Kolumne
Unser Gesundheitssystem, ein Notfall?

Klinikgründer Felix Bertram warnt vor den Folgen des Zulassungsstopps für Ärzte – und blickt dafür nach Deutschland.

Felix Bertram*
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In der Hoffnung, dass die Pandemie passé ist, blicken wir einer ganzen Reihe neuer Schrecken ins Gesicht. Ukraine-Krieg, Energiekrise, Inflation, Lieferketten und Fachkräftemangel. Für uns als Dienstleister in der Gesundheitsbranche sind diese Entwicklungen Anlass zur Sorge. Zumindest habe ich die Hoffnung, dass die meisten dieser Probleme lediglich für eine absehbare Zeit andauern werden. Eines wird uns aber noch länger begleiten: der Fachkräftemangel.

Alleine die demografische Entwicklung verheisst nichts Gutes und wer rechnen kann weiss, dass gerade im Gesundheitswesen bereits in wenigen Jahren immer weniger Ärzte und Pflegekräfte einer immer grösseren Anzahl alter und kranker Menschen gegenübersteht. Schon heute finden viele Menschen – gerade in ländlichen Gebieten – keinen Hausarzt mehr. Und ein grosser Teil der heute noch tätigen Hausärzte wird altershalber die Tätigkeit in den nächsten fünf Jahren einstellen.

Zur Person

Felix Bertram ist Arzt und Unternehmer. Der Gründer der «Skinmed»-Kliniken für Dermatologie und Plastische Chirurgie führt seit kurzem in Lenzburg das mit zwei Michelin-Sternen dekorierte Restaurant Skin's.
Felix Bertram ist Arzt und Unternehmer. Der Gründer der «Skinmed»-Kliniken für Dermatologie und Plastische Chirurgie führt seit kurzem in Lenzburg das mit zwei Michelin-Sternen dekorierte Restaurant Skin's.

Und in diese Entwicklung hinein hat die Politik als Massnahme zur Kostendämpfung den Arztmarkt nahezu eingefroren. Vom Bund vorgegeben sind die Kantone gerade dabei, die Zulassung von Ärzten deutlich einzuschränken. Eine Berufsausübungsbewilligung mit Zulassung zur OKP – was bedeutet, dass der Arzt berechtigt ist, mit den obligatorischen Krankenkassen abzurechnen – bekommt zukünftig nur noch, wer drei Jahre an einer Schweizer Weiterbildungsstätte war. Weiterbildungsstätten sind im Grunde ausschliesslich Spitäler mit der Berechtigung zur Ausbildung von Ärzten. Spitäler – wie auch unseres in Lenzburg – sind vorerst zum Teil vom Zulassungsstopp ausgenommen, allerdings brauchen auch hier die leitenden Ärzte künftig eine Zulassung.

Überspitzt kann man sagen, dass nur noch Ärztinnen oder Ärzte, die in der Schweiz ihre Ausbildung gemacht haben, später eine Chance haben, sich in einer Praxis niederzulassen. Aber: Die Schweiz bildet in den meisten Fachgebieten einfach viel zu wenig Ärzte aus. Hinzu kommt innerhalb der Medizin ein starker Trend zu Feminisierung, im Medizinstudium und in vielen Fachbereichen sind Frauen bereits die Mehrheit – bekanntermassen verlässt ein Grossteil den Arbeitsmarkt wieder zur Familienplanung und kehrt nur selten Vollzeit zurück. Zudem besteht heute geschlechtsübergreifend die Tendenz zur Teilzeitarbeit – auch im Gesundheitswesen. Und schliesslich bleiben die meisten Fachärzte in den Grossstädten, haben sie dort doch an den Unispitälern ihre Ausbildung absolviert und sind sozial eingebunden. Es war für uns schon immer schwierig, Ärzte zu finden, die bereit waren, im Aargau zu arbeiten oder gar herzuziehen.

In den letzten Jahren haben wir sehr viel entwickelt, um ein interessanter Arbeitgeber zu sein. Es mangelt uns aktuell nicht an qualifizierten Bewerbern, aber wir können sie zum grossen Teil ausserhalb des Spitals Lenzburg nicht anstellen, weil viele dieser Ärzte zwar in der Schweiz gearbeitet haben, nicht aber an einer Schweizer Weiterbildungsstätte. Auch unsere Kantonsspitäler werden mit ihren ambulanten Aussenstandorten in dieses Problem geraten und unter Umständen freie Stellen nicht mehr besetzen können.

Lange wird das so nicht funktionieren. Ohne Ärzte können Praxen nicht existieren und erste Praxen müssen bereits temporär schliessen, weil Ärzte fehlen. Die Prognose ist für mich ziemlich klar: Zunächst werden die Wartezeiten länger und Patienten werden vermehrt den Notfall im Spital aufsuchen müssen, auch dieses Phänomen ist bereits erkennbar. Kostensparend ist das sicher nicht. Im weiteren Verlauf werden zunehmend Praxen schliessen oder zumindest ihre Öffnungszeiten einschränken. Wenn langfristig die Wartezeiten auf einen Arzttermin immer weiter steigen, wird sich zwangsläufig ein Parallelmarkt entwickeln, wie das in Deutschland bereits in vielen Fachrichtungen üblich ist: Wer die langen Wartezeiten nicht akzeptieren möchte, wird zu einem Arzt gehen, der seine Dienstleistung privat anbietet und abrechnet, ausserhalb der obligatorischen Krankenversicherung. Das ist nämlich nach wie vor für jeden Arzt mit einem in der Schweiz anerkannten Arztdiplom möglich – ohne OKP-Zulassung.

Das würde dann in der Tat bei den Krankenkassen zur Kostensenkung führen, dafür aber auf dem Buckel der Patienten ausgetragen. Anders ausgedrückt führt es in die Zwei-Klassen-Medizin. Wer es sich leisten kann, zahlt seinen Arzt selber (zumindest kleinere ambulante Angelegenheiten) und wer nicht, muss halt lange auf einen Termin warten oder in den Notfall gehen. Ob wir diesen Weg gehen wollen? Die Konsequenzen trägt mal wieder wie so oft der Bürger.