Schnellverfahren geprüft, nachdem das griechische Parlament am Freitag ein entsprechendes Gesetz verabschiedete.

Zwei Schiffe stehen bereit

In einer ersten Phase sollen bis zum Mittwoch 750 Flüchtlinge und Migranten in die Türkei zurückgebracht werden. Dafür hat die EU-Grenzschutzagentur Frontex zwei Schiffe gechartert, das Ausflugsboot «Nazli Jale», einen Katamaran, der etwa 200 Passagiere aufnehmen kann, sowie die «Lesvos», eine kleine Fähre für etwa 100 Menschen. Beide Schiffe gehören türkischen Reedereien.

Von Lesbos sollen die Menschen zum kleinen Hafen Dikili an der türkischen Küste gebracht werden. Dort will die Hilfsorganisation Türkischer Halbmond ein Lager für 5000 Menschen einrichten. Es ist aber noch nicht fertig. Flüchtlinge von der Insel Chios werden zum türkischen Cesme gebracht. Auch hier sind allerdings die Arbeiten an dem geplanten Aufnahmelager noch nicht abgeschlossen. Bisher gibt es lediglich einige Zelte, in denen die Ankömmlinge registriert werden sollen, sowie sanitäre Anlagen.

Grundlage der Aktion ist der Flüchtlingspakt, den die EU vor zwei Wochen mit der Türkei geschlossen hat. Er sieht vor, dass alle Menschen, die nach dem 20. März illegal aus der Türkei nach Griechenland gekommen sind, dorthin zurückgebracht werden. Im Gegenzug lässt die EU für jeden zurückgeschickten Flüchtling einen Syrer aus der Türkei legal einreisen. Bis zu 72 000 Menschen könnten auf diese Weise Aufnahme in der EU finden.

Auf den griechischen Inseln sitzen derzeit etwa 5600 Menschen fest, die nach dem Stichtag aus der Türkei gekommen sind – und nun mit ihrer Rückführung rechnen müssen. Die Abschiebungen werden unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen stattfinden. Jeder Migrant soll von einem Polizisten begleitet werden. Dafür sind in den vergangenen Tagen bereits hunderte Beamte aus anderen EU-Ländern auf die griechischen Inseln entsandt worden. Weitere Polizisten werden diese Woche erwartet.

Fahrt dauert eine halbe Stunde

Was bei dem Einsatz auf sie zukommt, ist ungewiss. Von Mytilini nach Dikili sind es nur etwas mehr als sieben Seemeilen (13 Kilometer), die Überfahrt dauert lediglich eine halbe Stunde. Doch für die Migranten, die den Schleppern für die Überfahrt in den Schlauchbooten mitunter Tausende Dollar oder Euro gezahlt haben, wird es eine quälende Reise, eine bittere Rückkehr sein. Dass sie freiwillig an Bord der Boote gehen und sich widerstandslos in die Türkei zurückbringen lassen, ist unwahrscheinlich.

Heute soll auch die direkte Umsiedlung von syrischen Flüchtlingen aus der Türkei in die EU beginnen. In Deutschland werden etwa 40 Syrer erwartet, vor allem Familien mit Kindern. Auch in Frankreich, Finnland und den Niederlanden werden heute Montag und morgen Dienstag die ersten syrischen Flüchtlinge aus der Türkei erwartet.

Mit dem Flüchtlingspakt soll den Schleusern das Handwerk gelegt und der Druck auf Griechenland verringert werden. Gegenüber dem Februar, als an manchen Tagen mehr als 3000 Menschen über die Ägäis zu den griechischen Inseln kamen, hat der Strom der Flüchtlinge zwar nachgelassen. Aber immer noch wagen Menschen die oft lebensgefährliche Überfahrt in den Schlauchbooten, in der Hoffnung, von Griechenland nach Nordeuropa zu gelangen.

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