Blinde
Das Handy spricht, wenn Regina Reusser ihre SMS schreibt

Ohne Augenlicht in der Welt der Sehenden – die Lenzburgerin Regina Reusser zeigt, wie das geht. So fotografiert sie beispielsweise Dokumente mit dem iPhone und lässt sich den Inhalt vorlesen.

Ruth Steiner
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Unüberbrückbaren Hindernissen wie den Billettautomaten am Bahnhof begegnet Regina Reusser auf kreative Art und Weise. Chris Iseli

Unüberbrückbaren Hindernissen wie den Billettautomaten am Bahnhof begegnet Regina Reusser auf kreative Art und Weise. Chris Iseli

Eine synthetische Stimme aus dem Mobilgerät bestätigt ihr das Geschriebene laufend. Dank dieser akustischen Bedienungshilfe weiss Reusser jederzeit, auf welchen Buchstaben ihr Finger tippt. Ebenso flink wählt sie die gewünschte Nummer aus den Kontaktdaten und drückt anschliessend auf «senden».

Dem Sehenden fällt auf, dass der Display auf dem Mobil-Gerät immer dunkel bleibt, Reusser hat die Anzeige ausgeschaltet. Sie würde ihr nichts nützen. Zudem weiss sie haargenau, wo sich die einzelnen Symbole auf dem Touchscreen befinden, der spezielle Sprachsynthesizer für Sehbehinderte ist ihr auch beim Navigieren stets eine wertvolle Stütze. Trotz fehlendem Augenlicht lebt die junge Frau ein eigenständiges und eigenverantwortliches Leben.

Seit fünf Jahren arbeitet Regina Reusser beim Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen in Lenzburg. Hier hat die Organisation ihre Zentrale für Hilfsmittel, die sehbehinderte und blinde Menschen in ihrer Lebenssituation unterstützen. Reusser pendelt zur Arbeit, jeden Tag aus dem Kanton Zürich nach Lenzburg, dafür sitzt sie jeweils zwei Stunden im Zug. Zügeln will sie jedoch nicht, sagt sie, sie hat mit ihrem Lebenspartner ein Umfeld mit guten öV-Verbindungen gefunden. Der weisse Stock ist äusseres Zeichen von Reussers Blindheit.

Er hilft ihr, die Hindernisse, die ihr den Weg versperren, frühzeitig zu erkennen. Wie erlebt sie als Nichtsehende das Zugfahren in der steigenden Masse von Sehenden? Wird auf ihre Einschränkung Rücksicht genommen? Regina Reusser lacht und schüttelt den Kopf. «Viele Leute sind derart auf ihr Smartphone konzentriert oder in Gedanken versunken, dass sie mich erst bemerken, wenn es zu spät ist und der Zusammenstoss unvermeidbar.» Wenn die Leute anschliessend realisierten, dass sie einen weissen Stock dabei habe, sei es den meisten peinlich und sie würden sich entschuldigen.

Kaum unlösbare Situationen

Wo nötig, nimmt Regina Reusser diese Hilfen ebenfalls in Anspruch. Ihre Sehbehinderung hat sie jedoch erfinderisch gemacht für die vielen kleinen Dinge, die ihr den Alltag erschweren oder die selbstständige Bewältigung gar verunmöglichen: Das Einkaufen zum Beispiel: «Erledige ich problemlos per Internet und lasse mir die Einkäufe nach Hause liefern.» Wie entziffert eine blinde Person Briefe, Rechnungen, die im Briefkasten liegen? Auch dies sei kein Problem, meint Reusser, und zeigt auf das kleine Gerät, das neben ihr auf dem Tisch liegt. «Ich fotografiere die Dokumente mit dem iPhone und lasse mir den Inhalt anschliessend vorlesen.»

Regina Reusser hat sich ihr Leben unter den Sehenden so optimal wie nur möglich eingerichtet. Auf die Frage, ob es für sie überhaupt unüberbrückbare Hindernisse gäbe, muss sie tatsächlich einen kurzen Moment überlegen. Schliesslich kommt ihr doch noch etwas in den Sinn: die Billettautomaten an den Bahnhöfen. Doch auch dieses Problem umschifft die quirlige Frau: mit einem Generalabonnement der SBB.

Regina Reusser kennt die Welt der Sehenden, sie erinnert sich an die bunten Farben der Natur, an das Blau des Himmels und den goldenen Schein der Sonne. In ihrer Jugend hatte sie auf einem Auge noch genug Sehkraft, um Gesellschaftsspiele zu machen, Bücher und Zeitungen zu lesen. Der Prozess, der ihr das Augenlicht gänzlich raubte, war schleichend, erzählt sie. Dank ihrer Frohnatur hat sie sich den neuen Umständen jedoch immer wieder angepasst. Und dank dem iPhone fühlt sie sich «heute wieder bei den Leuten».

«Längst nicht alle Leute kennen die Bedeutung des weissen Stocks» Die Hilfsmittelzentrale des Schweizerischen Zentralvereins für das Blindenwesen (SZB) verkauft Artikel für Menschen mit einer Sehbehinderung. Der SZB öffnet am Niederlenzer Kirchweg 1 in Lenzburg am 31. Oktober und 1. November die Türen zu seinem Shop und zur neuen Ausstellung.  Stephan Mörker ist dipl. Verbands-/NPO Manager VMI. Er leitet das Ressort Hilfsmittel des SZB. Das Shop-Angebot richtet sich an sehbehinderte, taubblinde und hörsehbehinderte Menschen. Weshalb öffnet der SZB für die Öffentlichkeit die Türen? Stephan Mörker: Wir wollen betroffene Menschen und deren Angehörige auf ein blinden, sehbehindertengerechtes Einkauferlebnis aufmerksam machen. Es ist uns aber auch ein Anliegen, sehende Menschen für das Thema weiter zu sensibilisieren. Wir hoffen natürlich, dass möglichst viele Leute die Gelegenheit nutzen und die helle und kontrastreich eingerichtete Ausstellung besuchen. Wir wenden uns aber auch an unsere Vertriebs- und Beratungsstellen, welche Bedürftigen schweizweit Hilfe leisten. Jedes Kind weiss, wenn es einem Menschen mit einem weissen Stock begegnet, dass diese Person sehbehindert ist. Ist eine weitere Aufklärung der breiten Öffentlichkeit notwendig? Ich bin nicht sicher, ob jede Person die Bedeutung des weissen Stocks kennt. Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass viele wissen, dass es sich beim Träger dieser Orientierungshilfe um eine blinde Person handelt. Wie viele verschiedene Hilfsmittel bietet der SZB in seinem Shop in Lenzburg an? Unser Angebot für blinde und sehbehinderte Menschen ist sehr umfassend. Wir bieten 555 Hilfsmittel an, 137 davon sind in der Ausstellung zu sehen. Wir haben uns bewusst für eine Auswahl entschieden, um das Angebot nicht zu überladen. Im Gespräch erfahren die Besucher von weiteren Möglichkeiten. Zu den meist gefragten Artikel gehören die weissen Stöcke. Daneben wünschen viele sehbehinderte Menschen Uhren und Wecker, die vibrieren, sprechen oder taktil und kontrastreich angefertigt sind. Und es gibt eine konstante Nachfrage an Kommunikationsgeräten: Hörbuchspieler, aber auch Festnetz- und Mobiltelefone. Welches ist die jüngste Neuerung? Ziel ist es, bis spätestens 2016 eine sprechende Schweizer Uhr auf den Markt zu bringen. Diese ist momentan in Planung. Dazu arbeiten wir mit der Schweizer Uhrenbranche zusammen.

«Längst nicht alle Leute kennen die Bedeutung des weissen Stocks» Die Hilfsmittelzentrale des Schweizerischen Zentralvereins für das Blindenwesen (SZB) verkauft Artikel für Menschen mit einer Sehbehinderung. Der SZB öffnet am Niederlenzer Kirchweg 1 in Lenzburg am 31. Oktober und 1. November die Türen zu seinem Shop und zur neuen Ausstellung.  Stephan Mörker ist dipl. Verbands-/NPO Manager VMI. Er leitet das Ressort Hilfsmittel des SZB. Das Shop-Angebot richtet sich an sehbehinderte, taubblinde und hörsehbehinderte Menschen. Weshalb öffnet der SZB für die Öffentlichkeit die Türen? Stephan Mörker: Wir wollen betroffene Menschen und deren Angehörige auf ein blinden, sehbehindertengerechtes Einkauferlebnis aufmerksam machen. Es ist uns aber auch ein Anliegen, sehende Menschen für das Thema weiter zu sensibilisieren. Wir hoffen natürlich, dass möglichst viele Leute die Gelegenheit nutzen und die helle und kontrastreich eingerichtete Ausstellung besuchen. Wir wenden uns aber auch an unsere Vertriebs- und Beratungsstellen, welche Bedürftigen schweizweit Hilfe leisten. Jedes Kind weiss, wenn es einem Menschen mit einem weissen Stock begegnet, dass diese Person sehbehindert ist. Ist eine weitere Aufklärung der breiten Öffentlichkeit notwendig? Ich bin nicht sicher, ob jede Person die Bedeutung des weissen Stocks kennt. Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass viele wissen, dass es sich beim Träger dieser Orientierungshilfe um eine blinde Person handelt. Wie viele verschiedene Hilfsmittel bietet der SZB in seinem Shop in Lenzburg an? Unser Angebot für blinde und sehbehinderte Menschen ist sehr umfassend. Wir bieten 555 Hilfsmittel an, 137 davon sind in der Ausstellung zu sehen. Wir haben uns bewusst für eine Auswahl entschieden, um das Angebot nicht zu überladen. Im Gespräch erfahren die Besucher von weiteren Möglichkeiten. Zu den meist gefragten Artikel gehören die weissen Stöcke. Daneben wünschen viele sehbehinderte Menschen Uhren und Wecker, die vibrieren, sprechen oder taktil und kontrastreich angefertigt sind. Und es gibt eine konstante Nachfrage an Kommunikationsgeräten: Hörbuchspieler, aber auch Festnetz- und Mobiltelefone. Welches ist die jüngste Neuerung? Ziel ist es, bis spätestens 2016 eine sprechende Schweizer Uhr auf den Markt zu bringen. Diese ist momentan in Planung. Dazu arbeiten wir mit der Schweizer Uhrenbranche zusammen.

zvg

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