Frankreich

«Big Brother is watching you»: chinesische Wachsamkeit an der Côte d’Azur

Im Zentrum für städtische Überwachung von Nizza laufen alle Fäden zusammen. Die Kameras können Straftäter automatisch durch die ganze Stadt verfolgen.

Im Zentrum für städtische Überwachung von Nizza laufen alle Fäden zusammen. Die Kameras können Straftäter automatisch durch die ganze Stadt verfolgen.

Als erste europäische Stadt setzt Nizza im öffentlichen Raum auf Kameras, die automatisch Gesichter und sogar Emotionen erkennen können. Bringt die terrorversehrte Stadt an der französischen Riviera bald chinesische Verhältnisse nach Europa? Ein Augenschein.

Verloren irrt das kleine Mädchen durch die Menschenmenge. Obwohl es in der sinkenden Wintersonne der Côte d’Azur einen Riesenschatten wirft, nimmt kein Mensch Kenntnis von ihm. Eine Kamera schon. Knapp zwei Kilometer weiter vermeldet ein Stadtpolizist vor seinem Kontrollschirm trocken: «Die gesuchte Person ist lokalisiert.»

Experiment gelungen: Aus 5000 Karneval-Besuchern spürte das Zentrum für städtische Überwachung im südfranzösischen Nizza das gesuchte Mädchen im Nu auf. «Es war in Wahrheit meine eigene Tochter, die sich für den Versuch zur Verfügung gestellt hatte», schmunzelt Sandra Bertin von der Zentrums-Leitung.

«Dank der digitalen Gesichtserkennung dauerte es nur ein paar Minuten, bis wir sie mit Hilfe eines Passfotos gefunden hatten.» Die Polizeivizechefin ist ganz eingenommen von der Gesichtserkennungs-Software einer israelischen Firma: «Stellen Sie sich vor, wie nützlich es ist, in Echtzeit Kleinkinder oder Alzheimer-Patienten, aber auch Verbrecher oder Terroristen aufspüren zu können.»

Das Wort Terroristen hat in Nizza (340'000 Einwohner) eine besondere Bedeutung: An der Promenade des Anglais fuhr ein Attentäter 2016 mit einem Lastwagem 84 Menschen zu Tode. Heute finden sich keine Spuren mehr entlang des berühmten Kiesstrandes.

Oder doch? Die Flaniermeile wird nun gesäumt von hübschen Lauben mit seltsam breiten Betonfüssen. Ebenso wuchtige Pflöcke versperren die Zufahrt. Sie lassen sich aus dem Kontrollzentrum der Stadtpolizei per Joystick senken und hochfahren.

Eine der derzeit 2682 Überwachungskameras in den Strassen von Nizza ist permanent auf die Pflöcke gerichtet.

Kamera erkennt, wie sich Tram-Fahrgäste fühlen

2682 Kameras – eine gewaltige, europaweit rekordverdächtige Zahl. Und jeden Monat kommen neue dazu. Nizza treibt den «Videoschutz» weiter als andere Städte, und das nicht erst seit dem mörderischen Anschlag von 2016. Ein Überwachungsstaat im Kleinen? Polizeivizechefin Sandra Bertin schüttelt den Kopf: «Wir sind doch nicht in China! Wir wollen die Bürger nicht überwachen, wir wollen nur die Kriminalität bekämpfen.»

Schaltzentrale des Zentrums für städtische Überwachung ist ein verdunkelter Bildschirmsaal, wo sich über 60 Standorte auf einen Blick verfolgen lassen. «Verstärkung zum Bahnhof!», ruft eine der 90 Angestellten – Frauen gelten hier als die besseren Beobachterinnen – ins Mikrofon. Sie zoomt mit ihrem Joystick auf eine Seitenstrasse. Die nächste Patrouille macht sich auf. Bald ist die Situation unter Kontrolle: Es war nur eine Schlägerei zwischen zwei Betrunkenen.

Sandra Bertin zeigt weitere Action-Szenen aus dem Kamera-Archiv. Eine zeigt zwei Diebe, die einem Touristenpaar 4100 Euro abnehmen. Dank dem dichten Kameranetz lässt sich ihre Flucht auf einem Motorroller durch die halbe Stadt verfolgen, inklusive dramatischer Festnahme durch die Polizei. Eine andere Kamera filmte, wie zwei Jungs einen Personenwagen am Rotlicht ausrauben. Die Aufnahmen ermöglichten es einer nahen Patrouille, die Täter zu fassen.

«Seitdem wir auch in der Tramlinie 1 Kameras installiert haben, sind die Taschendiebstähle dort um die Hälfte zurückgegangen», sagt Bertin. Das in Nizza verpönte, aber verbreitete Parkieren in der Doppelreihe habe ganz aufgehört. Das alles dank der Videoüberwachung.

«Aber den Terroranschlag hat sie nicht verhindert», erwidert Henri Busquet von der lokalen Menschenrechtsliga. Sein südfranzösischer Akzent verhärtet sich, als er erzählt, wie Nizzas Bürgermeister Christian Estrosi noch ein Jahr zuvor in Anspielung auf das Attentat auf die Charlie-Hebdo-Redaktion in Paris geprahlt habe, in Nizza wären die Attentäter «schon bei der dritten Ampel gefasst» worden. «Gegen den Lastwagenfahrer war das städtische Kameranetz aber wirkungslos», sagt Busquet.

Für Sandra Bertin ist das ein Grund, noch weiter zu gehen. «Mit künstlicher Intelligenz ausgestattet, hätten die Videokameras gegen das Attentat hilfreich sein können. Etwa mit einem Algorithmus, der auffälliges Verhalten weitermeldet.» Die Stadtpolizei von Nizza hat dahingehende schon mehrere Experimente durchgeführt: Neben der Gesichtserkennung am Karneval wurde auch die automatische Verfolgung eines Verdächtigen durch das flächendeckende Kameranetz geprobt.

Es funktionierte. Geprobt wurde sogar die «Gefühls-Analyse», bei der Passagiere auf ihren Angst- und Wutlevel hin untersucht worden sind – alleine aufgrund ihrer Gesichtsregungen.

Wenn die Kamera plötzlich mit fehlbaren Hundehaltern spricht

Aktivist Henri Busquet hat mehrere Einwände. Was, wenn ein Passagier nicht damit einverstanden ist, gefilmt zu werden? Und: Was genau heisst auffälliges Verhalten? «Die Gesichtserkennung könnte auch an einer politischen Demo zum Einsatz kommen», glaubt der Menschenrechtskämpfer und erzählt, die Chefin des Zentrums für städtische Überwachung sei eine gute Freundin von Bürgermeister Estrosi.

Der konservative Stadtvorsteher und die überwachungsfreundlichen Kreise in Nizza werden derzeit noch von der Nationalen Kommission für Informatik und Freiheit gebremst. Das Gremium aus Paris ist nicht generell gegen die Gesichtserkennung, macht sie aber abhängig vom Erlass eines verbindlichen Datenschutz-Gesetzes. Solange die Frage der Datenspeicherung nicht geklärt ist, wünscht die Kommission auch keine Experimente mehr.

Eines dieser Experimente fand an der Mittelschule Les Eucalyptus statt. Die Schulleitung installierte unlängst Gesichtserkennungs-Kameras, um den Zutritt zum Schulareal zu regeln. Freiwillige Tester fanden sich problemlos. Vor Ort meint eine 17-Jährige schulterzuckend: «Unsere Bilder zirkulieren ohnehin schon überall.» Die Kommission für Informatik und Freiheit stoppte den Versuch nach einer Einsprache von Menschenrechtsaktivisten und eines Elternverbandes dennoch.

Auch im Lokalzug entlang der malerischen südfranzösischen Küste ist die digitale Überwachung omnipräsent. Alle paar Minuten erklingt die Durchsage: «Die Bahn informiert Sie, dass dieser Wagen mit einer Überwachungskamera ausgerüstet ist.» Halt in Mandelieu-La Napoule, einem schicken Vorort von Cannes mit hoher Überwachungskamera-Dichte. Vizebürgermeister Guy Villalonga, zuständig für Sicherheit, deklamiert im kommunalen Überwachungszentrum, hier gelte «Null-Toleranz».

Zu dem Zweck hat Mandelieu unter anderem sprechende Kameras eingeführt. «Guten Tag, hier ist die Stadtpolizei», sagt die freundliche Polizistin vor der Bildschirmwand via Mikrofon zu einem Hundehalter im Stadtpark. «Bitte sammeln Sie den Hundekot ein. Vielen Dank.» Der Ertappte fragt sich nicht einmal mehr, woher die unsichtbare Stimme kommt. Schuldbewusst senkt er den Blick und bückt sich, um sein Aufräumgeschäft zu erledigen.

Gebüsst werde nur, wer die Faust in Richtung Kamera mache und sich davonstehle, erklärt Villalonga. Aus der aktuellen kommunalen Verbrecherstatistik liest er vor: «Dank der Kameraüberwachung ist die Zahl der Einbrüche und Diebstähle um 49 Prozent zurückgegangen. 76 Missetäter sind festgenommen worden.»

Biometrische Daten sollen bald Passwörter ersetzen

«Wirklich?», fragt Martin Drago vom kritischen Pariser Netzwerk La Quadrature du Net zurück. «Bisher hat keine Studie den Beweis erbracht, ob und wie Gesichtserkennung oder auch nur Kameraüberwachung die reale Sicherheit der Bürger erhöht», betont der Jurist.

Das aktuelle Hauptproblem ist laut Jurist Martin Drago die fehlende Transparenz: «Wer befindet über den Einsatz der Gesichtskontrollen? Und über die Speicherung der Daten? Da herrscht völliger Nebel.»

Trotzdem propagieren die Software-Anbieter den Einsatz künstlicher Intelligenz im urbanen Raum. Auch eine französische Firma mit Sitz in der Stadt Metz entwickelt bereits Algorithmen zur Gefühlserkennung auf Gesichtern und offeriert auf ihrer Webseite «unbegrenzte» Möglichkeiten der Gesichts- und Gefühlserkennung. Gegenüber dieser Zeitung wollte sich die Firma nicht zum Thema äussern.

Das heikle Thema Überwachung könnte in Frankreich bald landesweit für hitzige Diskussionen sorgen. In Paris will Präsident Emmanuel Macron bald das Projekt «Alicem» lancieren, nach eigener Darstellung das «europaweit erste staatliche Programm zur Schaffung einer biometrischen Identität». Die Gesichtsdaten sollen Login und Passwort überflüssig machen. Ein entsprechendes Experiment ist bereits angelaufen, laut Innenministerium zur vollen technischen Zufriedenheit.

Kritik daran wird kaum laut. In Frankreich habe man es sich seit den Zeiten von Ludwig XIV und Napoleon daran gewohnt, dass die Pariser Zentralmacht das Volk überwache, bedauert Jurist Drago. Sein Netzwerk hat gerichtlich Einspruch gegen «Alicem» erhoben – damit Biometrie nicht gleichbedeutend wird wie Big Brother.

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