Bad Zurzach
Ein Kaiserstuhl aus Gold und rotem Samt: In der Ausstellung gibt es einiges mehr aus den neun Zurzacher Orten zu entdecken

Auf Entdeckungsreise durch die Ausstellung «Neun Ortschaften, eine Gemeinde» im Museum Höfli in Bad Zurzach.

Rosmarie Mehlin
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Die Ausstellungsmacher auf dem Kaiserstuhl – vorne Esther Scheuber und Anton Brogli. Hinten: Stefan Kolb, Alfred Hidber und Arthur Vögele.

Die Ausstellungsmacher auf dem Kaiserstuhl – vorne Esther Scheuber und Anton Brogli. Hinten: Stefan Kolb, Alfred Hidber und Arthur Vögele.

Rosmarie Mehlin

Wenn Liebende heiraten, verbinden sich zwei Individuen mit ganz persönlicher Vergangenheit. Auch wenn Gemeinden fusionieren, bringt jede Ortschaft ihre ureigene Geschichte mit in die Ehe. Das tun auch Bad Zurzach, Baldingen, Böbikon, Kaiserstuhl, Rekingen, Rietheim, Rümikon und Wislikofen, wenn sie am 1. Januar 2022 zur Gemeinde Zurzach vereint sein werden. Mit der Sonderausstellung «Neun Ortschaften – eine Gemeinde» erweist das Bezirksmuseum Höfli diesen Geschichten bereits vorab die Ehre.

Neun Ortschaften – ein Druckfehler? Mitnichten! Mellstorf – einst auf Verfügung des Regierungsrates 1899 in Wislikofen eingemeindet – hatte sich auf seine ursprüngliche Eigenständigkeit besonnen und tritt der Gemeinde Zurzach nun mit eigenem Wappen bei.

Unter der Leitung von Alfred Hidber als Präsident der Museumskommission haben Esther Scheuber, Stefan Kolb, Arthur Vögele und Anton Brogli Geschichtliches und Exponate der neun Gemeinden zusammengetragen und raffiniert in die Höfli-Dauerausstellung integriert. Pfeile am Boden führen auf den Rundgang vom Parterre bis in den 2. Stock. Schilder, wie sie ab kommendem Jahr in Zurzach gang und gäbe sein werden, zeigen in verkleinertem Format dem Besucher, wo er sich grade befindet. Die interessanten Informationen auf grossen Schrifttafeln, die begeisternde historischen Fotos sowie die attraktiven Objekte sind sämtliche vor roten Vorhängen aufgebaut. Dadurch wird die Sonderausstellung zwischen den Dauerexponaten klar ersichtlich.

Kein Bier, aber Biberli

Dass sich im 2. Stock einzig «Baldingen – Zurzach» präsentiert, liegt gewiss daran, dass das Dorf mit der Spornegg über den «höchst gelegenen Rastplatz im Bezirk» verfügt. In der Ausstellung erfährt man beispielsweise, wo das Baldinger Wappen mit den drei Lindenblättern seinen Ursprung hat. Vor allem aber macht man Bekanntschaft mit Carl Binder (1906–1985) und seinen Bildern. Als Autodidakt hatte der ledige Knecht und Waldarbeiter Werke geschaffen, von denen zahlreiche einen Platz im «Lagerhaus» in St. Gallen, dem Museum für schweizerische naive Kunst und Art brut, fanden.

Carl Binders "Kühe" sind in der Ausstellung zu sehen. Die Werke des Baldingers, der lange ein Knecht und Tagelöhner war, zeigen die Landarbeit.

Carl Binders "Kühe" sind in der Ausstellung zu sehen. Die Werke des Baldingers, der lange ein Knecht und Tagelöhner war, zeigen die Landarbeit.

zvg

Carl Binders Name taucht auch hinter dem Ortsschild «Böbikon» auf, waren doch auf seine Initiative die Überreste der Burg Böbikon ausgegraben worden, von der ein Rekonstruktionsmodell ausgestellt ist. Zu lesen gibt es hier etwa, dass in Böbikon «1977 die erste neuzeitliche Obstanlage» eingerichtet worden war, und – mmhh – zu degustieren gibt es knackige Äpfel. Rietheim präsentiert zwar Flaschen der heimischen Bierbrauerei, zum Naschen aber gibt es Biberli und – ausgestopft und hinter Glas – einen stattlichen Biber zu bestaunen, ferner schöne Aufnahmen der Auenlandschaft.

50 Jahre lang Hebamme

Gleich zu Beginn des Rundgangs lässt Kaiserstuhl seinen Namen nicht mit Goethes Faust nur «Schall und Rauch» sein, sondern präsentiert einen imposanten Kaiserstuhl aus Gold und rotem Samt, auf der Sitzfläche mit neun eingearbeiteten Kronkorken als Symbol für die neun Ortschaften. Auf der Infotafel sticht der Hinweis «100% Stadt – 0% Landwirtschaft» ins Auge. Vor allem aber veranschaulichen Fotos und ein Video eindrücklich, dass die kleine Stadt mit ihrer Kaiserbühne und dem «Festival der Stille» die kulturelle Hochburg im Bezirk ist.

Aus der Geschichte Wislikofens ist nicht nur faszinierend jene der Propstei, sondern auch das Betrachten des Hebammenkoffers samt Inhalt von Clara Locher-Binder, die von 1926 bis 1976 in einem weiten Umkreis Kindern auf die Welt geholfen hat. Nicht weniger staunt der Besucher über die Zeigerschreibmaschine von 1904 aus dem Trottenmuseum Mellstorf sowie über Werbung fürs Restaurant Bahnhof in Rümikon von anno dannzumal: Mädchenbeine mit weit übers Knie hochgezogenem Rock, die in einem Bottich Trauben stampfen.

Wer ob so viel neuerworbenem historischem Wissen durstig ist, kann ihn hinter dem Ortsschild «Bad Zurzach» kostenlos mit heimischem Mineralwasser löschen: Mal kurz die Maske unters Kinn ziehen, liegt schon drin. Dergestalt erfrischt, kann man sich eingehend der spannenden, 1600 Jahre alten Geschichte der Zurzacher Umfahrungsstrassen widmen.

Sonderausstellung «Neun Ortschaften – eine Gemeinde» bis Mai 2022 im Museum Höfli, vorerst geöffnet von Dienstag bis Sonntag jeweils von 14 bis 17 Uhr.

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