Prozess in Lenzburg
Schädelbruch, weil Seilrolle auf seinen Kopf fiel – jetzt stand sein Baustellen-Chef vor Gericht

Nach einem Unfall auf einer Baustelle wurde ein 51-Jähriger zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt. "Niemand hat 'Vorsicht' gesagt", beklagte das Opfer.

Janine Gloor
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Auf einer Baustelle kam es zum Unfall. (Symbolbild)

Auf einer Baustelle kam es zum Unfall. (Symbolbild)

EMANUEL PER FREUDIGER

Aaron (alle Namen geändert) stand an diesem Tag am falschen Ort. An der Stelle, wo aus acht Metern Höhe eine metallene Seilrolle hinunterfiel. Auf Aarons Kopf. Aaron erlitt einen offenen Schädelbruch und eine Meniskusverletzung. Er war mehrere Monate arbeitsunfähig, und noch heute hat er Kopf- und Nackenschmerzen und macht Physiotherapie.

Vor Bezirksgericht Lenzburg trifft Aaron wieder auf seinen Kollegen Roberto, der an diesem Tag auch auf der Baustelle war und als Zeuge auftritt. Und auf Scott. Scott (51) war an diesem Tag der Chef. Aber irgendwie doch nicht, da gehen die Meinungen auseinander. Scotts Bruder ist Inhaber der Baufirma. Zum Zeitpunkt des Unfalls war der Bruder in den Ferien. Scott hat ab und zu auf der Baustelle gearbeitet. Für die Arbeiter waren die Rangverhältnisse klar.

Auf die Frage, wer an diesem Tag Chef war, antwortet der Zeuge, ohne zu zögern: «Signore Scott». Scott hat am Tag des Unfalls Aaron und Roberto in der Region Lenzburg aufgetragen, Dämmmaterial auf ein Baugerüst in acht Meter Höhe zu transportieren. Scott installierte eine Seilrolle. Noch während Roberto die Ladung vorbereitete, löste sich die Seilrolle und fiel auf Aarons Kopf. Scott muss sich nun wegen fahrlässiger Körperverletzung vor Gericht verantworten.

«Ich kenne die Hierarchie nicht»

Die Verhandlung drehte sich vor allem um zwei Themen: War Scott wirklich der Chef auf der Baustelle? Und wieso hatte Aaron keinen Helm getragen? Scott betonte, dass er in der Bude seines Bruders als Aushilfe eingesprungen war, wenn Not am Mann war. «Ich habe die Aufträge von Lehrlingen oder Arbeitern vor Ort übernommen und war nie morgens an der Sitzung zur Arbeitsverteilung anwesend», sagt er. Wer genau seinen Bruder hätte vertreten sollen, wisse er nicht. «Ich kenne die Hierarchie nicht», sagt er. Die Frage zum Helm kann er besser beantworten: «Meiner Meinung nach gilt auf jeder Baustelle Helmpflicht», sagt er. «Man schlägt sich ja alle zweieinhalb Meter den Kopf an.»

Niemand hat Opfer gewarnt

Scott ist ohne Verteidiger vor Gericht erschienen. Heute arbeitet er nicht mehr auf dem Bau, als Informatiker im Support verdient er in einem Teilzeitpensum etwas über 2000 Franken. Damit komme er durch. Scott muss auch noch Alimenten-Schulden abzahlen. Nun kommt zu seinen Sorgen eine Anklage wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung dazu. «Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft finde ich happig», sagt er. Er habe die Installation der Seilrolle 1:1 übernommen. Mit einem Mauskabel und einem Lineal führt er dem Gericht vor, wie er eine Seillasche geformt hat, an der er den Haken der Rolle eingefädelt hat. Der Zeuge sagt aus, nach Scott habe niemand etwas gemacht.

Aaron, das Opfer, ist heute arbeitslos. Nach dem Unfall habe er noch drei bis vier Monate weitergearbeitet, dann gekündigt. Scott sei auf der Baustelle Chef gewesen. «Auf der Baustelle sind wir normalerweise wie eine Familie. Wir schauen zueinander», sagt er und klingt enttäuscht. Das Schlimmste für ihn: «Niemand hat ‹Vorsicht› gesagt.» Die Behauptung von Scott, er sei an diesem Tag nicht Chef gewesen, tut Aarons Verteidiger als Schutzbehauptung ab.

Das Urteil erklärt den Vorfall zum Unfall. Doch Scott hat seine Sorgfaltspflicht verletzt und wird wegen fahrlässiger einfacher Körperverletzung zu einer bedingten Geldstrafe von 40 Tagessätzen à 50 Franken und einer Busse von 500 Franken verurteilt. Die Frage zur Helmpflicht hat das Gericht offengelassen, da die fehlenden Helme nicht zur Entstehung des Unfalls beigetragen haben.

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