Lengnau
Ein Kulturdenkmal setzt sich zur Wehr

Der Kanton wollte das einzige manuell betrieben Stauwehr im Aargau eigentlich beseitigen, weil es die Hochwasserschutz-Bestimmungen nicht erfüllte. Doch es kam anders: Nach jahrelangem Hin und Her um Konzession und Hochwasserschutz fand gestern am Mühlewehr der Spatenstich statt.

Andreas Fretz (Text und Foto)
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Das alte Wehr hat ausgedient: In den sechs manuellen Wehrfeldern verfängt sich bei Hochwasser leicht Schwemmholz.

Das alte Wehr hat ausgedient: In den sechs manuellen Wehrfeldern verfängt sich bei Hochwasser leicht Schwemmholz.

Passender hätte der Zeitpunkt nicht gewählt sein können: Just an dem Tag, an dem MeteoSchweiz für das halbe Land eine Hochwasserwarnung über den Äther schickte, fand in Lengnau der Spatenstich am Mühlewehr statt. Ein Projekt, dass nicht zuletzt den Hochwasserschutz über Jahre beschäftigte. 2009 verlangte der Kanton den Abbruch des Wehrs. Das einzige manuell betriebene Stauwehr im Kanton sollte beseitigt werden, weil es die Hochwasserschutz-Bestimmungen nicht erfüllte.

Bereits zwei Jahre zuvor war die Konzession für das Kleinkraftwerk nach 80 Jahren ausgelaufen. Das Gesuch für die Erneuerung stiess beim Kanton auf Widerstand. Erst Mitte März erhielt der Betreiber Mühlen Lengnau AG nach mehreren Anläufen eine neue Konzession für weitere 40 Jahre.

Spatenstich am Mühlewehr.

Spatenstich am Mühlewehr.

Andreas Fretz

Gestern nun versammelten sich alle beteiligten Parteien zum Spatenstich. Die Mühlen mahlten zwar langsam, der Freude tat dies aber keinen Abbruch. Philippe Ramuz, Geschäftsleiter der IBB Energie AG, die sich wie die Familie Weber-Suter von der Mühlen Lengnau AG zu 50 Prozent am Kraftwerk beteiligt, sagte: «Die Mühle gehört wie die Synagoge zur Geschichte Lengnaus. Wir sind stolz, dürfen wir die Mühle mit neuer Technologie beliefern.» Der mit der Planung des neuen Wehrs beauftragte Peter Meier von der Hydrelec GmbH sprach von einem «interdisziplinären Projekt». Bund, Kanton, Gemeinde, Private, eine Interessengemeinschaft, Heimatschutz und viele mehr brachten ihre Anliegen ein.

Gegen die einstigen Abrisspläne des Kantons wehrten sich nicht nur die Betreiber und die IG «Kleinkraftwerk Mühle Lengnau», sondern auch der Heimatschutz des Bundes. Denn Lengnau ist im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung aufgeführt.

2013 wurde ein neues Projekt vorgestellt. Gegen das sogenannte Schlauchwehr – Kosten 400 000 Franken – wehrte sich nun aber wiederum der Heimatschutz. Es störe das Ortsbild, sagte dieser, und forderte ein Klappenwehr für 600 000 Franken. Damit wäre das Kraftwerk für die Familie Weber-Suter und die IBB laut eigenen Angaben ein Verlustgeschäft geworden.

Schliesslich beantragte man Gelder beim Swisslos-Fonds, was aber auch nicht klappte. Dank finanzieller Unterstützung von Bund, Kanton und den Gemeinden Lengnau und Endingen (insgesamt 300'000 Franken) kommt das Klappenwehr nun doch zustande – Kostenpunkt inzwischen 825'000 Franken. Das Wehr steht nicht mehr unter Ortsbildschutz, das Mühlegebäude schon.

Ein neuer Fischaufstieg

Das neue Wehr wird aus Hochwasserschutz-Gründen um einen Meter abgesenkt, vergrössert und erhält eine automatische Wehrklappe, die sich bei Hochwasser senkt. Zur Verbesserung der Wasserökologie wird das Wasser beim Wehr und nicht mehr bei der Mühle genutzt. Dank der Wasserkraftschnecke und dem neuen Fischaufstieg wird die Fischwanderung nicht eingeschränkt.

Die historische Mühle mit der bestehenden Turbine und dem zugehörigen Kanalsystem bleibt erhalten. Damit kann das alte Mühlekraftwerk für Vorführungen weiterhin betrieben werden. Die neue Anlage liefert jährlich 50'000 Kilowattstunden und beliefert die Mühle und 10 bis 15 Haushalte.

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