Rheintal+
Triumph der Pragmatiker – das Fusionsprojekt hat eine wichtige Bewährungsprobe bestanden

Philipp Zimmermann
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Vereint mit unterschiedlicher Gemütslage: Die Ammänner des Fusionsprojekts Rheintal+ im Restaurant Kreuz in Kaiserstuhl.

Vereint mit unterschiedlicher Gemütslage: Die Ammänner des Fusionsprojekts Rheintal+ im Restaurant Kreuz in Kaiserstuhl.

Chris Iseli

Jean-Claude Kleiner hat als externer Projektbegleiter den Fusionsprozess im Zurzibiet massgeblich geprägt. Neun von zehn Gemeinden sagten am Donnerstagabend schliesslich Ja zum Zusammenschlussvertrag des Projekts Rheintal+. Der führende Fusionsexperte, der schon die Megafusion im Kanton Glarus erfolgreich begleitet hatte, sass an einem Tisch im Restaurant Kreuz in Kaiserstuhl und notierte akribisch die eintreffenden Resultate der einzelnen Gmeinden.

Die Kommentare des Appenzellers reichten von fantastisch über grossartig bis hervorragend. Er und die zehn Ammänner, die sich zu später Stunde für eine Pressekonferenz im «Kreuz» versammelt hatten, konnten kaum fassen, wie gross die Zustimmung zum Fusionsprojekt Rheintal+ ist. Insgesamt waren 77 Prozent der Stimmenden dafür. Einzig Fisibach sagte klar Nein. Das neunfache Ja muss nun noch am 8. September an der Urne bestätigt werden. Es ist gut möglich, dass bis dann weitere Informationsveranstaltungen für die Bevölkerung durchgeführt werden.

PK Rheintal+ nach Abstimmung vom 24. Mai 2019
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Rolf Laube als Projektleiter von Rheintal+ nimmt nach dem Abstimmungsabend vor den Medien Stellung an der Pressekonferenz im Kreuz in Kaiserstuhl.
Heiri Rohner (Wislikofen), Rolf Laube (Mellikon) und Reto S. Fuchs (Bad Zurzach) nach der Pressekonferenz anlässlich der Rheintal+-Abstimmung.
9 von 10 Gemeinden im Zurzibiet haben Ja gestimmt zum Fusionsprojekt. Im Bild: Roger Berglas, der Ammann der Nein-Gemeinde Fisibach, der externe Projektbegleiter Jean-Claude Kleiner und Bad Zurzachs Ammann Reto S. Fuchs.
Heiri Rohner (Wislikofen) und Rolf Laube (Mellikon).
Gruppenbild nach dem langen Abend: Roger Berglas (Fisibach), Ruedi Weiss (Kaiserstuhl), Jean-Claude Kleiner (externer Projektbegleiter), Urs Habegger (Rümikon), Heiri Rohner (Wislikofen), Rolf Laube (Mellikon), Adrian Thoma (Böbikon), Werner Schumacher (Rekingen), Beat Rudolf (Rietheim), René Meier (Baldingen), Reto S. Fuchs (Bad Zurzach), Andi Meier (Andi Meier, Gemeindeschreiber Verwaltung2000), Daniel Baumgartner (Fachbeirat, Gemeindeschreiber Bad Zurzach).
Jean-Claude Kleiner (externer Projektbegleiter) und Rietheims Ammann Beat Rudolf.
Vorne René Meier (Baldingen) im Gespräch mit Urs Habegger (Rümikon) und Werner Schumacher (Rekingen).
Werner Schumacher (Rekingen) und René Meier (Baldingen).
Impressionen von der Pressekonferenz im Restaurant Kreuz in Kaiserstuhl.
Impressionen von der Pressekonferenz im Restaurant Kreuz in Kaiserstuhl.
Impressionen von der Pressekonferenz im Restaurant Kreuz in Kaiserstuhl.
Impressionen von der Pressekonferenz im Restaurant Kreuz in Kaiserstuhl.
Impressionen von der Pressekonferenz im Restaurant Kreuz in Kaiserstuhl.

PK Rheintal+ nach Abstimmung vom 24. Mai 2019

Chris Iseli

Als Hauptgründe für das bisherige Gelingen sah Kleiner den zunehmenden Fusionsdruck kleiner Gemeinden, das Gefühl einer Schicksalsgemeinschaft und die Finanzen. Der Prozess im Zurzibiet sei mehr von Pragmatismus als Emotionen getrieben gewesen. Schon seit einiger Zeit wird in verschiedenen Bereichen über die Gemeindegrenzen hinaus zusammengearbeitet. Man kenne und respektiere sich. «Ich habe hier viele sachliche Diskussionen erlebt», sagte Kleiner.

Dazu passt, was sich an der Gemeindeversammlung in Bad Zurzach abgespielt hatte: Als Gemeindeammann Reto S. Fuchs vor der Abstimmung die Fragerunde eröffnen wollte, meldete sich kein einziger der 414 anwesenden Stimmbürger. «Haben wir Sie so gut informiert, dass alles klar ist?», fragte Fuchs verdutzt. Als Antwort erschallte im Gemeindezentrum ein lang anhaltender Applaus. Nach dem klaren Ja mit 395:10-Stimmen waren gar Juchzer zu hören.

Die Verlierer

Es gab aber auch Verlierer an diesem historischen Abend. Die Gemeinderäte von Rietheim und Mellikon hatten den Fusionsvertrag zur Ablehnung empfohlen, kassierten von ihrer Stimmbevölkerung aber einen Denkzettel. «Aufgrund des Zuspruchs in den Nachbargemeinden wurde wohl manchen Mellikern und Rietheimern klar, dass sie plötzlich ganz alleine dastehen könnten», begründete Kleiner das Aufbegehren der Bevölkerung. Rietheims Ammann Beat Rudolf gab etwas trotzig zu Protokoll: «Die Welt geht nicht unter. Der Gemeinderat macht weiter. Ich werde deswegen nicht morgen meine Demission einreichen.»

Rudolf freute sich zumindest über den Grossaumarsch an der Versammlung, das klare Ergebnis (64 Prozent Ja) und sprach von gelebter Demokratie. Doch die verbale Auseinandersetzung hinterliess Spuren. Er habe zuletzt schon einiges einstecken müssen, sagte er. «Unschöne Sachen», sprich Kritik unter der Gürtellinie. Er gab zu bedenken: «Es darf nicht sein, dass ein Fusionsprozess ein Dorf spaltet.»

Voller Saal in Bad Zurzach: Im Bezirkshauptort sind 414 von 2291 Stimmberechtigten anwesend.
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In mehreren Gemeinden wird eine geheime Abstimmung verlangt, etwa in Rietheim.
Bad Zurzachs Gemeindeammann Reto S. Fuchs begrüsst die Stimmberechtigten zur Abstimmung über den Fusionsvertrag.
Bad Zurzachs Ammann Reto S. Fuchs.
Die Abstimmung in Bad Zurzach: Hände schiessen in die Höhe.
395 von 414 Anwesenden sagen Ja zu Rheintal+ – 10-Nein-Stimmen werden gezählt.
Weitere Impressionen aus Bad Zurzach.
Weitere Impressionen aus Bad Zurzach.
Weitere Impressionen aus Bad Zurzach.
Weitere Impressionen aus Bad Zurzach.
Grossauflauf auch in Rietheim: Wenige Minuten vor Beginn der Gmeind sind alle Plätze besetzt.
Der Gemeinderat von Bad Zurzach.
Projekt Rheintal+: Diese zehn Zurzibieter Gemeinden prüften die Fusion.
So sollte das Wappen für die Gemeinde "Zurzach" aussehen – weil Fisibach Nein gesagt hat, fällt wohl ein blauer Flussstreifen weg.
Das Abstimmungsprozedere zum Fusionsvertrag Rheintal+.
10 Zurzibieter Gemeinden entscheiden über den Zusammenschluss. Es folgen Bilder zu diesen Gemeinden. Hier im Bild ist Bad Zurzach, die mit Abstand grösste der zehn Gemeinden
Blick aus der Vogelperspektive auf Bad Zurzach und und das Rietheimer Feld der Nachbargemeinde Rietheim.
Bad Zurzach ist weitherum bekannt als Wellness- und Kurort. Im Bild der Turm neben dem Thermalbad Zurzach. Oben im Turm befindet sich das Panoramarestaurant.
Blick in den historischen Ortskern von Bad Zurzach. Hier sind 4328 Einwohner gemeldet.
Der Flecken, wie die Einheimischen den historischen Ortskern nennen, ist ein beliebter Ort für Märkte und Events - hier die Tavolata, die ein grosses Publikum anlockte.
Rietheim ist, vom Rhein aus gesehen, die unterste der zehn "Rheintal+"-Gemeinden. Hier leben 741 Einwohner.
Rietheim: Der Zug fährt durchs Dorf.
Das Auenschutzgebiet Chly Rhy in Rietheim – ein Naturparadies.
Auch ein touristisches Strassenschild macht Werbung für die besondere Auenlandschaft in Rietheim.
Die andere Rheintal+-Nachbargemeinde von Bad Zurzach ist Rekingen (rheinaufwärts) mit 951 Einwohnern. Hier befindet sich das Wasserkraftwerk, das 60'000 Haushalte mit Strom versorgt. Auf der deutschen Seite liegt Reckingen (mit c).
Blick vom Nurren auf Rekingen und Bad Zurzach (hinten).
Die Gemeinden am Rhein, also Rietheim, Bad Zurzach, Rekingen, Mellikon, Rümikon und Kaiserstuhl, verfügen über einen SBB-Bahnhof oder eine SBB-Bahnstation.
Von Rekingen hinauf geht es nach Böbikon.
Die Kleinstgemeinde Böbikon hat 171 Einwohner. Es ist einwohnermässig die kleinste der "Rheintal+"-Gemeinden.
Höher als Böbikon liegt Baldingen (im Bild), wo 257 Einwohner leben.
Markant: Die Kirche von Baldingen. Im Dorf wuchs übrigens der ehemalige Aargauer National- und Ständerat Jules Binder (Jahrgang 1925, CVP) auf.
In Baldingen bestehen einige landwirtschaftliche Betriebe. Der höchste Punkt der Gemeinde liegt auf 575 Metern, auf der Spornegg.
Von Rekingen dem Rhein entlang kommt man nach Mellikon (235 Einwohner).
Auch Mellikon ist eine Kleinstgemeinde, verfügt aber über eine Bahnstation und ein Industriegebiet.
Von Mellikon hinauf geht es nach Wislikofen, das zum sogenannten Studenland gehört.
Bekannteste Liegenschaft in Wislikofen (340 Einwohner) ist die Propstei.
Mellstorf ist ein Ortsteil von Wislikofen. Die beiden Ortschaften fusionierten auf den 1. Januar 1899.
Von Mellikon rheinaufwärts geht es nach Rümikon.
Rümikon gilt noch heute als Fischerdorf – hier wurden einst Lachse gefangen.
Auch Rümikon (321 Einwohner) liegt am Rhein und verfügt über eine Bahnstation.
Neben Rümikon am Rhein liegt das Städtchen Kaiserstuhl (435 Einwohner). Mit den beiden Fernsehgrössen Dietmar Schönherr und Dieter Moor hatte Kaiserstuhl einst zwei prominente Einwohner.
Kaiserstuhl ist flächenmässig die kleinste Gemeinde im Kanton Aargau. Die Schüler von Kaiserstuhl und Fisibach gehen im Kanton Zürich in Weiach und Stadel (Oberstufe) zur Schule.
Ein Hingucker: Der Stadtturm von Kaiserstuhl.
Zu Kaiserstuhl gehört der Rhein beim Grenzübergang nach Hohentengen/Deutschland (rechts). Dort steht auch das Schloss Rötteln.
Fisibach (498 Einwohner) liegt neben Kaiserstuhl, und grenzt auch an den Rhein. Es geriet schweizweit in die Schlagzeilen, weil sich Einwohner Gedanken machten über einen Kantonswechsel zum Kanton Zürich. Dieser ist allerdings vom Tisch.
Vorne landwirtschaftliche Nutzfläche, hinten das Gebäude der Ziegelei.
Fisibach verfügt – wie alle zehn "Rheintal+"-Gemeinden – über landschaftliche Qualitäten.
Weitherum bekannt: Das Baggermuseum Ebianum in Fisibach.
Im Ebianum lassen sich Events durchführen: Auch eine grosse Informationsveranstaltung zu Rheintal+ fand im Januar 2017 hier statt. Quelle Einwohnerzahlen: Statistisches Amt Aargau, Ende Juni 2018.

Voller Saal in Bad Zurzach: Im Bezirkshauptort sind 414 von 2291 Stimmberechtigten anwesend.

Chris Iseli

Erleichtert über die deutliche Zustimmung war der Melliker Ammann Rolf Laube. Er hatte keinen leichten Stand in den letzten Wochen: Der Gemeinderat Mellikons hatte die Nein-Empfehlung kommuniziert. Laube war das einzige Mitglied des Gremiums, das die Fusion befürwortete, hielt seine Meinung aber unter dem Deckel. Tatsächlich informierte er erst an der ausserordentlichen Gmeind darüber, dass er ein Fusionsbefürworter sei. Hat die Stimmfreigabe und dass der Ammann offen seine Meinung sagen konnte, geholfen? «Ich glaube, ja», antwortete Laube. Die Zustimmung lag am Ende bei 68 Prozent. Dass Laube hinter der Fusion steht, hatte sich allerdings im Dorf und teilweise auch in der Region schon vor dem Abstimmungsabend herumgesprochen.

Die Exklave

Nach dem Nein Fisibachs würde Kaiserstuhl bei einer Fusion eine Exklave der neuen Gemeinde. Ammann Ruedi Weiss stört das nicht: «Kaiserstuhl hatte diese Rolle schon in der Verwaltung 2000 inne, wir sind uns daran gewohnt.» Wichtiger als ein zusammenhängendes Gemeindegebiet seien für ihn funktionierende Behörden und die Verfügbarkeit der Verwaltung.