«Ziegel für Vindonissa»
Bisher wenig im Fokus: In Hunzenschwil-Rupperswil standen die römischen Ziegeleibetriebe

Stabil, feuerfest, universell einsetzbar: Der Ziegel erlaubte den Römern den Bau monumentaler Gebäude. Über die römischen Ziegeleibetriebe in Hunzenschwil-Rupperswil, der älteste Industriekomplex der Schweiz, erscheint eine wissenschaftliche Publikation. An dieser dürften auch Laien ihre Freude haben.

Michael Hunziker
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Römerweg in Hunzenschwil: So kann die zur Ziegelherstellung und -lagerung verwendete Halle sowie das vorgelagerte Schlämmbecken zur Aufbereitung des Rohtons ausgesehen haben.

Römerweg in Hunzenschwil: So kann die zur Ziegelherstellung und -lagerung verwendete Halle sowie das vorgelagerte Schlämmbecken zur Aufbereitung des Rohtons ausgesehen haben.

Bild: zvg

Ziemlich unspektakulär – und auf römischen Grabungen gehört er zu den häufigsten Funden: der Ziegel. In der archäologischen Forschung fand er bisher wenig Beachtung. Bisher. Über die grossen, römischen Legionsziegeleien von Hunzenschwil-Rupperswil erscheint eine wissenschaftliche Publikation unter dem Titel «Ziegel für Vindonissa».

Kaum eine Erfindung hat die Menschheit so nachhaltig geprägt, heisst es dazu in einer Mitteilung der Kantonsarchäologie. «Der stabile, feuerfeste und universell einsetzbare Werkstoff erlangte in römischer Zeit eine bis anhin nie dagewesene Bedeutung. Er erlaubte den Bau monumentaler Gebäude, die teilweise bis heute erhalten geblieben sind.»

Ausgrabungen fanden 2002 und 2005 statt

Bei den Ziegeleibetrieben rund 14 Kilometer südwestlich des Legionslagers Vindonissa in Hunzenschwil-Rupperswil handle es sich um den «gewissermassen ältesten Industriekomplex der Schweiz»: mit eigener Wasserversorgung, mehreren Hallenbauten, Schlämmbecken sowie Brennöfen. Ausgrabungen auf dem grossflächigen Areal fanden in den Jahren 2002 und 2005 statt. Die Produktepalette der Legionsziegeleien umfasste ebenfalls Kochtöpfe und Teller, Krüge und Schüsseln. Der Betrieb war gemäss Mitteilung mit einem erheblichen organisatorischen und verwaltungstechnischen Aufwand verbunden.

Ofen im Gebiet Ziegelacker in Hunzenschwil: Blick auf den eingestürzten Schürkanal und die westliche Einfassung (Ziegelmauer) der Bedienungsgrube.

Ofen im Gebiet Ziegelacker in Hunzenschwil: Blick auf den eingestürzten Schürkanal und die westliche Einfassung (Ziegelmauer) der Bedienungsgrube.

Bild: zvg

Verbaut wurden die Ziegel nicht nur im Legionslager, sondern auch in den umliegenden Gutshöfen, erklärt Manuela Weber von der Kantonsarchäologie. Ein bemerkenswerter Umstand, denn:

«Das ist bislang in den nordwestlichen Provinzen des römischen Reichs nur im Umland von Vindonissa bezeugt.»

Die akribische Auseinandersetzung des Autors Simon Jeanloz mit dem Werkstoff könne einige neue Aspekte aufzeigen – etwa, dass beim Kontrollsystem mit Ritzzeichen, Wischmarken und Stempeln ein Unterschied besteht zwischen der 21. und der 11. Legion. «Das ist zwar auf den ersten Blick wenig spannend, erlaubt aber künftig sogar kleinere Ziegelfragmente einer Legion zuzuordnen und damit einen Anhaltspunkt zur zeitlichen Einordnung zu erhalten», sagt Manuela Weber.

Lesenswert dank reicher Bebilderung und klarer Sprache

Kurz: «Die Fachpublikation ist ein wertvoller Beitrag zur Vindonissa-Forschung und zur provinzialrömischen Forschung in der Schweiz», fasst sie zusammen. Es sei nun ein weiteres Puzzleteil zum Militärlager bekannt. Autor Simon Jeanloz vermittle mit seinen Ausführungen zum tonverarbeitenden Grossbetrieb ein lebendiges Bild der Vergangenheit vor rund 2000 Jahren. Durch die reiche Bebilderung und die klare Sprache sei das Buch attraktiv und lesenswert.

Die Lektüre empfiehlt Manuela Weber allen, die sich mit der Geschichte des Legionslagers Vindonissa oder mit Handwerksgeschichte beschäftigen. Obwohl es eine Fachpublikation sei, dürften Laien ihre Freude daran haben – gerade auch Personen aus Hunzenschwil und Rupperswil, die sich für die Geschichte ihres Orts interessieren.

Die Illustration zeigt den Ziegelbrennofen und den Keramikbrennofen, die aus einer gemeinsamen Bedienungsgrube befeuert wurden.

Die Illustration zeigt den Ziegelbrennofen und den Keramikbrennofen, die aus einer gemeinsamen Bedienungsgrube befeuert wurden.

Bild: zvg

Die öffentliche Vernissage findet am Donnerstag, 1. Dezember, 18.30 Uhr, im Gemeindesaal Hunzenschwil statt, in Anwesenheit von Kantonsarchäologe Thomas Doppler, der Co-Präsidentin der Gesellschaft Pro Vindonissa, Sabine Deschler-Erb, sowie Gemeindeammann Urs Wiederkehr. Autor Simon Jeanloz stellt die wichtigsten Ergebnisse mit einer Bilderschau vor. Stilgerecht wird zum Abschluss ein römischer Apéro serviert.

Die wissenschaftliche Publikation der Kantonsarchäologie in der Reihe «Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa» erscheint beim Verlag Librum Publishers & Editors. Das Buch ist kostenlos in digitaler Form erhältlich sowie gedruckt im Buchhandel.