Birrwil
Der Bahnhofs-Schuppen erstrahlt in neuem Glanz – aber nur auf drei Seiten

Die Fassade des Stationsschuppens wurde nur auf drei Seiten neu angestrichen. Die SBB erklärt diesen Zustand mit Spar- und Sicherheitsgründen. Dies ist nicht das erste Mal, dass der Bahnhof Birrwil die Gemüter bewegt.

Fritz Thut
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Das zweifarbige Stationsgebäude in Birrwil mit der ungestrichenen, hellbeigen Fassade Richtung Bahngleis. Daniel Ammann/www.seetalkroki.ch

Das zweifarbige Stationsgebäude in Birrwil mit der ungestrichenen, hellbeigen Fassade Richtung Bahngleis. Daniel Ammann/www.seetalkroki.ch

Immer wieder liefert der Birrwiler Bahnhof Gesprächsstoff. Aktuell präsentiert sich das ehemalige Stationsgebäude zweifarbig: Die SBB Immobilien liessen die Fassade neu streichen.

Seit letzter Woche präsentiert sich der Schuppen auf drei Seiten in einem schönen Haselnussbraun. Die vierte Seite, Richtung Gleise, blieb unbearbeitet und bildet nun mit ihrer hellbeigen Farbe einen deutlichen Kontrast zum Rest des Hauses.

Für Daniel Ammann aus Schafisheim, der auf seiner Internetseite www.seetalkroki.ch die Geschichte der Seetalbahn von der Gründung bis heute akribisch nachzeichnet, handelt es sich beim zweifarbigen Bahnhöfli um einen «Schildbürgerstreich»: «Es sieht zum Heulen aus», liess der Seetalbahnhistoriker die az wissen.

Spar- und Sicherheitsgründe

Es ist nicht so, dass den SBB die Farbe ausgegangen wäre: «Die gleisseitige Fassade wurde einerseits aus Kostengründen, andererseits aus dem Sicherheitsaspekt nicht neu gestrichen», beantwortet die SBB-Pressestelle eine entsprechende Frage.
Die hellbeige gebliebene Wand grenzt unmittelbar ans westliche Gleis des Bahnhofs Birrwil.

Hätte man die Maler auch hier wirken lassen wollen, «müssten die Fahrleitungen ausgeschaltet und Ersatzbusse organisiert werden», so die SBB. Die Frage, ob die Situation so bleibt und Birrwil mit dem zweifarbigen Bahnhof eine dauernde «Touristenattraktion» erhält, blieb von den SBB unbeantwortet; die entsprechende Auskunftsperson weilt bis Mitte Monat in den Ferien.

Volk war 2003 für den Abriss

Die aktuelle Seldwylerei fügt sich nahtlos in zahlreiche Streitereien ein, die der Birrwiler Bahnhof in diesem Jahrhundert schon ausgelöst hat. Im Rahmen der Gesamtsanierung der Seetalbahn stand die künftige Ausgestaltung des aus dem Jahr 1883 stammenden Stationsgebäudes zur Diskussion.

Die SBB hatten ursprünglich dazu tendiert, das alte Gebäude durch einen modernen Normbahnhof zu ersetzen. Dies rief die kantonale Denkmalpflege auf den Plan, was zu einer Kompromisslösung führte, die bis heute niemand befriedigt.
2003 gingen die Wellen besonders hoch.

Als die SBB die Baumaschinen auffahren liessen und sogar die grosse Kastanie beim Bahnhof fällten, sorgte dies für Empörung und provozierte einen vom Gemeinderat verfügten Baustopp. An der Gemeindeversammlung wurde konsultativ ohne Gegenstimme für den Abbruch des «nicht mehr ansehnlichen Holzbahnhofs» plädiert.

Auch dem Verkehrsverein war «der baufällige und funktionslose Überrest des alten Bahnhofgebäudes» ein Dorn im Auge. In einer von 170 Personen unterschriebenen Petition an den Regierungsrat wurde der Bahnhof als «Schandfleck in der aargauischen Visitenstube» bezeichnet.

Im September 2003 entschied sich die Rekurskommission des Eidgenössischen Verkehrsdepartementes für die Erhaltung des «hölzernen Aufnahmegebäudes». Der Gemeinderat verzichtete auf den Weiterzug ans Bundesgericht.

Bahnhof Birrwil im Jahr 1908 – noch ohne Holzverkleidung. zvg/Daniel Ammann

Bahnhof Birrwil im Jahr 1908 – noch ohne Holzverkleidung. zvg/Daniel Ammann

zvg/Daniel Ammann

Der letzte Bahnhof seiner Art

Der Kern des Birrwiler Bahnhofs stammt aus der Gründerzeit der Seetalbahn. Gemäss Sammler Daniel Ammann wurden die Schalter am 15. Oktober 1883 erstmals geöffnet. Die ursprüngliche Architektur war von den englischen Geldgebern der Lake-Valley-Railway vorgegeben worden: Von Holzbalken eingefasste Backsteinmauern umrahmten den Schalter, den Warteraum und die Güterexpedition. Aus Kostengründen wurden alle Bahnbereiche in dieser Fachwerkkonstruktion unter einem Dach vereint.
Ammann bezeichnet diese Kombinationsbahnhöfe als Güterdienststation. Er ist der Meinung, dass es sich in Birrwil um die letzte ihrer Art in der Schweiz handelt. Die SBB ist anderer Ansicht und operiert auch mit einer anderen Bezeichnung: «Birrwil ist die letzte gut erhaltene Schuppenstation der Seetalbahn, aber nicht der Schweiz.» Ähnliche Gebäude seien in der Ostschweiz und an der Bözberglinie erhalten.
Entlang der Seetalbahn gab es ähnliche Bauten in Boniswil, Ballwil, Eschenbach und Hitzkirch. Geblieben ist nur Birrwil. 1984 wurde Birrwil der eisenbahnhistorische Schutzstatus «regional» verliehen. «Aufgrund der massiven Veränderungen der typengleichen Bauten» müsste wohl heute ein Upgrade auf «nationale Bedeutung» erfolgen. Die Entfernung der Holzverkleidung sei «zwar langfristig wünschenswert», so die SBB, aber kurzfristig nicht vorgesehen. (tf)

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