Lenzburg/Möriken-Wildegg
Integrationsprojekt: Zwei Frauen, zwei Kulturen, aber ein Ziel

Eine tibetische Flüchtlingsfrau findet in der Schweiz ein neues Zuhause. Schon bald will sie ihren Lebensunterhalt selber verdienen. Eine Schweizer Patin vom Freiwilligen-Projekt «Mit Deutsch unterwegs» der Caritas Aargau unterstützt sie dabei.

Ruth Steiner
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Jangchup (links) zeigt ihrer Patin Divina Galliker eine tibetische Gebetsfahne. Diese sind im Tibet weit verbreitet und sollen Gebete und gute Wünsche in die ganze Welt hinaustragen. Sandra Ardizzone

Jangchup (links) zeigt ihrer Patin Divina Galliker eine tibetische Gebetsfahne. Diese sind im Tibet weit verbreitet und sollen Gebete und gute Wünsche in die ganze Welt hinaustragen. Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

Blickt Jangchup (sprich Tschantschup) aus dem Fenster ihrer kleinen 2,5-Zimmer-Wohnung im 8. Stock eines Mehrfamilienhauses in Wildegg, geniesst sie bei schönem Wetter einen traumhaften Weitblick bis hin zum Jura-Höhenzug. Manch einer würde sie um dieses Panorama wohl beneiden. Nicht aber um ihr Schicksal.

Jangchup musste aus ihrer Heimat, dem Tibet, flüchten. Das war 2012. Dass die mittlerweile 39-Jährige in der Schweiz Zuflucht gefunden hat, ist kein Zufall. Sie wollte zu ihrem Mann Tseten. Er hatte das Land schon einige Jahre früher hatte verlassen müssen und in der Schweiz Asyl erhalten. Wenig später wurde die Situation in der Heimat auch für Jangchup unhaltbar.

Caritas-Projekt: Mit Deutsch unterwegs

Viele fremdsprachige Personen besuchen einen Deutschkurs. Doch die Sprache lernen und vertiefen können sie vor allem durch das Anwenden im Alltag. Das Projekt «Mit Deutsch unterwegs» der Caritas Aargau setzt dort an, wo der Deutschunterricht aufhört: Eine fremdsprachige Person trifft sich regelmässig mit einer/einem Deutsch sprechenden Freiwilligen zur Konversation selbstverständlich in deutscher Sprache.

Nebst der Förderung der Sprachkompetenz dient das Patenprojekt jedoch auch der gesellschaftlichen Integration von Migrantinnen und Migranten. Die Anforderungen an Patinnen und Paten sind laut Aurélie Payrastre, Leiterin der Fachstelle Freiwilligenarbeit bei der Caritas Aargau, die folgenden: «Offenheit und Geduld, aber auch die Fähigkeit, sich wenn nötig abzugrenzen.» Die Freiwilligen verpflichten sich, einen Klienten für eine Dauer von mindestens sechs Monaten (mit einer Probezeit) zu begleiten.

Vorgesehen sind mindestens zwei persönliche Treffen pro Monat: Das kann ein Spaziergang sein, das Studieren des Fahrplans für öffentliche Verkehrsmittel, ein Bibliotheksbesuchen. 15 solche «Sprach-Tandems» sind derzeit im Aargau unterwegs. Ihre Erfahrungen tauschen sie regelmässig mit der Caritas-Verantwortlichen aus. Wer gerne eine Patenschaft übernehmen möchte, meldet sich bei Aurélie Payrastre, Fachstelle Freiwilligenarbeit, ap@caritas-aargau.ch, Telefon 062 837 07 42. (str)

Dass politische Gründe das Ehepaar aus ihrer Heimat vertrieben, liegt auf der Hand. Darüber sprechen möchte Jangchup nicht. Sie sagt nur soviel: «Ich bin dankbar, dass ich jetzt in einem Land bin, in dem die Menschenrechte respektiert werden.» Zum Gespräch serviert sie Changamon und Bakley. Das ist süsser Tee, für die Schweizer Gäste extra leicht gezuckert, und traditionelles Fladenbrot. Dieses kommt bei ihr täglich auf den Tisch, auch in der Schweiz.

Im kleinen Wohnzimmer ist der Spagat zwischen der Heimat und dem heutigen Zuhause augenscheinlich: Die tibetische und schweizerische Nationalflaggen hängen prominent an den Wänden. In einem offenen Schrank hat die gläubige Jangchup einen Altar aufgebaut: Mit Wasser gefüllte Messingbecher, Kerzen, Gebetsfahnen sind alles wichtige Utensilien fürs tägliche Gebetsritual. Jangchups Verehrung für Dalai Lama ist gross, sie spricht mit viel Respekt von «Seiner Heiligkeit».

Sprachkenntnisse optimieren

Nach Jahren in Durchgangsheimen und Asylunterkünften, sind sie und ihr Mann seit letztem Sommer in Möriken-Wildegg daheim. Jangchup hat sich selber auf einschlägigen Websites schlau gemacht und ist so auf die Wohnung gestossen. Möbliert ist sie mit einfachen Stücken aus der Brockenstube. Das meiste hat sie selber gemacht, dabei geholfen haben ihr vor allem ihre schon guten Deutschkenntnisse.

Seit die Tibeterin in der Schweiz angekommen ist, kennt sie vor allem eine Beschäftigung: Die deutsche Sprache erlernen. Zuerst hat sie sich mit dem Alphabet vertraut gemacht, dann einen Deutschkurs für Asylsuchende besucht und seither geht sie in eine Sprachschule. Dazu liest sie praktisch alles, was ihr in die Hände kommt, informiert sich in der Wochenzeitung darüber, was in der Region passiert. Das Wörterbuch ist dabei ihr ständiger Begleiter geworden. Jeder unbekannte Begriff wird sofort nachgeschlagen.

Die Tibeterin tut dies mit grosser Freude, wie sie sagt. Und mit einem klaren Ziel vor Augen. «Ich möchte arbeiten», sagt sie. Der kürzlich erhaltene Status F als vorläufig aufgenommener Flüchtling öffnet ihr die Pforte zum Arbeitsmarkt in der Schweiz. Nun hofft sie, dass auch die Sprachkenntnisse ausreichen für den Pflegekurs, den sie ins Auge gefasst hat.

Ersatzfamilie mildert Leid

«Jangchup ist sehr fleissig. Die Hausaufgaben macht sie immer sofort, wenn es sein muss, sitzt sie auch noch nach Mitternacht über den Büchern», unterstreicht Divina Galliker die Ambitionen ihres Schützlings. Die zwei Frauen kennen sich erst seit wenigen Monaten. Zusammengeführt hat sie das Freiwilligenprogramm «Mit Deutsch unterwegs» der Caritas Aargau.

Seitdem ist Divina Galliker Patin der Tibeterin. Sie unterstützt Jangchup bei der sozialen Integration, hilft ihr bei Behördengängen, geht mit ihr spazieren. Ausschlaggebend für Gallikers Engagement war die Begegnung mit Menschen aus einem andern Kulturkreis, ohne dabei eine weiter Reise unternehmen zu müssen. Weil es zwischen den beiden Frauen sozusagen sofort «gefunkt» hat, ist schon in kurzer Zeit mehr geworden daraus. Bereits hat man sich kulinarisch ausgetauscht: Die zwei Tibeter haben das Schweizer Raclette kennengelernt und Gallikers wurden mit selbst zubereiteten tibetischen Köstlichkeiten verwöhnt. Für Divina Galliker geht das freiwillige Engagement sogar soweit, dass sie sagt: «Meine beiden Kinder und ich sind hier für Jangchup und ihren Mann ein wenig Familie.» Zumindest so gut eine Ersatzfamilie eben funktionieren kann.

Während Gallikers Worte bricht die Tibeterin nämlich in Tränen aus. Auch sie ist Mutter. Ihre drei damals noch minderjährigen Kinder musste sie im Tibet in der Obhut ihrer Schwiegereltern zurücklassen. «Ich vermisse meine Kinder sehr», gesteht Jangchup und senkt den Kopf, das lange dunkle Haar fällt ihr ins Gesicht. Ihre Patin legt ihr einen kurzen Moment mitfühlend den Arm um die Schultern.

Weg von der Sozialhilfe

Diese Patenschaft ist nicht wie jede andere, auch für Aurélie Payrastre, Projektleiterin der Caritas Aargau hat sie einen speziellen Charakter: «Grundsätzlich ist es so, dass die Freiwilligen unseren Klienten helfen, in der Schweiz erste Wurzeln zu schlagen. Wenn daraus gar Freundschaften entstehen, ist das zwar sehr schön, muss jedoch nicht sein.»

Schritt für Schritt tastet sich Jangchup im Integrationsprozess vorwärts. «Ich denke positiv. Das gibt mir Kraft, den nicht immer einfachen Alltag zu bewältigen. Und an die Zukunft zu glauben.» Und daran, ihre Kinder dereinst wieder in die Arme schliessen zu können. Vorerst wäre sie glücklich, nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig sein zu müssen, auf eigenen Füssen zu stehen und eine Arbeit zu finden. Sie sagt: «Ich würde am liebsten ältere Menschen betreuen.» Der angestrebte Pflegekurs ist der erste Schritt dazu.

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