Muhen
Der Pfarrer wandert nach Frankreich aus – und findet das gar selbst «etwas verrückt»

Thomas und Corinne Michel-Kundt ziehen von Muhen nach Frankreich, wo sie Planwagen-Ferien anbieten werden. Mitten in der Pandemie in den Tourismus einzusteigen, macht den beiden keine Angst.

Flurina Dünki
Merken
Drucken
Teilen
3 Bilder
Ferien im Wohnwagen mit 1 PS. Geschlafen wird im Wagen selber oder draussen im Zelt.
Das künftige Heim der Michels ist ein altes Bauernhaus. Nach der Renovierung werden sie 2022 einziehen.

Flurina Dünki Bild: zVg Bild: zVg

Das französische Dorf mit dem stattlichen Namen Fontenois-­la-Ville hat 135 Einwohner. Doch nicht mehr lange. Zwei Suhrentaler Auswanderer werden daraus 137 machen. Pfarrer Thomas Michel und Ehefrau Corinne Michel-Kundt (beide 57) kehren der Reformierten Kirchgemeinde Muhen den Rücken und werden auf dem Lande, zwei Autostunden von Basel entfernt, ins Tourismusgeschäft einsteigen. Sie übernehmen 12 Pferdewagen (mit 12Pferden), mit denen sie Ferientouren anbieten.

Die sichere Arbeitsstelle kündigen, in die französische Campagne ziehen und vom Tourismus leben? Ausgerechnet jetzt, in Covid-Zeiten? Thomas Michel hat Verständnis für Reaktionen dieser Art. Er selbst bezeichnet das Vorhaben als «etwas verrückt», als er der AZ zwischen Umzugskisten vom bevorstehenden Abenteuer erzählt. «Als der dortige Bürgermeister uns während eines Ferienaufenthalts den Vorschlag machte, wir sollten das Geschäft doch übernehmen, haben wir laut gelacht.» Seit ihre vier Kinder klein waren, hatten sie dort Ferien gemacht, zudem war Pfarrer Michel mit 16 Genera­tionen von Konfirmanden in Fontenois. Ferien mit einem Schuss Abenteuer, schlafen im Zelt oder in einem der vier Betten im «roulotte» (Holzwagen) und natürlich Reiten.

Und plötzlich wollten sie doch

Aber die Pferdeferien zum Lebensinhalt machen? «Sicher nit», sagt der in Basel aufgewachsene Pfarrer über seine damalige Spontanreaktion. Wann immer man auf einer Pferdewagen-Tour an einem der Schilder mit Aufschrift «Bauland, erschlossen, 7 Euro pro Quadratmeter», vorbeigetrottet sei, habe man nur im Scherz gesagt, man müsse bei diesen Preisen zugreifen. Doch erstens rechnete das Ehepaar nicht mit der Hartnäckigkeit des Bürgermeisters – dieser wollte den Verkauf des gemeindeeigenen Unternehmens am liebsten unter Dach und Fach bringen, bevor er zurücktrat – und zweitens nicht mit dem leise, aber sicher aufkommenden Wunsch, doch nach Frankreich zu ziehen. Die Michels sind kein herkömmliches Pfarrer/Katechetin-Ehepaar. «I bi en relativ freche Cheib, i probiere oft öppis us», sagt Thomas Michel.

Der Gedanke, das Abenteuer «Roulotte – Planwagen» zu wagen, ging den beiden nicht mehr aus den Köpfen. Bodenständig zu leben. Beim Aufstehen zu merken, dass die Weide von Hirschen eingenommen wurde, die gar nicht daran denken, wegen ein paar Menschen zurück in den Wald zu fliehen. Das merkten auch die Lokalpolitiker von Fontenois-la-Ville, denen es langsam eilte mit dem Verkauf: «Entweder nehmt ihr es, oder wir machen den Betrieb zu», hiess es eines Tages vonseiten des Bürgermeisters.

Corona könnte Chance für Landferien sein

Das Dorf sah im Müheler Pfarrehepaar den idealen Käufer für den Betrieb, der in den Jahren zuvor etwas heruntergewirtschaftet wurde. «Unter anderem, weil keiner im Dorf die Sprache der deutschen und Deutschschweizer Touristen spricht», wie Michel sagt.

So fanden sie sich eines Tages dem 11-köpfigen Gemeinderat gegenüber, um den Kauf zu diskutieren. Dies, nicht ohne zuvor ihren Vorsorgeberater zu konsultieren. «Falls es schiefgeht, könnt ihr trotzdem überleben», habe dieser gesagt.

Kurze Zeit später gehörten die Holzwagen samt Pferden ihnen, zusammen mit einem Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert und zur Pacht 18 Hektaren Weideland. Die Comtois-Rösser sind klein und kräftig, mit Haaren, die über die Hufe wachsen – die typischen Bierwagenpferde. Das Haus müssen die Michels jedoch erst renovieren, bevor sie einziehen können. Damit sie trotzdem schon nächste Woche Dorfbewohner werden können, wurde ihnen rasch eine Übergangswohnung im Dorf vermittelt.

Mitten in der Pandemie in den Tourismus einzusteigen, macht den beiden keine Angst. Die Mission sei gewesen, das Geschäft wieder in Gang zu bringen, auf gemütliche Zeiten hätten sie sich also gar nie eingestellt. Covid könne dabei ein Stein im Weg oder aber ein Vorteil sein. Denn jetzt werde eine abgelegene Gegend auf dem Land plötzlich attraktiv für Ferien.

Letzten Sonntag fand der letzte Gottesdienst mit Thomas Michel statt. Eine Nachfolge sucht die Kirchenpflege noch. Vorläufig amten drei Stellvertreter in der reformierten Kirche.