Bezirksgericht Lenzburg
Beschimpfung oder nicht? Ein Finger mehr machte den Unterschied

Ein Mann soll einem anderen aus dem Auto heraus den Mittelfinger gezeigt haben. Das angebliche Opfer dieser nonverbalen Beschimpfung tauchte bei der Gerichtsverhandlung am Bezirksgericht Lenzburg nicht auf. Der angebliche Stinkefinger-Zeiger sagte, es sei alles ganz anders gewesen.

Eva Wanner
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Am Bezirksgericht Lenzburg ging es um eine Beschimpfung mittels Geste: den erhobenen Mittelfinger.

Am Bezirksgericht Lenzburg ging es um eine Beschimpfung mittels Geste: den erhobenen Mittelfinger.

Symbolbild: Keystone

Stinkefinger oder nicht Stinkefinger, das ist die Frage, die das Bezirksgericht Lenzburg beschäftigte. Auf der Anklagebank sass David (Namen geändert). Auf der anderen Seite hätte Strafkläger Mehmet sitzen sollen. Tat er aber nicht. Es sei fraglich, ob der Mann überhaupt noch in der Schweiz wohne, sagte Davids Verteidiger. Und meinte ironisch, die Abwesenheit zeige ja, wie gross das Interesse am Fall sei.

Nun denn, es ging um Vorfälle, die vor bald vier Jahren stattgefunden haben sollen. Laut Anklageschrift soll David, als er aus einem Kreisel in Rupperswil fuhr, Mehmet den Stinkefinger gezeigt haben. Ebendies wurde verhandelt – passiert ist aber noch mehr, wie der heute 26-jährige David am Rande der Verhandlung ausführte. Und zwar: Er und seine Passagiere fuhren durch den Kreisel, hörten laute Musik, gestikulierten dazu. Mehmet scheint eine dieser Gesten als Stinkefinger interpretiert zu haben. Darob wurde er so wütend, dass er die jungen Männer im Auto verfolgte, sie abdrängte und damit zum Halten zwang. Mehmet hielt ebenfalls an, nahm einen Baseballschläger aus dem Kofferraum und drohte den Männern damit. Einem soll er gar eine leichte Ohrfeige verpasst haben.

Plötzlich kam der Daumen dazu

All das wurde aber separat abgehandelt. Am Freitag ging es lediglich um die Frage, ob David den Mittelfinger gezeigt und damit Mehmet beschimpft hatte. Beschimpfung wird rechtlich so definiert: «Wer jemanden in anderer Weise durch Wort, Schrift, Bild, Gebärde oder Tätlichkeiten in seiner Ehre angreift.»

David bestritt, die Geste gemacht zu haben. Das taten auch seine Passagiere, die im Vorfeld als Auskunftspersonen vernommen worden waren. Und dann hätten gar Mehmet und seine Frau, die ebenfalls im Auto gesessen hatte, sich in diesem Punkt widersprochen, plädierte Davids Verteidiger. Plötzlich sei von Mittelfinger und Daumen die Rede gewesen, «diese beiden Finger wären keine Beschimpfung», so der Verteidiger. Dass es sich so zugetragen habe, wie es der Kläger schilderte, sei stark zu bezweifeln.

Kläger sagte nicht glaubwürdig aus

In der Konsequenz sei sein Mandant freizusprechen. Damit verfielen auch die Verwarnung und die Verlängerung der Probezeit seiner Vorstrafe wegen Urkundenfälschung. «Ich habe damals ein Arztzeugnis selbst unterzeichnet», sagte David über den Vorfall, für den er Anfang 2018 verurteilt worden war. Die Staatsanwaltschaft forderte für den aktuellen Fall ausserdem eine bedingte Geldstrafe von 10 Tagessätzen à 70 Franken und eine Busse von 300 Franken.

Gerichtspräsidentin Danae Sonderegger verkündete schliesslich das Urteil: Freispruch. «Wir sehen die Geschichte ähnlich wie der Verteidiger», sagte sie, die Aussagen des Klägers seien nicht sehr glaubwürdig. Zahlen muss David nun nichts; die Kosten für seinen Anwalt gehen auf die Staatskasse. Und Mehmet? Der ist möglicherweise in der Türkei. Denn den ganzen Prozess verzögert habe auch, dass man ihn mehrfach vergeblich versuchte, ausfindig zu machen.