Der mutmassliche Massenmörder von Christchurch, Brenton Tarrant, wurde am Samstagmorgen dem Richter vorgeführt. Nur Medien waren im Gerichtssaal zugelassen, für Publikum waren die Räumlichkeiten aus Sicherheitsgründen gesperrt worden. Der Australier wurde offiziell des Mordes angeklagt. Tarrant verzichtete darauf, dass sein Name geheim gehalten wird. Eine Entlassung auf Bewährung beantragte er nicht. Am 5. April muss er erneut vor dem Gericht erscheinen.

49 Menschen soll der 28-jährige Australier am Freitag in zwei Moscheen in der neuseeländischen Stadt Christchurch erschossen haben. Unter ihnen seien auch Kinder, so Premierministerin Jacinda Ardern. Das jüngste Todesopfer war zwei Jahre alt, das älteste 60. 39 weitere Gläubige befinden sich noch in Krankenhäusern, elf liegen mit lebensgefährlichen Verletzungen auf der Intensivstation. Tarrant hatte seine Taten gefilmt und live im Internet gezeigt. In einem 74 Seiten starken «Manifest» bekannte er sich zu rechtsextremem Gedankengut und seinem Hass gegen Muslime und Einwanderer.

Nur 36 Minuten nach dem Alarm festgenommen

Ardern sagte, der mutmassliche Täter sei nur 36 Minuten nach dem ersten Alarm von der Polizei festgenommen worden. Laut Polizei hatte er fünf Waffen bei sich, darunter zwei halbautomatische und zwei umgebaute Gewehre. Er sei unterwegs gewesen, um weitere Menschen zu ermorden, so Ardern. «Er hatte absolut die Absicht, seine Attacke fortzuführen.» Drei weitere Personen waren ebenfalls festgenommen worden. Ein Verdächtiger wurde später wieder entlassen. Offenbar handelte es sich um einen bewaffneten Passanten, der den Opfern hatte helfen wollen.

Ardern stellte in Aussicht, die im Vergleich zu anderen Ländern relativ liberale Waffengesetze Neuseelands zu verschärfen. Der mutmassliche Täter habe die Gewehre auf legale Weise erworben – über einen von den Behörden ausgestellten Waffenschein. «Allein anhand der Tatsache, dass dieser Mensch einen Waffenschein bekam und Waffen dieses Kalibers kaufen konnte, werden viele Menschen Änderungen verlangen. Ich werde mich dafür einsetzen.» Die Ausstellung von Tarrant’s Lizenz müsse zwar noch von den Behörden geprüft werden, «aber eines kann ich jetzt schon sagen: unsere Waffengesetze werden geändert», erklärte Ardern. In Neuseeland kann jeder Bürger, der älter ist als 16 Jahre, einen Sicherheitskurs durchlaufen und danach Waffen kaufen.

Beobachter meinen, Neuseeland könnte ein ähnliches Modell erwägen, wie es Australien nach einem Amoklauf im Jahr 1996 eingeführt hatte. Seit der Ermordung von 35 Menschen durch einen Einzeltäter auf der Insel Tasmanien dürfen Australier keine halbautomatischen Gewehre mehr besitzen, die einem Kriminellen erlauben, innerhalb kurzer Zeit eine grosse Zahl von Geschossen abzufeuern. Selbst Einzelfeuerwaffen können nur unter strikten Bedingungen erworben werden. Seit der Einführung dieser Massnahmen ist es in Australien zu keinen Massenerschiessungen mehr gekommen.

Spontane Kundgebungen der Solidarität

Die Bevölkerung von Christchurch legte auch gestean beiden Tatorten Blumen nieder. «Neuseeland ist in Trauer vereint», meinte Ardern. Vielerorts kam es zu spontanen Kundgebungen der Solidarität mit Muslimen. Fremde Menschen umarmten sich gegenseitig und spendeten sich Trost. Ardern besuchte die islamische Gemeinde in Christchurch und versprach unter anderem Hilfe bei der Beerdigung der Opfer sowie Unterstützung für Überlebende. Rund ein Prozent der Neuseeländer gehört dem muslimischen Glauben an, insgesamt etwa 50000 Menschen. Die meisten stammen aus Pakistan, Bangladesch, Indonesien, Somalia und der Türkei. Sie gelten als gut in die neuseeländische Gesellschaft integriert.