Lenzburg
Prekäre Situation bei Sozialen Diensten: Lässt die FDP ihren eigenen Stadtrat hängen?

Die Freisinnigen in Lenzburg pochen auf Sparkurs. Doch die personelle Situation bei den Sozialen Diensten ist arg, es braucht mehr Mitarbeiter. Folgt die Partei ihrem Programm oder unterstützt sie ihren Stadtrat Andreas Schmid?

Ruth Steiner
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«Entweder arbeiten wir mit ihnen, um sie im Arbeitsmarkt zu integrieren oder wir bezahlen lange Jahre Sozialhilfe für sie»: Andreas Schmid, FDP-Stadtrat. (Archiv)

«Entweder arbeiten wir mit ihnen, um sie im Arbeitsmarkt zu integrieren oder wir bezahlen lange Jahre Sozialhilfe für sie»: Andreas Schmid, FDP-Stadtrat. (Archiv)

Sandra Ardizzone

Hat die Stadt Lenzburg in den letzten Jahren die Entwicklung bei den Sozialen Diensten verschlafen? Dieser Eindruck entsteht fast ein wenig, wenn Stadtrat Andreas Schmid (FDP) über die personelle Situation bei den Sozialen Diensten sprechen hört.

Im Ressort, das Schmid als neuer Stadtrat Anfang Jahr übernehmen musste, liegt offenbar vieles im Argen. Die Angestellten sind am Anschlag: Die Belastungsgrenze überschritten. Die Folge: Dossiers bleiben viele zu lange liegen, bis sie bearbeitet werden.

In den vergangenen Monaten hat der Stadtrat unter Schmids Leitung die Sozialen Dienste einer fundierten Analyse unterzogen und eine Bedarfsabklärung gemacht. Diese liegt nun vor. Und sie zeigt einen grossen Handlungsbedarf auf. Schmid hat dem Einwohnerrat die Resultate vorgestellt. Die Information fand im Hinblick auf die kommende Budgetsitzung Ende September statt. Dann muss der Einwohnerrat zusätzlich über eine Erhöhung des Stellenetats im Sozialamt befinden. Der stadträtliche Antrag verlangt eine Aufstockung um 295 Stellenprozent. Von bisher 11,20 auf 14,15 Stellen. Das entspricht einer Zunahme des Mitarbeiterstabes im Ressort um einen Viertel.

Bei den Sozialen Diensten sind die Fälle im zweistelligen Prozentbereich gestiegen

Seit 2013 ist die Bevölkerung in der Stadt Lenzburg um 23 Prozent gewachsen auf 10 500 Personen. Im gleichen Zeitraum haben sich auch die Fallzahlen bei den Sozialen Diensten im zweistelligen Bereich entwickelt. Zum Beispiel: Sozialfälle +62 Prozent, Asyl-/Flüchtlingssozialhilfe +513 Prozent, Kindes- und Erwachsenenschutzdienst (KESD) +36 Prozent, Alimentenwesen +29 Prozent, Immaterielle Hilfe + 71 Prozent.

Der grösste Handlungsbedarf besteht bei den Sozialdiensten und beim KESD. Die administrative Aufarbeitung ist nur ein Teil davon. Zusätzlich will man in Lenzburg in Begleit-, Förder- und Präventionsmassnahmen investieren. Fördern will man in Lenzburg zum Beispiel die soziale und berufliche Integration: So sollen beispielsweise junge Sozialhilfebezüger (im Alter zwischen 18 und 30, Trend steigend) enger betreut werden. Laut Michael Gruber, Leiter Sozialdienste, ist die Betreuung dieser Altersgruppe mit besonders hohem Aufwand verbunden. Es handle sich dabei meist Menschen, die nach der Schule keine Anschlusslösung gefunden haben. Ohne geregelten Tagesablauf würden mit der Zeit gar die Sozialstrukturen verloren gehen. «Die Menschen müssen zuerst lernen, dass man am Morgen aufsteht, wenn der Wecker läutet», so Gruber. Stadtrat Andreas Schmid hält dazu fest: «Entweder wir arbeiten mit ihnen, um sie im Arbeitsmarkt zu integrieren oder wir bezahlen lange Jahre Sozialhilfe für sie.» Auf die Länge komme das die Stadt teurer zu stehen.

Jedoch will man in Lenzburg nicht nur die Ausgaben besser in den Griff bekommen. Potenzial ist laut Schmid auch auf der Einnahmeseite vorhanden. So würden die Lebensbedingungen nach der Ablösung aus der
Sozialhilfe viel zu wenig auf mögliche Rückerstattungen überprüft. Ebenso fehlen die Kapazitäten, um eine allfällige Unterstützung durch andere Quellen (Familie/Sozialversicherung) abzuklären. (str)

Die politische Debatte dürfte spannend werden. Das grosse Interesse der Einwohnerräte am Anlass verwundert deshalb kaum. Mehr als die Hälfte der 40 Ratsmitglieder waren anwesend.
Die zentrale Frage bei den kommenden Diskussionen wird sein: Was macht Schmids Partei, die FDP? Schluckt sie die Kröte und heisst den Antrag des Stadtrates gut? Oder lässt sie ihren Parteikollegen, der das Dossier zu verantworten hat, hängen?

Zur Erinnerung: Kaum zehn Monate ist es her, seit die FDP an der letzten Sitzung im Jahr 2017 mit einer Motion zur «Gesundung des Finanzhaushaltes» von einem strukturellen Problem im städtischen Haushalt sprach und von einem möglichen Stellenabbau von 10 bis 15 Prozent. Mit 20 zu 16 Stimmen wurde die Motion nach langer und kontrovers geführter Diskussion verworfen. Schmid, damals frisch gewählter Stadtrat, enthielt sich dabei der Stimme. Andreas Schmid, im Beruf als Leiter der Sozialhilfe des Kantons Solothurn tätig, dürfte sich schon damals der Brisanz der Sache bewusst gewesen sein. Tatsächlich hat er denn auch schon im Frühling, nur wenige Monate nach Amtsantritt, in dieser Zeitung auf die unhaltbaren Zustände bei den Sozialen Diensten wegen mangelnder personeller Ressourcen bei den Sozialen Diensten hingewiesen und Handlungsbedarf angekündigt.

Im Vergleich mit andern Städten im Kanton Aargau schwingt Lenzburg mit den Fallzahlen obenaus (siehe unten). Der Personalbedarf in diesem Ressort ist unbestritten. Es ist kaum damit zu rechnen, dass der Einwohnerrat das Geschäft grundsätzlich ablehnen wird. Denkbar ist hingegen, dass die Sparfraktion im Rat vom bestehenden Stellenetat nicht abweicht, und am 27. September beantragt, dass die Ressourcen bei den Sozialen Diensten über eine Umverteilung geschaffen werden müssen.

Stellenschlüssel der Sozialen Dienste im Vergleich

Soziale Dienste Gemeinde Fälle pro 100 Stellenprozent (Quelle: Stadt Lenzburg)

  • Lenzburg 132,50
  • Aarau 98,25
  • Reinach-Menziken 92,25
  • Wettingen 86,25
  • Zofingen 76,25

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