Lenzburg
Ein Patron der alten Schule: Robert Baumann, der Vater der Lenzburger Lichtspiele

Robert Baumann führte das Lenzburger Kino Löwen zum Erfolg und baute den «Urban» nach Zürcher Vorbild. André Baumann junior führt jetzt in der vierten Generation sein Wirken fort. Viele Stammkunden kämen «wegen des speziellen Charmes».

Janine Gloor
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Robert Baumann, der Vater der Lenzburger Lichtspiele.
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Unterhaltung und Zerstreuung: Kino Löwen im AZ-Archiv
Robert Baumann, der Vater der Lenzburger Lichtspiele.

Robert Baumann, der Vater der Lenzburger Lichtspiele.

Über dem Eingang des Kinos Löwen wacht – wie könnte es anders sein – ein goldener Löwe. Doch er war ursprünglich kein Lichtspiel-Löwe, sondern zeigte an, dass sich hier der Gasthof Löwen befand. Doch dann, vor genau hundert Jahren, passierte hier etwas, das zuvor weder der Löwe noch die anderen Lenzburgerinnen und Lenzburger gesehen hatten. In das alte Haus zuoberst in der Rathausgasse wurde ein Kino eingebaut: die «Löwen-Lichtspiele». Gründer war Eugen Sterk, der aus einer Kino-Familie stammte. Sein Onkel Jean Speck hatte in Zürich 1912 die Palace Lichtspiele eröffnet, das erste exklusiv auf Film spezialisierte Lichtspieltheater. Mit mehreren Kinos und einem eigenen Filmverleih hatte Jean Speck das erste Kino-Imperium der Schweiz geschaffen. Seinen Neffen Eugen zog es westwärts, nach dem «Löwen» in Lenzburg eröffnete er das «Odeon» in Brugg.

Aber es war nicht Eugen Sterk, der die Lenzburger Kinolandschaft massgeblich prägen sollte. Er liess sich schon bald in Baden nieder und gründete ein neues Imperium mit Kinos in Baden und Wettingen, die seine Nachfahren bis heute führen.

Der Mann, der in Lenzburg 1927 das Kino Löwen übernahm, hiess Robert Baumann-Furter. Aufgewachsen auf dem Wannenhof in Gontenschwil, angestellt als Chef-Buchhalter in der Hero in Lenzburg. Baumann kaufte das Kino mitsamt der Liegenschaft. Zur richtigen Zeit, nämlich als der stumme Film zu tönen begann. Der Quereinsteiger investierte in den Einbau der nötigen Anlagen; die Zuschauer genossen diese neue Art von Unterhaltung.

Es wird gebaut

Robert Baumann war el. Einer, der seine Familie gern um sich hatte. Anfangs wohnte er mit seiner Frau Adèle und den Kindern André und Meta im gleichen Haus wie das Kino. Das Geschäft lief gut. Robert Baumann kümmerte sich persönlich um die Kundschaft. «Ich erinnere mich, wie er jeweils bei der Tür stand und die Zuschauer mit Handschlag begrüsste», erinnert sich Michèle Dubler, eine Enkelin des Kino-Patrons, die heute in Genf lebt. Ein grosszügiger und stets ruhiger Mann sei er gewesen, ihr Grossvater.

Es blieb nicht beim Kino Löwen. 1947 kaufte Robert Baumann das Ökonomiegebäude der Bleiche, riss es ab und baute das Kino Urban. Noch heute steht der wuchtige Bau am Bleicherain und besticht mit seiner prägnanten Architektur und dem nostalgischen Leuchtschriftzug. Was wenige wissen: Das Lenzburger Kino Urban war eine Kopie im kleineren Massstab des Kinos Urban in Zürich. Dieses befand sich am Bellevue, wo heute die Coop-City-Filiale steht. 1948 ging das Kino Urban in Lenzburg mit rund 500 Plätzen in Betrieb. Der Fortschritt war in Lenzburg angekommen. Robert Baumann war stets darum bemüht, dass seine Kinos mit der neusten Technik ausgerüstet waren. Schon 1956 musste die Urban-Bühne zum ersten Mal umgebaut werden, als das breite Cinemascope-Format Einzug hielt.

Ebenfalls Anfang der 50er-Jahre zog die Familie Baumann aus der «Löwen»-Liegenschaft aus. Der Patron hatte an der Neumattstrasse ein Vierfamilienhaus gebaut, wo er mit seinen Kindern und Kindeskindern wohnte. Michèle Dubler erinnert sich: «Jeden Abend um 18.30 Uhr versammelten sich alle in der Stube und besprachen den Abend.» Dann ging es los, in den «Löwen» oder den «Urban», ins Kassenhäuschen oder den Projektorraum. Um 20 Uhr begann die Vorstellung. Die Kinder mussten deshalb immer früh ins Bett. «Dafür wurden wir in der Schule ausgelacht», sagt Dubler. Als sie älter war, lachte niemand mehr. Dann hofften die Gspänli, dass sie auserkoren wurden, um sich mit Michèle im Kino einen Film anzusehen.

Die 50er-Jahre waren nicht nur an der Neumattstrasse eine Zeit des Wachstums, sondern auch im «Löwen». 1954 kaufte Robert Baumann die Nachbarliegenschaft, wo sich damals ein Gemüseladen befand. Dank des zusätzlichen Platzes konnte Baumann das Kino Löwen um ein Foyer im typischen Stil der 50er-Jahre ergänzen. Und es wurde auch expandiert: Zu den beiden Kinos in Lenzburg kam ein weiteres in Seengen dazu. Doch dieses überlebte nicht. Die Lage neben dem Hotel Hallwyl sei nicht ideal gewesen, sagt Michèle Dubler. Zudem habe es zu wenig Parkplätze gegeben. In der Stadt dagegen lief das Geschäft mit den Lichtspielen gut.

Ein Familienbetrieb bis heute

1964 verstarb Robert Baumann. Eine traurige Zeit für die Familie, an deren Spitze er so lang privat und beruflich gestanden hatte. Drei Jahre später folgte ihm seine Ehefrau Adèle. Das Kino blieb ein Familienunternehmen, von Robert Baumanns Nachkommen weitergeführt. 1972 trennten sich die Wege der Geschwister. Sohn André verstarb mit nur 53 Jahren 1975. Von da an lagen die Geschicke des Unternehmens in den Händen von Marie Baumann-Härry und den Kindern Sonja und André. 1977 kam Madeleine Baumann-Kohler aus Lenzburg durch die Heirat mit André Baumann zum Kino.

Mit André Baumann junior ist nun die vierte Generation am Wirken. Obwohl Technik und Bestuhlung in den Kinos stets an den neusten Stand angepasst wurden, fühlt man sich in den jeweiligen Foyers und Sälen um ein paar Jahrzehnte zurückversetzt. Und genau das wird geschätzt. «Wir haben viele Stammkunden, die wegen des speziellen Charmes unserer Kinos nach Lenzburg kommen. Ein urbanes Theater-Feeling!», sagt André Baumann. Das Geschäft mit den Kinos ist nicht immer einfach. Doch die Nachfahren von Robert Baumann führen sein Werk entschlossen weiter.

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