Schöftland
«Herr Heiniger, was sagen Sie zu ...?»

Tinu Heiniger tritt am Samstag mit seinem neuen Album «Scho so lang» im «Härdöpfuchäuer» auf. Wir haben ihn zur Flüchtlingskrise, seiner Heimat und zum Alter befragt.

Marina Bertoldi
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Tinu Heiniger an der Suhre bei Schöftland.

Tinu Heiniger an der Suhre bei Schöftland.

Annika Buetschi/ AZ

«Auf dem neuen Album sind die Teile meines Lebens zusammengekommen», sagte Tinu Heiniger in der SRF-Sendung «Swissmade». Das hört man. Die neun Lieder seines Albums «Scho so lang» sind mal melancholisch, mal frech, mal politisch und immer alltagsnah und authentisch. Genau so unterschiedlich wie seine Stücke sind die Themen, zu denen Tinu Heiniger Stellung nimmt.

Tinu Heiniger, was sagen Sie zum Thema Alter?

Das Alter ist für mich immer ein Thema: Die Tatsache, dass wir ständig älter werden und so dem Tod entgegenleben, beschäftigt mich. Es hat mich ein wenig erstaunt, dass nach den Aufnahmen zum Album «Scho so lang» alle meine (zum Teil viel jüngeren) Mitmusiker und Freunde meinten, das Album müsse mit dem Lied «Aut» beginnen. Sie finden, es ist eines meiner stärksten, stimmigsten Lieder: «O we de no so gsung hie läbsch, o we di no so dranne häbsch, o we de no so dranne chläbsch, du weisch, dass d`hie nit überläbsch.»

Was sagen Sie zur «schönsten Nebensache der Welt»?

Meine schönste Nebensache der Welt ist der Sport. Aktiv bin ich nur noch auf dem Spielplatz mit Yanis, dem sechsjährigen Grosskind meiner Frau. Er im Barcelona- Leibchen als Neymar, ich im SC-Langnau- Spielerleibchen. Seit meiner Schulzeit ist der Schlittschuhklub ein Stück Heimat. Wenn ich, wie letzte Woche beim Eishockeyspiel gegen Biel, mit meinem Nachbarn auf der Tribüne sitze, bin ich wieder jener kleine Langnau-Fan, der damals beim Aufstiegsspiel gegen Visp mit der Treichel vom Langnauer «Hösubuur» die Einheimischen angefeuert hat. Ich springe auf und schreie mir vor Begeisterung die Seele aus dem Leib, wenn unser Held Didomenico trifft. Letztes Wochenende habe ich damit sämtliche Biel-Fans um mich herum verärgert. Zwei haben sogar den Platz gewechselt.

Was sagen Sie zur Flüchtlingskrise?

Eine Krise ist eine Herausforderung. Wie gehen wir mit einer neuen Situation um? Wenn wir nach Deutschland schauen, kann ich voller Respekt sagen: Grossartig, wie die Bundeskanzlerin eine Richtung vorgibt, wo Freundlichkeit und Mitgefühl für die ankommenden Flüchtlinge zentral sind. Für mich bleibt die Frage, was ich tun würde, wenn plötzlich hundert Flüchtlinge am Schöftler Bahnhof ankommen würden. Würde ich in unser kleines Haus fremde Menschen aufnehmen und damit viel Platz und lieb gewonnene Gewohnheiten, Privilegien aufgeben?

Was sagen Sie zum Wort Nostalgie?

Nostalgie heisst für die meisten alten Leute, davon zu schwärmen, wie früher alles besser war. Ich glaube, es gibt viele Dinge, die damals besser waren. Man hat sich vor der Natel- und Skype-Zeit bei einem Gespräch viel öfter in die Augen geschaut, einander weniger künstlich wahrgenommen. Aber wenn ich daran denke, wie in den Fünfzigerjahren in Langnau alleinstehende Männer, die angeblich homosexuell waren, von der Polizei verfolgt wurden, muss ich sagen, vieles war schlimmer als heute. Die Menschen im Emmental waren zum Teil engstirnig, verschlossen und allem was von aussen kam eher feindlich gesinnt. Das ist heute nicht mehr so.

Was sagen Sie zum Thema Heimat?

Zur Heimat gehört für mich die Sprache. Ich spreche ein Emmentaler Berndeutsch, und ich träume und singe in dieser Sprache. Sie ist genauso Heimat, wie das Dorf, die Menschen das Tal, die Hügel, die Wälder, der Schlittschuhklub. Ich liebe meinen Dialekt. Aber ich liebe auch meine zweite Sprache, das Hoch- oder Schriftdeutsch, vor allem in Büchern, Gedichten und Liedern. Wenn ich in der Romandie oder in Frankreich bin, dann gefällt mir die französische Sprache sehr, und im Tessin oder in Italien das Italienisch, auch wenn ich es nur schlecht verstehe.

Und wenn ich in der WSB, in unserem Suhrentaltram, sitze, höre ich, wie sich unsere Heimat sprachlich verändert. Dann reden sie zum Beispiel hinter mir Arabisch. Und ich höre aufmerksam zu, verstehe gar nichts, aber es tönt wie Musik von weit, weit her.

Was sagen Sie zu Ihrer Wohngemeinde Schöftland?

Der Hauptgrund, dass ich seit über sieben Jahren in Schöftland wohne, ist die Liebe. Ich bin wegen meiner Frau hierher gezogen. Schöftland ist, wie damals Langnau, noch ein richtiges Dorf. Es hat mit dem sympathischen kleinen Bahnhof, der Kirche, dem Friedhof, dem Schloss, dem Restaurant Schlossgarten und dem – Gott sei Dank – wiedereröffneten Ochsen ein richtiges Zentrum. Es ist nicht bloss eine Durchgangsstrasse, an der links und rechts Häuser «parkiert» sind. Und es gibt Menschen hier, die sich für das kulturelle Leben und für eine intakte Natur engagieren. Das schätze ich sehr.

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