Schöftland
Der kantenschleifende Koch übergibt seinen «Ferrari»

Nach drei Generationen Dietiker ist Schluss: Jürg und Vreni Dietiker geben ihr Sportgeschäft in Schöftland ab.

Peter Weingartner
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Generationenwechsel in Schöftland: Christoph Stocker (links) übernimmt das Geschäft des Ehepaars Dietiker.

Generationenwechsel in Schöftland: Christoph Stocker (links) übernimmt das Geschäft des Ehepaars Dietiker.

Bild: Peter Weingartner

«Wo jetzt der Parkplatz ist, wurden in meiner Kindheit noch Rosshaarmatratzen getrocknet», erinnert sich der 64-jährige Jürg Dietiker. Das Sport- und Modegeschäft an der Schöftler Dorfstrasse hat Tradition. Während Jürgs Grossvater Röbi 1917 als Sattler angefangen hat und auch selber Matratzen und Polstermöbel – Teile der sogenannten Aussteuer – herstellte und restaurierte, diversifizierte Vater Willi in den Siebzigerjahren: Aus der Sattlerei, die auch Boden-beläge machte, wurde ein Sportgeschäft. Kunststück: Willi Dietiker war erfolgreicher Zehnkämpfer, Ehrenmitglied des Aargauischen Leichtathletenverbands. Da lag ihm der Sommersport nahe.

Kantenschleifen nach individuellen Bedürfnissen

Mehrkämpfer mussten auch Jürg und Vreni Dietiker sein. Wer erfolgreich verkaufen will, muss sich den Wünschen der Kundschaft anpassen. Wandern, Jogging, Tennis. Und dann natürlich die familiäre Leidenschaft: Skifahren. Mit 20 Jahren, nach einer Kochlehre, trat Jürg in das Unternehmen ein. Und ist geblieben, 44 Jahre lang. Nun geht er in Pension und übergibt auch seine Maschine, den «Ferrari» aus Österreich, den er für den Ski-Service, vorab das Kantenschleifen, braucht, in neue Hände.

Die Möglichkeit, auf Kundenwünsche einzugehen, ist einer seiner Trümpfe. «Je nach Bedürfnis kann ich die Kanten schleifen; der eine will sie aggressiver, der andere weni- ger», sagt er. Eine kleine Wissenschaft? «Gespür und Erfahrung», sagt er. Und schiebt nach, sein Nachfolger, Christoph Stocker (32), könne es auch.

«Wir verkaufen heute nur noch halb so viele Ski»

Das Dilemma: In Wintern wie diesem gab es Nachtschichten und Wochenenddienste, und auch am Mittwoch, wenn der Laden geschlossen war, wurde geschliffen, denn die spontane Kundschaft konnte sich kurzfristig zum Skifahren entscheiden. Also für Jürg und Vreni wenig Gelegenheiten, selber auf die Bretter, die schon lange keine Holzbretter mehr sind, zu steigen. Mit der Pensionierung wird das wieder möglich. Und darauf freuen sie sich.

Auf Trends reagieren, das ist in dieser Branche überlebenswichtig. «Das Carven gab ei- nen Schub», sagt Jürg Dietiker. Snowboard, Rollerblades, Scooter. Diese Diversifizierung, auch auf Seiten der Bevölkerung, fordert heraus: «Wir verkaufen heute noch halb so viele Ski wie früher.» Zugenommen hat hingegen die Vermietung von Ski und Ausrüstung.

Probieren können und beraten werden

Vreni Dietiker – sie ist seit 39Jahren im Betrieb – ist hauptver-antwortlich für die «Software» des Sports: Kleidung inklusive Schuhwerk. Wer wandert, wird bei Dietikers sicher fündig. «Outdoorbekleidung ist auch im Alltag salonfähig geworden», sagt sie. Modisches Accessoire in diversen Farben und Materialien. Die Kundschaft sei anspruchsvoller geworden; sie weiss, in welchen Farben ein Produkt erhältlich ist. Dass der Laden nicht alles am Lager hat, versteht sich von selbst. Aber es lässt sich bestellen.

Dietikers Trumpf: Der persönliche Kontakt, die Beratung, die Kundennähe, die über die Jahrzehnte eine regionale Stammkundschaft zwischen Wynental, Zofingen und Aarau hat wachsen lassen. Dies selbstredend bei einem aktuellen Sortiment. «Die Sachen probieren; das Material spüren», sagt Jürg Dietiker, der an eine Zukunft des stationären Handels glaubt, auch wenn Corona den Grossen, dem Onlinehandel in die Hand gespielt habe. «Die Kunden wurden mit uns alt», spricht Vreni Dietiker die Herausforderung an, die auf ihren Nachfolger wartet. Immerhin: Das Wandern ist auch bei jungen Leuten wieder populär.

Dank gutem Winter alle Schlitten verkauft

Und Corona? 18 Wochen geschlossen. Auch und gerade vor Weihnachten. Das Geschäft hat Kurzarbeitsentschädigungen erhalten und sich für Härtefallbeiträge angemeldet. Da die Werkstatt offen blieb, konnte Jürg stets an seinem «Ferrari» arbeiten. Und Vreni hatte die Chance, auch Produkte aus ihrem Sortiment bereitzustellen. Die fünf Wochen Schnee und Kälte dieses Winters führten zu regen Winteraktivitäten, positiv für Dietikers, die alle Schlitten verkaufen konnten. Was passiert mit den Sachen, die nicht verkauft wurden? Zuletzt wird die nicht verkaufte Ware heruntergeschrieben. «Oder der Bulgare kommt vorbei mit seinem ­Büssli und versucht, günstig zu älteren Ski oder Schuhen zu kommen», schmunzelt Jürg Dietiker.

Geschäftsübergabe im April

Grosse Pläne für die Zukunft haben Jürg und Vreni Dietiker nicht. Keine Projekte. Das tun, wofür sie jahrelang keine Zeit hatten. Familie, ihr Haus mit Umschwung, neue Freiheiten. «Gemeinsam gesund bleiben», bringt es Jürg auf den Punkt. Dazu kann auch das Langlaufen oder Velofahren mit Enkelin Naima oder das Skifahren mit der zweiten Enkelin Laura, die beide in der Nähe wohnen, gehören.

Die Übergabe an Christoph Stocker erfolgt im April. Und dann wird das Geschäft nicht mehr am Mittwoch, sondern am Montag geschlossen bleiben.

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