Literatur
«Lyrik ist kein Oktopus»: So macht ein Lyrikfestival Lust auf fremde Sprachen

Das neue Lyrik-Festival Lyrical Link nimmt Aarau in Beschlag. Danach zieht es als Gedicht-Guerilla quer durch den Kanton.

Anna Raymann
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Vivianna Mösli und Ouelgo Téné entern als «Amt für Poesie» die Strassen.

Vivianna Mösli und Ouelgo Téné entern als «Amt für Poesie» die Strassen.

zVg

Im Alltag trifft man wenig Poesie. Vielleicht klingt manchmal noch ein Kinderreim im Ohr, selten schreibt man ein paar Verse Rilke oder Ringelnatz auf eine Geburtstagskarte.

Da es nicht allzu einfach ist, die Menschen zur Lyrik zu bewegen, geht Lyrical Link den umgekehrten Weg. Das neue Festival bringt Gedichte auf die Strasse. Mit jeweils unterschiedlichem Programm reist Lyrical Link von Aarau über Wohlen und Rheinfelden nach Baden. Hinter der Idee steht ein kleines Team aus Lyrik-Liebhabern, erst für die einzelnen Lesungen haben sie Institutionen wie Bibliotheken, Museen und Open Airs hinzugezogen. In Restaurants werden Tischsets mit Texten ausgelegt und in der Stadt hängen grafisch klug gestaltete Plakate, wo einem sonst Werbung entgegenschlägt. Daraus setzt sich ein vielschichtiges Netz zusammen, über das die Veranstalter ihrem Publikum an unerwarteten Stellen begegnen.

Ein Performance-Duo bringt Leben in die Zeilen

Die Hauptdarsteller des Festivals sind Vivianne Mösli und Ouelgo Téné. Das Performance-Duo bringt als «Amt für Poesie» die Gedichte in verschiedenen Installationen und Inszenierungen auf die Strasse. «Gedichte und Sprache sollen mit Lyrical Link Raum und Alltag infiltrieren, Passanten zufällig überraschen. Im Grunde sind sie weniger ein ‹Amt für Poesie›, sondern eher eine Gedichtguerilla», sagt Mariann Bühler aus dem Projektteam.

Lyrical Link setzt die Sprache – die Sprachen ins Zentrum. So bekommt das Publikum die Gedichte auf Tamilisch, auf Ungarisch oder Spanisch zu lesen. «Die Schweiz ist stolz darauf, viersprachig zu sein, dabei sind in der Schweiz noch viel mehr Sprachen zuhause. Das Festival räumt jenen Autorinnen und Autoren Platz ein, die nicht auf Deutsch oder Französisch schreiben», sagt Bühler.

Mit dem «Gastarbeiterdeutsch» einer Literaturpreisträgerin

Dragica Rajcic Holzner ist mit ihrem Roman «Glück» Schweizer Literaturpreisträgerin 2021

Dragica Rajcic Holzner ist mit ihrem Roman «Glück» Schweizer Literaturpreisträgerin 2021

Gaetan Bally / KEYSTONE

Dragica Rajcic Holzner etwa schreibt zwar auf Deutsch, darin klingt aber stets ein Hauch Kroatisch mit, ihre Muttersprache. «Gastarbeiterdeutsch» sagen manche. «konnte ich nicht deutch / hette ich nihts verstanden / das ich so anderes bin», schreibt sie etwa im «Hundersten gedicht ohne trenen».

Warum hat sich Dragica Rajcic für Lyrik entschieden? «Weil sie kurz ist», lacht die Autorin. «Ich habe als Kind meine Grossmutter über ein Liebesgedicht, das ich für die Schule lernte, weinen sehen. Ich habe damals zwar nicht verstanden, warum sie weint, aber ich habe zum ersten Mal begriffen, welche Kraft Sprache hat.» Für ihren Roman «Glück» wurde Rajcic Holzner der Schweizer Literaturpreis 2021 verliehen. Ihre Gedichte sind Teil des Programms, in Baden liest sie an der Eröffnung.

Lust auf neue Zeichen

Die Lyrik wird in der Schweiz wenig gepflegt – zu wenig, findet die Autorin. «In anderen Ländern gibt es Nationaldichter», sagt Dragica Rajcic Holzner, «In der Schweiz werden Dichter beäugt, aus ihrer Literatur könnte Gefährliches entstehen. Viele fürchten sich vor der Lyrik, als wäre es ein Oktopus, dabei ist es reine Kommunikation.»

Ein ­Poesie-Festival auf der Strasse begeistert sie daher umso mehr. Und sie geht noch weiter: Mit dem Schulprojekt von Lyrical Link besucht sie Schulklassen. «Man sollte Kindern möglichst früh Freude an der Sprache vermitteln. Sie sollen gerne erzählen, ohne Angst vor irgendwelchen Pünktchen über dem ‹u›», sagt Rajcic Holzner, «Wir machen mit den Kindern eine lyrische Weltreise. 50 Prozent der Schüler sprechen zuhause eine weitere Sprache, ich freue mich auf all die Wörter und Zeichen, die dort zusammenkommen.»

Das Festival will vieles: Sprachräume aufbrechen, Poesie feiern, Hürden sprengen. Das könnte schnell ins dröge ­Didaktische kippen. Die Veranstalter bringen aber eine ausgemachte Leichtigkeit mit, die dem Genre mit dem schweren Ruf gut tun wird.

Lyrical Link Aarau: 11.–15.8., Wohlen: 18.–22.8., Rheinfelden: 25.–29.8., Baden: 15.–19.9.

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