Lenzburg
Analyse zu den Einwohnerratswahlen: SVP in der Defensive, GLP im Aufwind?

Ruth Steiner
Ruth Steiner
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Blick vom Schloss auf die Stadt Lenzburg.

Blick vom Schloss auf die Stadt Lenzburg.

Sandra Ardizzone

Jung vor Alt? Qualität vor Quantität? Man könnte fast meinen, in den Parteigremien habe man sich dieses Credo im Hinblick auf die Erneuerungswahlen in den Einwohnerrat in zwei Wochen auf die Fahne geschrieben. Und zwar von rechts bis links, grosse wie kleine Parteien. Das Kandidatenkarussell präsentiert sich teilweise wie ein Who is Who in der Stadt. Dabei ist es der Nachwuchs der eingesessenen Lenzburger Familien, der sich jetzt prominent aufs politische Parkett wagt. Die meisten von ihnen sind etwa gleich jung – politisch tanzen sie jedoch auf völlig unterschiedlichen Bühnen.

Beispiele gefällig? Studentin Julia Mosimann (20) folgt den politischen Spuren ihres Vaters: Sozialdemokrat Daniel Mosimann ist aktuell Stadtammann. Studentin Phoebe Cueni (20) hat das Heu politisch ebenfalls auf der gleichen Bühne wie Vater Heiner Cueni, der für die Freisinnigen schon im Einwohnerrat sitzt. Ebenso Studentin Lydia Spörri (22), deren Vater Marcel Spörri (EVP) zu den amtsältesten Einwohnerräten gehört. Silja Kleiner (24) träfe im Parlament auf ihre «grosse» Schwester Linda (SP), die 2014/15, knapp dreissigjährig, den Einwohnerrat präsidierte.

Nebst dem Familiennachzug gibt es Kandidatinnen und Kandidaten, die bereits einen beachtlichen politischen Leistungsausweis vorweisen können: Kaspar Schoch (37) gehört zu ihnen. Der Politologe ist Geschäftsführer der FDP Aargau. Gymnasiast Aurel Gautschi (19) profilierte sich im Jugendparlament. Der SP-Kandidat ist zudem Präsident der Aargauer Schülerorganisationen. Nicht zu vergessen Genosse Rolf Glückler (62), der sich als fleissiger Unterschriftensammler für eine Tempo-30-Petition in der Aavorstadt/Burghalde einen Namen gemacht hat. Und last but not least würde die Altstadt Schub erhalten, wenn nebst «Bärli»-Wirt Sven Ammann mit seinem freisinnigen Kollegen und «Art-Cigar»-Inhaber Christoph Nyfeler (34) ein zweiter Rathausgasse-Gastronom in den Rat einziehen würde.

Bei den Gedankenspielen zum Wahlausgang lohnt es sich, ein paar Überlegungen zur parteipolitischen Zusammensetzung der Gremien zu machen: Bei den Stadtratswahlen im September holte sich die FDP einen zweiten Sitz. Damit ist die Lenzburger Regierung der kommenden vier Jahre wieder klar bürgerlich.

Im Hinblick auf die Einwohnerratswahlen in zwei Wochen kann man sich nun fragen, welche Auswirkungen dieser Rechtsrutsch auf die künftige Zusammensetzung des städtischen Parlaments haben könnte. Werden die Bürgerlichen den Schwung aus der Stadtratswahl in den Einwohnerrat mitnehmen können? Oder geht der Linksrutsch, wie fast in allen übrigen Schweizer Städten, auch im Lenzburger Parlament weiter? Den Sitzgewinn vor vier Jahren verdankt die SP einem hauchdünnen Vorsprung auf die FDP. Diese hatte 2013 gar zwei Sitze abgeben müssen und sinnt jetzt auf Revanche. Wie können sich die kleinen Parteien behaupten? Vor allem jene, welche auch ihre bisherigen Zugpferde verlieren? Wie beispielsweise die Grünen, bei denen Stefan Zantop nicht wieder antritt.

Grundsätzlich wollen alle Parteien zulegen, zumindest ihre Anteile halten, verlieren ist tabu. Doch sind all die hehren Ziele auch realistisch? Ein Fragezeichen ist hier angebracht. Es ist nämlich ebenso gut möglich, dass in der kommenden Legislatur nur noch sieben Parteien im Ratssaal vertreten sein werden.

Die Kandidatenlisten fallen dieses Mal nicht so üppig aus wie auch schon. Als einzige präsentiert die SP eine Liste mit 20 Namen, gefolgt von der FDP mit 19. Vergleichsweise bescheiden fällt das Kopfangebot bei der stärksten Fraktion aus: Die SVP tritt nur gerade mit 12 Frauen und Mannen an, 8 bisherige und 4 neue. Ob das als Vorzeichen zu werten ist, dass die Strahlkraft der SVP in der Stimmbevölkerung schwindet? Vergleicht man nämlich die Wähleranteile der SVP in der Stadt Lenzburg bei den Einwohnerratswahlen 2013 mit den Ergebnissen der Grossratswahlen 2016, lässt dies aufhorchen: Minus 5,2 Prozent.

Als Schlussfolgerung könnte man sich fragen: Muss die SVP gar um einen Sitz bangen? Ein kurzer gedanklicher Exkurs zur Volkspartei sei an dieser Stelle erlaubt: Wie stünde die SVP im Einwohnerratswahlkampf da, wenn sie ihre Kronfavoritin und weit über die Parteigrenzen hinaus geschätzte Brigitte Vogel hätte auf den Schild für den Stadtrat hieven können?

Bei der SP ist es gerade umgekehrt. Sie legte zwischen den zwei Wahlereignissen 4,8 Prozent zu. Doch die Linken vermochten das Popularitätshoch aus den Grossratswahlen nicht auf die Stadtratswahlen zu transferieren. Ihre Kandidatin blieb auf der Strecke. Wieso aber nutzt die SP nun die Bekanntheit der durch den Stadtratswahlkampf gestählten Kandidatin Beatrice Burgherr nicht für den Einwohnerrat aus?

Möglich, dass es im Spannungsfeld zwischen rechts und links einen lachenden Dritten geben wird. Die Grünliberalen. Vor vier Jahren haben sie ihre Mandate von zwei auf vier verdoppelt. Wählermässig eher im linken Lager angesiedelt, sind sie in Lenzburg finanzpolitisch bisher stramm der bürgerlichen Linie gefolgt. Und sie sind ein Farbtupfer im eher stillen und vor allem mit klassischen Mitteln (Plakataushänge und Standaktionen) geführten Wahlkampf. Ihre «Begegnungen» zu den Themen Lärm und Lichtverschmutzung sind aktuell, aus ökonomischer wie ökologischer Sicht spannend und gehen alle etwas an.

Was vermögen die grossen Parteien bei den Wahlen auszurichten – wie metzgen sich die kleinen? Gelingt dem Nachwuchs der Sprung auf die politische Bühne? Eine zuverlässige Prognose zum Ausgang der Einwohnerraswahlen zu machen, ist schwierig. Am 26. November wissen wir mehr.