Vergleich

Andere Länder, andere Sitten: Es gibt Lockdowns – und das trotz teils viel tieferen Zahlen als in der Schweiz

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Bar-Schliessungen und nächtliche Ausgangssperren: Europa reagiert mit teilweise restriktiven Massnahmen auf die Zunahme der Fälle.

Wie schnell ein beschaulicher Touristenort zum Coronahotspot werden kann, erleben derzeit die Menschen im Berchtesgadener Land in Bayern. Die in Deutschland massgebliche Grösse in Sachen Coronainfektionen, die Sieben-Tage-Inzidenz, lag hier Anfang der Woche bei 250 Ansteckungen pro 100'000 Einwohner. Wohlgemerkt: Die Schweiz liegt landesweit inzwischen über diesem Wert. In Deutschland gelten jedoch bereits 50 Infektionen pro 100'000 Einwohner im Wochenschnitt als kritisch. Für zwei Wochen muss Berchtesgaden nun in den Lockdown. Schulen, Freizeiteinrichtungen und Restaurants bleiben zu, aus dem Haus darf man nur mit einem «triftigen Grund».

Irland und Wales sind konsequent

Auf regionale Lockdowns setzt derweil nicht nur Deutschland. In England gilt ein Drei-Stufen-System, in das sich einzelne Regionen selbst einordnen können. Reibungslos klappt das noch nicht: Während etwa Liverpool weitreichende Massnahmen verhängt hat, verzichtet die Region Manchester auf das Ausrufen der höchsten Warnstufe. Dies, obwohl sich das Virus in der Metropole im Norden Englands ähnlich rasch ausbreitet.

Irland und Wales sind hier konsequenter: Die Iren etwa machen ohne Umweg für sechs Wochen dicht. Seit gestern sind auf der Insel die meisten Geschäfte zu, Restaurants bieten ihr Essen nur noch zum Mitnehmen an. Die Bewegungsfreiheit der Bürger wird zudem eingeschränkt: Niemand darf sich weiter als fünf Kilometer vom eigenen Wohnort entfernen. Schulen bleiben in Irland allerdings geöffnet. Dies, obwohl sich im 14-Tage-Schnitt pro 100000 Einwohner weniger Menschen anstecken als in der Schweiz: in Irland 270, in der Schweiz fast 400. Allerdings hat Irland in den Spitälern deutlich weniger Kapazitäten für Coronapatienten als die Schweiz. Für vorerst zwei Wochen in den Lockdown geht Wales. Pubs und Restaurants bleiben während dieser Zeit geschlossen. Untersagt sind Treffen zwischen Menschen aus verschiedenen Haushalten. In Nordirland greift das Verbot sozialer Zusammenkünfte gar für vier Wochen.

Tschechien wird zunehmend zum Sorgenkind Europas

Besonders dramatisch entwickelt sich die Coronasituation in Tschechien. Noch vor kurzem schien das Land alles unter Kontrolle zu haben. Doch inzwischen explodieren die Zahlen regelrecht: Über die letzten 14 Tage steckten sich laut Zahlen des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kon­trolle von Krankheiten im Schnitt 975 Menschen pro 100000 Einwohner an. Die Regierung in Prag greift daher zu drastischen Massnahmen: Ab diesem Donnerstag gilt praktisch ein landesweiter Lockdown. Fast alle Geschäfte schliessen vorübergehend, ausgenommen sind Lebensmittelläden, Apotheken und Drogerien. Bürgerinnen und Bürger sollen ihre privaten Kontakte auf die «notwendige Zeit» begrenzen, wie es heisst. Spaziergänge in der freien Natur bleiben erlaubt.

Mit nächtlichen Ausgangssperren hoffen unter anderem Slowenien und Frankreich, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Während sich die Franzosen dabei auf die grossen Metropolen, allen voran Paris, beschränken, gilt die Ausgangssperre zwischen 21 und 6 Uhr in Slowenien im ganzen Land. Dort dürfen die Bürger nur noch zwischen den einzelnen Regionen hin und her reisen, wenn dies aus beruflichen Gründen nötig ist. Mehr als 420 Menschen pro 100000 Einwohner stecken sich in Slowenien im 14-Tage-Schnitt mit dem Virus an. Auch in Belgien heisst es nachts: zu Hause bleiben. Nach 20 Uhr wird kein Alkohol mehr verkauft. Läden und Schulen im Land bleiben offen.

Auffällig ist, dass auch jene Länder, die bislang verhältnismässig gut durch die Coronakrise gekommen sind, mit stark steigenden Infektionszahlen kämpfen, wie Portugal. Zwar liegt der 14-Tage-Wert erst bei 270 Ansteckungen auf 100000 Einwohner. Doch die Tendenz ist stark steigend. Die Behörden im Land haben den Katastrophenfall ausgerufen. Die Pandemie gewinnt derzeit in Europa kräftig an Fahrt.

Autor

Fabian Hock

Fabian Hock

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