Niederlenz
Unwetter zerstört Bandfabrik: Die Firma hat sich von der Katastrophe nie erholt

Der Schaden, den ein Unwetter im September 1968 in der Bandfabrik Niederlenz anrichtete, war immens. Er hatte für das Familienunternehmen fatale Konsequenzen.

Ruth Steiner
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Bandfabrik Niederlenz - Vor 50 Jahren richtete ein Sturm grossen Schaden an

Bandfabrik Niederlenz - Vor 50 Jahren richtete ein Sturm grossen Schaden an

Aargauer Tagblatt September 1968
Eric Schaerer vor der Ostfront, die vor 50 Jahren in den Aabach stürzte.

Eric Schaerer vor der Ostfront, die vor 50 Jahren in den Aabach stürzte.

Ruth Steiner

Eric Schaerer kennt das Foto gut, das am 25. September 1968 im damaligen Aargauer Tagblatt erschien: Es zeigt das Produktionsgebäude der Bandfabrik, dessen Ostfront eingestürzt war. «Mein Vater hatte das Bild dem Brief beigelegt, in welchem er mich über die Katastrophe informierte», erzählt er. Schaerer, damals 26-jährig, war eben erst in die USA ausgewandert, hatte in New York eine Stelle im Textilbereich angetreten. Er wollte die grosse weite Welt erkunden, bevor er daheim in Niederlenz ins elterliche Geschäft einsteigen sollte.

Als Eric Schaerer vom Unglück erfuhr, lag dieses schon fast eine Woche zurück - solange war der Luftpostbrief des Vaters nach Übersee unterwegs gewesen. Heute würde man in seiner solchen Situation umgehend ins nächste Flugzeug steigen. Das sei damals nicht üblich gewesen, sagt der heute 76-Jährige. Doch auch ein Telefongespräch war teuer. Schaerer erinnert sich: «Ein kurzer Telefonanruf in die Schweiz kostete vor 50 Jahren etwa gleich viel wie ein saftiges Steak mit Pommes frites und Salat in einem Restaurant in New York.» Trotzdem rief der junge Schaerer Zuhause an, bot seine Rückkehr an. «Vater war grosszügig. Er sagte, ich solle bleiben», sagt er und schmunzelt.

Plötzlich stürzte die Wand ein

Kurz vor 22 Uhr stürzte die Hausfassade ein, über drei Stockwerke hoch. So sehr hatte das Hochwasser an den Grundmauern genagt und geleckt, das Fundament unterspült und den Keller geflutet, bis das 130-jährige Gemäuer nicht mehr hielt. Es geschah, was sich in der Nacht zuvor mit Rissen und am Nachmittag mit einem ersten Ausbruch angekündigt hatte: Die Giebelwand des Webereigebäudes der Niederlenzer Bandfabrik stürzte in die Fluten.

Das war am 23. September 1968. Die Regenmengen, die sich vor 50 Jahren Ende September über die Region ergossen, waren gewaltig. Zwei Tage zuvor war in Gränichen das Wasser so hoch gestiegen, wie sie selbst die Dorfältesten noch nicht erlebt hatten, und auch in Aarau hatte das Wasser im Dammquartier die meisten Keller gefüllt. In Niederlenz kam der Aabach, der doch als stilles Bächlein die treibende Kraft so vieler Industriebetriebe war, nun so unbändig daher, dass er die Fabrik schier vernichtete.

Noch im letzten Moment hatten Männer der Niederlenzer Feuerwehr versucht, eine Arbeitsbühne zu errichten, um die Fassade zu stabilisieren. Dazu wurden mehrere 1,7 Tonnen schwere Eisenträger quer über den Bach gelegt. «Doch als die Bühne gegen 20 Uhr fertig war, rutschte plötzlich die rechtsseitige Ufermauer ab, und die Eisenträger stürzten ins noch immer reissende Wasser», so der Bericht im AT. «Man muss von einem Wunder sprechen, denn das halbe Dutzend Arbeiter kam mit dem blossen Schrecken davon.» Zwei Stunden später brach dann die ganze Giebelwand heraus.

Das Gebäude, in dessen Erdgeschoss sich das betriebseigene Elektrizitätswerk und in den beiden oberen Geschossen sich 49 Webstühle befanden, musste wegen akuter Einsturzgefahr sofort gesperrt werden. Durch den Ausfall wurden rund vier Fünftel der Webproduktion lahmgelegt, 20 Arbeiterinnen mussten beurlaubt werden. «Sie erhalten während dieser unfreiwilligen Pause ihren vollen Lohn», steht im AT. (ksc)

Rückblickend ist Eric Schaerer überzeugt, dass dieser Vorfall für das Familienunternehmen fatale Folgen hatte. «Zwar wurde die Firma erst 1984 verkauft. Doch der finanzielle Schaden des Unglücks von 1968 war für den Betrieb zu hoch. Er hat sich nie mehr ganz erholt davon.» Die Firmengeschichte hat Eric Schaerer in einer blauen Mappe sorgfältig aufbewahrt. Er blättert darin, zeigt stolz die Zeitdokumente: Fotos von Maschinen, Mitarbeitenden, Firmenfesten und vom Schadenfall. Auch Muster von Bändern sind dabei, gefertigt für die Industrie und den Textilbereich.

In der Blütezeit beschäftigte die Firma 75 Mitarbeitende. Es waren vor allem Frauen, die an den Webstühlen standen. Zu den Kunden gehörten renommierte Firmen wie Sulzer und die heutige ABB. Ein Grossteil der Produktionsmenge wurde in europäische Länder exportiert. 1972, als Eric Schaerer in die Schweiz zurückkehrte und ins elterliche Geschäft einstieg, war der Zenit bereits überschritten, die Umsätze waren rückläufig.

Nach verschiedenen Besitzerwechseln gehören die Liegenschaften heute der Elektro Würgler AG, die im ehemaligen Verwaltungsgebäude ein Elektrofachgeschäft betreibt. Die Produktionsstätte, die 1968 zu Schaden kam, wird umgebaut. Geplant ist, dass Discounter Lidl dort eine Filiale betreibt. Die Eröffnung ist noch unklar. Ein Termin könne noch nicht bestimmt werden, dafür sei es zu früh, heisst es auf Anfrage.