Rolf Schäuble
Ex-Baloise-Chef über Lenzburger Bauboom: «Der Druck der Grundeigentümer war zu gross»

Rolf Schäuble über den Bauboom in Lenzburg und seinen Traum von 100 Prozent Steuern.

Urs Helbling
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Rolf Schäuble: «In Lenzburg ist man von einer ganz tiefen Zufriedenheit besessen, es war immer so und wird immer so bleiben.»
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Rolf Schäuble
Rolf Schäuble: «In Lenzburg ist man von einer ganz tiefen Zufriedenheit besessen, es war immer so und wird immer so bleiben.»

Rolf Schäuble: «In Lenzburg ist man von einer ganz tiefen Zufriedenheit besessen, es war immer so und wird immer so bleiben.»

Sandra Ardizzone

Herr Schäuble, Sie sind 2003 vom steuergünstigeren Staufen nach Lenzburg an den Gofihang gezogen. Würden Sie das heute wieder tun?

Rolf Schäuble: Auf jeden Fall. Wir fühlen uns wohl da, haben es gut mit unseren Nachbarn. Das Grundstück hat uns schon immer extrem gefallen – und wir wussten, dass dereinst in der Widmi gebaut wird. Allerdings nicht wie und in welchem Tempo.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie heute durch Lenzburg laufen?

Es entstanden schönere und weniger attraktive Überbauungen. Es ist gut und wichtig, dass man die Altstadt pflegt. Aber dem übermässigen Schutz bis hin zu Innenräumen kann ich nichts abgewinnen. Da geht der Heimatschutz zu weit.

Und die neueren Quartiere?

Es gibt welche, die mir ganz gut gefallen: Etwa der vordere Teil der Ammerswilerstrasse oder der Florapark.

Nach der intensiven Bauphase haben viele Lenzburger eine wachstumskritische Grundhaltung. Hätten die Behörden das rasante Wachstum verhindern oder bremsen sollen?

Ja. Offensichtlich aber war im Fall der Widmi der Druck der Grundeigentümer, endlich mit den Bauarbeiten zu beginnen, zu gross. 2004 habe ich, zusammen mit drei andern Persönlichkeiten, ein Papier über die Entwicklung von Lenzburg und der Widmi erarbeitet. Wir haben es dem Stadtrat geschickt – und nie eine Antwort erhalten. Man hielt einfach am ursprünglichen Plan, Wohnraum für 1000 bis 1200 Personen zu schaffen, fest.

Aber aus der Bevölkerung gibt es Reaktionen auf Ihre Stellungnahmen?

Ich werde oft angesprochen, bekomme Mails, handgeschriebene Briefe. Viele trauen sich nicht, sich zu exponieren, wissen nicht, wie sie es tun müssten, oder haben nicht die finanziellen Mittel, etwa einen Anwalt beizuziehen.

Erfolgreicher Manager

Rolf Schäuble (73) prägte während 17 Jahren (bis 2011) als Präsident die Geschicke des Versicherungskonzerns Bâloise. Er ist in Aarau aufgewachsen – als Sohn eines Coiffeurmeisters. Seine Frau stammt aus Buchs. Die Familie lebte 20 Jahre in Staufen. 2003 zügelte das Ehepaar Schäuble nach Lenzburg.

Umso wichtiger wäre die politische Führung ...

... sie müsste dem Stimmbürger klarmachen, was die Konsequenzen sind. Nehmen wir wieder das Beispiel Widmi: Ehemalige Stadt- und Einwohnerräte sagen mir immer wieder, auch sie seien von der Entwicklung überrannt worden. Jetzt steht das Quartier – aber die Verkehrsfrage ist nicht geregelt. Diese hätte doch zuerst angegangen werden müssen.

Sie fordern seit Jahren ein qualitatives Wachstum. Was meinen Sie genau damit?

Die Grundlage eines Gemeinwesens sind die Steuereinnahmen. Ein qualitatives Wachstum haben wir dann, wenn einerseits die Bevölkerung in einem vernünftigen Rahmen wächst und andererseits potente Steuerzahler zuziehen. Eine Handvoll guter Steuerzahler kann viele Dutzend andere Steuerzahler mittragen – ohne gross die Infrastruktur zu belasten.

Und die Durchmischung bei der Bevölkerung?

Wir müssen uns die Frage stellen: Was wollen wir für Leute? Ein Beispiel: ‹Im Lenz› ist eine Überbauung, die sich wegen ihrer Bahnhofsnähe vor allem an Pendler richtet. So etwas braucht es selbstverständlich auch. Aber fühlen sich diese Leute mit Lenzburg verbunden, nehmen sie am gesellschaftlichen Leben teil? Personen, die aus reinen Pendlergründen und wegen des vergleichsweise tiefen Mietzinses zuziehen, engagieren sich in der Regel nicht an ihrem Wohnort.

Der Steuerfuss ist in Lenzburg mit 108 Prozent bereits relativ hoch. Wegen des Wachstums kommen grosse Infrastrukturaufgaben auf die Stadt zu. Sehen Sie eine Chance, dass eine Steuerfusserhöhung verhindert werden kann?

Ehrlich gesagt – nein. Es wird zusätzliche Aufgaben geben. Auch im sozialen Bereich.

Hängt das auch damit zusammen, dass Behörden tendenziell lieber Geld ausgeben als sparen?

Das ist kein Lenzburger Phänomen. Das gilt generell. Politiker versprechen dem Volk etwas – und das kostet immer.

Im Gegensatz zu Versprechen scheinen Diskussion über strategische Fragen der Zukunft unter Politikern nicht sehr beliebt zu sein.

Genau so ist es. Ich argumentiere wieder mit dem Beispiel Widmi. Ich habe 2008 eine Einsprache gegen den Gestaltungsplan gemacht. Ich bemängelte die ungenügende Erschliessung für den motorisierten Verkehr und forderte – als überzeugter Freisinniger – eine Umweltverträglichkeitsprüfung.

Und?

Der Stadtrat wollte davon nichts wissen. Im Verlaufe der Gespräche habe ich gemerkt, dass ich extrem störe. Der Druck, jetzt endlich mit dem Bau zu beginnen, war so gross, dass ich als Verhinderer in die Geschichte eingegangen wäre, der dem Lenzburger Gewerbe und Unternehmertum Chancen verbaut. Das will ich natürlich nicht. Darum habe ich die Einsprache dann zurückgezogen – und die Sache war für den Stadtrat gelaufen. Ich bin bis heute überrascht, dass sich Links-Grün städteplanerischer Fragen kaum annimmt.

Ende 2016 hätte die funktionale Studie für den Bahnhof-Neubau vorliegen sollen. Es gibt sie ein halbes Jahr später noch immer nicht. Machen die Lenzburger Behörden bei den SBB und dem Bund zu wenig Druck?

Mit dem Bahnhof müsste etwas gehen. Wenn man zu Stosszeiten ein oder aussteigt, ist es bedrohlich. Es braucht noch mehr Druck – das ist überhaupt keine Frage.

Würden Sie sich eine raschere Realisierung des A1-Zubringers wünschen?

Unbedingt. Der Verkehr nimmt laufend zu – das ist eine Tatsache.

Der Lenzburger Wahlkampf verläuft überraschend ruhig.

Immerhin habe ich jetzt ein Plakat gesehen ... Es stimmt: Auf der sachlichen Ebene geht nichts, wird kaum diskutiert. In Lenzburg ist man von einer ganz tiefen Zufriedenheit besessen, es war immer so und wird immer so bleiben.

Auf dem Papier hat es sowohl im Stadt- als auch im Einwohnerrat eine bürgerliche Mehrheit. Befürchten Sie eine Verschiebung Richtung Rot-Grün, wie es in vielen anderen Städten bereits der Fall ist?

Nein. Ich gehe davon aus, dass die Koalition FDP/SVP ihre drei Kandidaten in den Stadtrat bringt. Das Gremium dürfte in bürgerlicher Hand bleiben – was aber nicht heisst, dass es besser wird.

Warum?

Wenn ein Bürger sich entschliesst, Politiker zu werden, beginnt er eine andere Haltung einzunehmen. Und er kommt unter Druck, seine jungspundlichen Ideen zu begraben. Er ist rasch da, wo der Mainstream ist.

Haben Sie nicht manchmal Lust, sich aktiv am kommunalpolitischen Leben zu beteiligen?

Dafür bin ich zu alt. Wenn schon hätte ich in früheren Jahren in die Politik einsteigen sollen. Auf kantonaler oder eidgenössischer Ebene. Ich war während vieler Jahre in diversen Gremien, etwa dem Vorstand des Vororts, heute Economiesuisse, oder amtete als Präsident des Schweizerischen Versicherungsverbandes.

Was wäre Ihr grösster Wunsch an die Lenzburger Stadtregierung?

Der Steuerfuss ist der Treiber der Politik. Es müsste ein mittelfristiges Ziel sein, ihn auf 100 Prozent zu senken. Darauf müsste man alle Überlegungen und Massnahmen ausrichten.