Unterwegs in Schöftland
Nachtwanderung über den Stübisberg

Liedermacher und Autor Tinu Heiniger – Der Emmentaler lebt seit zehn Jahren in Schöftland und nimmt aktiv am kulturellen Leben teil.

Tinu Heiniger
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Mitternacht ist bereits vorbei. Die erste Strassenlampe vorne am Alpenweg brennt schon nicht mehr, also ist es später als halb eins. Nein, ich will noch nicht ins Bett, das ist mir zu früh. In fast jeder Woche zieht es mich irgendeinmal hinaus in die schwarze Nacht. Manchmal leuchten mir dabei die Sterne oder der Mond – oder es leuchtet auch, so wie jetzt, gar nichts am Himmel.

Ich gehe am Spielplatz vorbei durch die Häuser des Quartiers dem Stübisberg zu und kehre dabei in Gedanken zu meinem Traum von der vergangenen Nacht zurück: Ich bin mit einem kleinen Jungen unterwegs. Wir kommen bei einem uralten, halb zerfallenen Bauernhof vorbei, wo eine junge Frau beim Brunnen die Kühe tränkt. Wir stehen oberhalb des Brunnens, und wie ich versuche hinunterzuklettern, da sehe ich, wie unten die Kühe und die Frau knietief im Wasser stehen. Fast habe ich den Abstieg geschafft, als der Junge, der hinter und über mir gestanden hat, plötzlich mit einem Kopfsprung an mir vorbei hinunterspringt und unmittelbar neben dem Brunnen in einem Loch verschwindet. Ich gerate in Panik, stehe jetzt neben diesem dunklen Loch, versuche dem Buben meine rechte Hand durch das Loch hinabzureichen, mache dabei meinen Arm lang und länger und rufe ihm zu, er solle sich doch um Gottes willen an meiner Hand festhalten. Endlich, endlich tut er es und so kann ich ihn locker und problemlos durch das Loch, das sich wie ein glitschiger Tunnel anfühlt, zu mir hinaufziehen. Wie ich mir auf dem Weg zum Stübis den Traum durch den Kopf gehen lasse, bin ich immer noch ganz aufgeregt, spüre die Angst, aber dann auch die Erleichterung, ihn, und dabei auch mich, gerettet zu haben.

Unten am Stübisberg gehe ich links auf dem Feldweg den Wald entlang und dann, vorsichtig und langsam, in den Wald hinein. Es ist finster wie in einer Kuh, aber ich weiss, ich kann mich auch diesmal auf meine Füsse verlassen, sie kennen den Weg. Und, auch das weiss ich, die Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit und können dann mehr und mehr die dunklen Schatten, die Bäume und den Weg erkennen. Auch wenn ich manchmal stehen bleiben muss und dann warte, bis die Angst sich wieder gelegt hat, so schaffe ich es doch auch diesmal hinauf bis auf den Stübis. Manchmal sehe ich durch die Tannen hindurch gelb die Lichter von Schöftland. Oben, nach der Weggabelung führt der Weg meist geradeaus durch den Wald, jetzt blinken mehr und mehr die Sterne hoch über mir und leuchten mir den Weg. Es ist meistens ganz still, nur hie und da ist ein Flugzeug am Himmel oder ein Auto unten im Tal zu hören.

Ich komme zu jener Stelle, wo der Weg nun erstmals sachte abwärtsgeht. Dort gleich nach der grossen, langen Scheiterbeige zähle ich siebenundzwanzig Schritte ab und dann stehe ich auf der kleinen weissen Steinplatte, die dort mitten auf dem Weg liegt. Ich habe sie erst nach vielen Wanderungen dorthin entdeckt. Vielleicht haben die Leute, die diesen Weg einmal vor langer Zeit gebaut haben, diese Platte bloss zufällig verwendet, vielleicht hat sie einer aber auch ganz bewusst in den Weg eingebaut. Es ist ein Grabstein auf dem oben mit Grossbuchstaben eingemeisselt nur ein Wort steht: MUTTER. Ein guter Ort, um ein paar Minuten stehen zu bleiben. Und ein guter Ort, um an meine Mutter zu denken.

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