Kolumne
Besuch im Himmel von Bad Zurzach

Kolumnistin Lovey Wymann über einen legendären Laden in Bad Zurzach, der ein letztes Mal öffnet.

Lovey Wymann
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«Eisenwaren Farben-Lacke Sämereien Bächle»: So ist der Laden des verstorbenen Paul Bächle immer noch angeschrieben.
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Flohmarkthandlung Baechle Zurzach
Viele Einheimische lassen es sich nicht entgehen, ein Andenken aus den letzten 100 Jahren zu erstehen.
1910 hatte Gregor Bächle den einen Kolonialwarenladen mit Depotstelle der Landwirtschaftlichen Genossenschaft gegründet. Bächle war ein gebürtiger Hotzenwälder und verheiratet mit einer Zürcherin,
Paul Bächle starb am 7. März dieses Jahres im Altersheim. Haus und Land hat er zu je einem Viertel der reformierten und katholischen Kirchgemeinde sowie zur Hälfte dem Altersheim Pfauen vermacht.
Sämtliche Waren im Laden, Lager und Wohnung wurden während Wochen gesichtet und sortiert. Schliesslich wurden die Waren zu einem grossen Teil zum Verkauf bereit gemacht.
Am Samstag war der Laden nun für Einheimische geöffnet. Am kommenden Weihnachtsmarkt-Wochenende, 5./6. Dezember 2015, wird er dies für alle sein.
Am Samstag um 14 Uhr werden zudem einige besondere Stücke versteigert. Der Gesamterlös kommt gemeinnützigen Organisationen in Bad Zurzach zugute.
Ausverkauf in der Flohmarkthandlung Bächle Auch für einen Schwatz hat man Zeit.
Ausverkauf in der Flohmarkthandlung Bächle - Impressionen Die Zeit erleben, wo sie stillgestanden ist.
Ausverkauf in der Flohmarkthandlung Bächle - Impressionen
Ausverkauf in der Flohmarkthandlung Bächle - Impressionen
Ausverkauf in der Flohmarkthandlung Bächle - Impressionen
Ausverkauf in der Flohmarkthandlung Bächle - Impressionen
Ausverkauf in der Flohmarkthandlung Bächle - Impressionen
Ausverkauf in der Flohmarkthandlung Bächle - Impressionen
Ausverkauf in der Flohmarkthandlung Bächle - Impressionen
Ausverkauf in der Flohmarkthandlung Bächle - Impressionen

«Eisenwaren Farben-Lacke Sämereien Bächle»: So ist der Laden des verstorbenen Paul Bächle immer noch angeschrieben.

Daniel Desborough

Seit ich im Flecken wohne, war das Bächle-Haus geschlossen: Im Schaufenster staubten alte Zyliss-Schachteln vor sich hin, das Scheunentor mutierte zu einer riesigen Pinnwand, wo alle möglichen Plakate hingepappt und überklebt wurden.

Lovey Wymann – «Mys Zurzibiet» Wymann arbeitet seit 2013 als selbstständige Texterin und Konzepterin in Bad Zurzach und betreibt den Blog «Mys Zurzibiet».

Lovey Wymann – «Mys Zurzibiet» Wymann arbeitet seit 2013 als selbstständige Texterin und Konzepterin in Bad Zurzach und betreibt den Blog «Mys Zurzibiet».

AZ

Die Arbeiten im Bächle-Haus blieben in Bad Zurzach natürlich nicht unbemerkt: Es schien, als ob das Haus, sobald die Türen und Fenster wieder einmal geöffnet worden waren, Hunderte von Geschichten und Anekdoten freiliess. Wer dem Treiben von aussen zusah, sprach über seine Erlebnisse im Laden; erzählte von berührenden Gespräche oder bereichernden Momenten.

Fast alle, die ich hier antraf, erwähnten, wie viel Zeit man sich manchmal habe nehmen müssen: Wenn man was ganz Bestimmtes suchte, habe Herr Bächle gesagt, er müsse dies im Lager holen – lief aber in Wirklichkeit zur Eisenhandlung, um dort eine Packung dessen zu kaufen, was der Kunde einzeln haben wollte; wissend, dass er die restlichen Stücke der Packung vielleicht nie verkaufen würde. Aber wenn der Kunde drei Schrauben brauchte, erhielt er eben genau drei Schrauben!

Ein Mann erzählte mir, wie Paul Bächle mitten beim Einpacken eines Einkaufs in Zeitungspapier stutzte, weil ihm eine Schlagzeile ins Auge fiel – und die Sache wieder auswickelte, sich hinsetzte und erst den entsprechenden Artikel las, bevor er weiter einpackte.

Umgekehrt nahm sich aber auch Herr Bächle offenbar viel Zeit für andere: Eine Frau gestand mir, manchmal sei sie einfach in den Laden gegangen, um etwas Zeit mit Herrn Bächle zu verbringen. Sie habe dann meist irgendetwas Kleines gekauft, was sie eigentlich gar nicht gebraucht hätte – das sei es ihr wert gewesen.

Auf einem der Gedankensplitter, die jetzt im Haus gefunden wurden, fand Fredi Hidber, der die Räumung als Berater begleitete, den Satz: «Das Wichtigste, was du einem Kunden schenken kannst, ist deine Zeit.» Bei allem, was ich bis jetzt gehört habe, war Herr Bächle damit immer sehr grosszügig gewesen.

Aus all den Gedichten, Anekdoten und Gegenständen formt sich in meinem Kopf ein Bild eines Menschen, der im Flecken tiefe Spuren hinterlassen hat, und ich bedaure, dass ich Herrn Bächle nie persönlich kennen gelernt habe. Mir kommt ein Satz meines Patenkindes in den Sinn, hingeworfen an der Beerdigung ihrer geliebten Grossmutter: «Eigentlich sollte es im Himmel Besuchszeiten geben, wie im Spital ...»

Und ich denke mir: Herrn Bächle hätte ich gerne besucht. Und ich hätte mir dafür extra viel Zeit genommen.

Dieses Wochenende findet im Bächle-Haus ein Flohmarkt statt, mit Trouvaillen aus dem Haus: Der Laden soll am Weihnachtsmarkt noch einmal in voller Schönheit erstrahlen ... Zudem werden einige ausgewählte Stücke den Weg ins Museum Höfli finden.

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