Merkel-Video

3,5 Minuten unterschlagen: Flüchtlings-Mädchen wird gar nicht abgeschoben

Flüchtlingsmädchen Reem im Gespräch mit Angela Merkel.

Flüchtlingsmädchen Reem im Gespräch mit Angela Merkel.

Auf einem Video, das im Internet kursiert, erklärt Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel einem Flüchtlingsmädchen, wieso es nicht bleiben darf. Aber nur scheinbar – es fehlt ein wichtiger Ausschnitt. Die ARD ist nicht unschuldig am Missverständnis.

Grenzenlose Häme ergiesst sich über die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, weil sie einem palästinensischen Flüchtlingsmädchen etwas ungelenk erklärte, warum sie nicht in Deutschland bleiben darf. Der Vorfall ereignete sich im Rahmen ihres Bürgerdialogs «Gut Leben in Deutschland» in Rostock, der vom Fernsehen übertragen wurde.

Das Problem: Bei dem Video, das auf Sozialen Medien wie wild geteilt und kommentiert wird, fehlen die ersten dreieinhalb Minuten. Auf der Facebookseite der Sendung Panorama ist der vollständige Dialog zwischen Reem und der Kanzlerin einsehbar:

Die Situation präsentiert sich nun etwas komplizierter. Gleich zu Beginn des Dialogs ensteht der Eindruck, dass Reems Familie gar nicht abgeschoben wird, sondern vorläufig aufgenommen ist: 

Reem: «Wir waren kurz davor, abgeschoben zu werden. Mir gings hier in der Schule auch richtig schlecht, das haben die Lehrer und Schüler mitgekriegt.»
Merkel: «Ihr solltet wieder zurück in den Libanon?»
Reem: «Ja, genau. Da gings mir richtig schlecht.»
Merkel: «Und was ist jetzt passiert?»
Reem: «Jetzt ist erst mal eine Genehmigung da. Wir waren in Berlin auf der Botschaft, haben die libanesischen Pässe geholt. Jetzt warten wir, bis von der Ausländerbehörde eine Antwort kommt.»

Angela Merkel lässt durchblicken, dass Deutschland gut integrierte Menschen wie Reem nach vier Jahren nicht zurückschickt:

«Wenn jemand vier Jahre hier ist, dann ist es halt sehr schwer zu sagen, so und jetzt hast du schön Deutsch gelernt, bist integriert, und jetzt stellen wir fest, nach vier Jahren, das ist gar kein richtiger Asylantrag. (...) Dann werden wir überlegen, wie gehen wir mit denen um, die schon viele Jahre hier sind und immer in so einem Zwischenzustand sind, da wollen wir jetzt ein beschleunigtes Verfahren machen, davon könntest du vielleicht auch profitieren.»

Merkel differenziert genau zwischen den Flüchtlingen, die aus dem Libanon kommen: Reems Familie gehört zu den palästinensischen Flüchtlingen, die dort seit Jahrzehnten in befestigten Lagern leben. «Keine sehr gute Umstände», wie die Kanzlerin einräumt, aber nicht zu vergleichen mit dem Los syrischer Flüchtlinge, die vor dem Bürgerkrieg geflohen sind und in Zeltstädten hausen. Auch Reem pflichtet bei, dass diese Vorrang haben.

In den fehlenden dreieinhalb Minuten entsteht ein deutlich nuancierteres Bild. Die Macher der Sendung Panorama schreiben denn auch in ihrem Post mit dem vollständigen Video:

Vor dem Abschieben einmal streicheln? Was Merkel wirklich sagte. Beim Bürgerdialog wurde Bundeskanzlerin Merkel mit...

Posted by Panorama on Donnerstag, 16. Juli 2015

Was Merkel zum Flüchtlingsmädchen wirklich sagte

Allerdings ist die ARD an dem Missverständnis selbst Schuld: Sie brachte das verkürzte Video auf ihrem Youtube-Kanal in Umlauf:

Angela Merkel und das weinende Flüchtlingsmädchen

Angela Merkel und das weinende Flüchtlingsmädchen

Lesen Sie hier eine kleine Auswahl von Tweets zu Merkels Auftritt unter dem Hashtag #merkelstreichelt:

Merkelstreichelt 1

Merkelstreichelt 2

Merkelstreichelt 6

Merkelstreichelt 3

Merkelstreichelt 5

Merkelstreichelt 4

Merkelstreichelt 7

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