Würenlingen/Villigen
Feinstaub: Was die Luft am meisten verschmutzt – es sind nicht die Abgase von Autos und Lastwagen

Eine Europaweite Untersuchung unter der Führung des PSI in Villigen hat gezeigt: Eine bestimmte Art zu heizen ist die Hauptquelle für Aerosolverschmutzung. Und was unterschätzt wird: der Reifen- und Bremsabrieb.

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Gang Chen, Aerosolforscher am PSI.

Gang Chen, Aerosolforscher am PSI.

zvg/Mahir Dzambegovic

Gute Luftqualität ist entscheidend für unsere Gesundheit. Aerosole, auch Feinstaub genannt, können gesundheitsschädlich sein, unter anderem weil die Schwebeteilchen tief in die Lunge eindringen. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO verursacht Luftverschmutzung in Form hoher Aerosolkonzentrationen weltweit jährlich sieben Millionen Todesfälle.

Um sinnvolle Massnahmen zur Luftverbesserung ergreifen zu können, ist es wichtig, die hauptsächlichen Aerosolquellen zu ermitteln. Unter der Leitung des Paul Scherrer Instituts PSI in Villigen haben Forschende nun eine Europakarte der Aerosolquellen erstellt.

Hierfür haben sie Daten ausgewertet, die an 22 Standorten in Städten und in ländlichen Gebieten in ganz Europa erhoben wurden. Sie haben die wichtigsten Quellen für organische Aerosole – natürlichen und menschlichen Ursprungs – und deren Schwankungen im Verlauf von Tagen, Monaten und Jahreszeiten ermittelt.

An allen 22 Standorten das gleiche Ergebnis: Heizung als Hauptquelle

«Für die Forschung im Bereich Luftqualität ist dies ein grosser Durchbruch», sagt Imad El Haddad, Leiter des Labors für Atmosphärenchemie ad interim am PSI und Mitautor der Studie. «Unsere Daten können nun benutzt werden, um Modelle zur Luftqualität zu verbessern.»

Diese Modelle werden in der Epidemiologie genutzt, um zu bestimmen, welche Aerosolquellen die grösste Gesundheitsgefahr bergen. «Darauf aufbauend könnten politische Entscheidungsträger zielgerichtete Massnahmen zur Reduktion der schädlichsten Aerosole vornehmen.»

Wenngleich die Zusammensetzung des Feinstaubs von Ort zu Ort variierte, machten die Forschenden durchweg eine Hauptquelle der Aerosolverschmutzung aus: das Heizen von Wohngebäuden mit festen Brennmaterialien wie Holz oder Kohle.

«Wenn Holzscheite, Holzpellets, Kohle oder – in einigen Ländern – Torf zum Heizen von Wohnhäusern verwendet werden, wird viel Feinstaub in die Luft freigesetzt, der für die Lokalbevölkerung gesundheitsschädlich ist», sagt Gang Chen, Aerosolforscher am PSI und Erstautor der neuen Publikation.

«Im Gegensatz zu Kraftwerken, für die es strenge Vorschriften und Filtersysteme gibt, unterliegen die Emissionen von Wohnheizungen in den meisten europäischen Ländern, so auch in der Schweiz, nicht ausreichend strengen Vorschriften.» Holz sei ein natürliches Material. Er fügt hinzu:

«Wahrscheinlich ist deshalb vielen Menschen nicht bewusst, wie gesundheitsschädlich die Verbrennung von Holz ist.»

Die Forschenden hoffen, mit ihrer Arbeit die Öffentlichkeit stärker für die Auswirkungen von Gebäudeheizungen auf die Luftqualität zu sensibilisieren.

Reifen- und Bremsabrieb werden unterschätzt

Verkehr ist eine weitere wesentliche Feinstaubquelle. Während die Abgasemissionen des Strassenverkehrs seit den 1990er-Jahren strengen Vorschriften unterliegen, sollten zur Verbesserung der Luftqualität auch andere Emissionen wie Reifen- und Bremsenabrieb stärker beachtet werden, so die Wissenschafter. Sie hoffen nun, dass ihre jetzige Veröffentlichung als Grundstein für einen globalen Auftrag verstanden wird.

«Wir haben für Europa gezeigt, dass unser standardisiertes Protokoll der Datenauswertung funktioniert. Es kann nun von Forschenden überall übernommen werden», so Chen. Ausserdem erhoffen sich die Forschenden, dass diese Art Daten bald in Echtzeit gesammelt und analysiert werden kann. «Damit liesse sich die Wirksamkeit von Massnahmen zur Feinstaubreduzierung unmittelbar feststellen», sagt Chen.

Damit die Verbesserung der Luftqualität effizienter voranschreitet, könnten in Zukunft die Grenzwerte insbesondere für die gesundheitsschädlichsten Aerosole stärker gesenkt werden als für andere, argumentieren die Forschenden. Chen fügt hinzu: «Letztlich geht es darum, Menschenleben zu retten. Unsere Daten helfen dabei, dass wir bei der Luftqualität gute Prioritäten setzen.»