Schöftland
Spannende Geschichten zu Hexenhammer, Schrätteli und Alpbutz

Die Hexenverfolgung machte auch vor der Region um Schöftland nicht halt. An der Erzählnacht wurde den Zuhörern diese düstere Zeit näher gebracht.

Peter Weingartner
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An der Erzählnacht in Schöftland drehten sich die Geschichten unter anderem um das Thema Hexenverfolgung.
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Jonas Guggenheim
Jürg Steigmeier
Jonas Guggenheim (links) und Jürg Steigmeier
Das Publikum hört gebannt zu
Susanne Dul erzählt von Hexenprozessen in der Region. WPO

An der Erzählnacht in Schöftland drehten sich die Geschichten unter anderem um das Thema Hexenverfolgung.

AZ

«Das wird mich noch lange beschäftigen», sagt Barbara Biedermann bei Suppe und Tee im Schlosshof. Sie meint das, was sie erfahren hat über die an kalter Berechnung und Grausamkeit kaum zu überbietenden Hexenprozesse auch in der Region. Die Schweizer Erzählnacht unter dem Motto «Hexen und schwarze Katzen» ging nahe. Pro Schöftland, Bibliothek und Schule machten mit.

Katharina Grossen, 53, Schmiedrued «Das kennen doch alle: Du fühlst dich an einem Ort nicht wohl, hast das Gefühl, es sei jemand da, der dich beobachtet. Angst habe ich keine, auch wenn ichs nicht erklären kann. Da machen mir die menschlichen Monster mehr Angst.»
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Stefan Ruf, 39, Lenzburg «Ich erinnere mich an meine Kindheit, wo magisches Denken sehr präsent war: Wenn du das nicht tust, passiert das und das. Natürlich ist nicht alles erklärbar, und kleine Wunder gibt es jeden Tag, beispielsweise im Strassenverkehr.»
Erich Läubli, 57, Oftringen «Schritte in der Wohnung, eine Türe, die auf und zu geht, obwohl niemand zu Hause ist. Das habe ich erfahren. Eine Kollegin hat mir gesagt, auf Matratze und Kissen sei der Körperabdruck ihres verstorbenen Mannes zu sehen gewesen.»
Barbara Lüthi, 60, Schöftland «Natürlich gibt es Sachen, die wir und auch die Wissenschaft nicht erklären können, aber an Geister und Gespenster glaube ich nicht. Spontanheilungen bei Krankheiten kann ich mir vorstellen, doch nach Lourdes würde ich nie pilgern.»
Manuel Etter, 16, Schöftland «Geister und Hexen? Ich glaube nicht, dass es sie gibt, doch finde ich solche Geschichten interessant und spannend zu hören. Oder als Filme zu sehen. Mal selber im Dorf Gespenst zu spielen, das würde mir schon gefallen.»

Katharina Grossen, 53, Schmiedrued «Das kennen doch alle: Du fühlst dich an einem Ort nicht wohl, hast das Gefühl, es sei jemand da, der dich beobachtet. Angst habe ich keine, auch wenn ichs nicht erklären kann. Da machen mir die menschlichen Monster mehr Angst.»

Aargauer Zeitung

Man weiss es, doch die Details bewirken Wut und Ohnmacht: Susanne Dul las und erzählte von den Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit bis beinahe in die Gegenwart. Verena Lehner-Kaufmann aus Gränichen widerfuhr – mit Ausnahme des Todesurteils – noch im letzten Jahrhundert ein ähnliches Schicksal. Mit 11 Jahren in die Fabrik, mit 23 und einem unehelichen Kind Heirat, 15 Kinder, Ehemann Alkoholiker, kleine Diebstähle (Kleider, Mehl, Holz), Abtreibung, Nebenverdienst mit Wahrsagerei. Und dann hat man ihr zwei Giftmorde an Kostgängern angehängt.

Chorgerichte am Sonntag

Nachdem die Reformation ab 1578 auch in Schöftland galt, hielt man am Sonntag nach der Predigt Gericht. Mit Geld- oder kurzen Haftstrafen belegt wurden Delikte wie ausserehelicher Geschlechtsverkehr, Trunksucht, Spielen, Tanzen oder das Tragen luxuriöser Kleider. Wer ins Luzernische zur Messe ging, machte sich strafbar. Aus Zofingen sind auch Auspeitschungen verbürgt. Schwerere Delikte wie Gotteslästerung, Hexerei oder Blutschande wurden in Schöftland verhandelt, die Urteile in Lenzburg vollstreckt.

Der Hexenhammer (1486) von Heinrich Kramer legitimierte in ganz Europa die Hexenverfolgung. Unter Folter gestanden die Frauen, was von den Folterern gewünscht wurde, von Geschlechtsverkehr mit dem Teufel über Liebeszauber, den bösen Blick bis zum Anhexen von Krankheiten. Ein Entkommen gabs nicht. Sogar Kinder unter zehn Jahren wurden gefoltert, bis sie ihre Mütter beschuldigten.

Allein die Vorbereitung der Folter mit dem Abbrennen aller Körperhaare und der Hexensuppe mit Hechtgalle und Hexenknochen liess das Publikum erschauern, ebenso die Beschreibung von Nagel-, Feuer- und Wasserproben. Fazit: Das Urteil war mit der Verhaftung gefällt, zumal die Folterknechte und das Gericht direkt vom Todesurteil profitierten, fiel die Hinterlassenschaft doch an sie.

Luther und Calvin machten mit

Susanne Dul zeigte anhand von Schriften, dass auch Martin Luther und Jean Calvin hinter den Hexenverfolgungen standen: keine Ketzer mehr; man brauchte neue Sündenböcke.

Einen Kontrapunkt zur todernsten Geschichte boten die Geschichten, die Jürg Steigmeier im Schloss erzählte. Mit einem Augenzwinkern und musikalisch begleitet von Jonas Guggenheim brachte er unheimliche Sagen und Märchen zu Gehör – vom Schrätteli bis zum Alpbutz. Zum Abschluss des Abends gabs im Schlosshof Suppe und Tee.

Dazu gesellten sich die Schüler mit ihren Eltern. Auch sie waren am Freitagabend in den Genuss von Märchen und mythischen Hexengeschichten gekommen.

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